Verdichtung

«zuerivitruv» kennt die Geschichten hinter den beiden originellen und gelungenen örtlichen Verdichtungen nicht. Doch ein Blick genügt: Da wurden nicht mehr gebrauchte Fabriken oder Manufakturen erkannt und deren Bausubstanz äusserst geschickt und schöpferisch umgebaut und wesentlich vergrössert. Das sind willkommene Bausteine in der Verdichtungsphase unserer Stadt. Die Resultate: schöner als bisher und dazu noch zehn mal interessanter als die meisten Neubauten.

Jan De Vylder, Professor an der ETH, nennt solche Fälle lieber «verändern» als «umbauen». Das wirft Licht auf unsere beiden Beispiele. Der Zugang (Approach) zur Aufgabe besteht nicht darin, den Gipser zu holen. Zuerst kommen Architekt und Bauherr mit einer Einschätzung. Vielleicht waren sie auf der Suche nach solcher Beute. In beiden Fällen zu einer schöpferischen Leistung gekommen, die begeistert. Zeitgemäss spart verändern gegenüber Abriss/Neubau viel graue Energie.

An der Rautistrasse wirkt das «rauti-huus» als Signal im Niemandsland. An der Limmat, im Visier der Ampèrebrücke, hat unsere Stadt einen Edelstein bekommen. Wir erinnern uns wieder einmal an Andrea Palladio (1508-80): ein Gebäude solle «ornamento alla Città» sein. Hier haben wir also eine Art von Verdichtung festgemacht, die der Stadt etwas gibt. Drei und vier Postings zurück finden wir im Gegensatz dazu die stadtverletzende Hau-Ruck-Verdichtung mit Hochhäusern, welche Graue- und Betriebsenergie verschwenden und Bewohner hors-sol stapeln.

Stadtbild: nur Wichtiges darf wichtig sein

Das gedankliche Turnen gelingt ausserhalb der eigenen Stadt besser, weil die Befangenheit kleiner ist. Paris sagt zum Eiffelturm ja und seit 1973 konstant nein zur Tour Montparnasse. Warum?: Es geht nicht, dass rein kommerzielle Büroflächen in den allen gemeinsamen Luftraum über der Stadt eindringen, die Übersicht beeinträchtigen und damit die Stadt klein machen. Der Status des Überragens des Häuserhorizonts muss verdient sein. Er wird zu einer Frage des Respekts vor dem über Generationen gewordenen Stadtbild gemacht. Das ist die Baukultur von Paris. Diese ungeschriebene kulturelle Regel erlaubt den Wandel im bestehenden urbanen Flachbau mit den für Haussmann typischen 5 Etagen plus Attika. 

Auch die bereits 1967 beschlossene Ausgliederung von Hochhäusern in die Défense hinaus wurde gestaltet. Alle wissen, dass der Kern der Défense – die Arche de la Défense – auf der Verlängerung der Champs Elysées liegt. Weniger bekannt ist, dass dort eine weitere Achse schneidet: die Fortsetzung des Champ de Mars mit dem Eiffelturm (Posting 16. August 2023). Stadtgestalt ist anstrengend und schafft Werte. Laissez Faire, wie in Zürich mit dem Hochhaus-Stoppelfeld, ist im Vergleich beschämend.

Der gegenwärtige Paradigmenwechsel aus Gründen von Energie und CO2 gibt der Planung und der Politik die Chance und die Aufgabe in die Hand, den Städtebau ausgehend vom Bestand neu zu formulieren. Was geschieht mit dem Gesichtsverlust der aus heutiger Sicht falsch gehandelt Habenden? Ganz einfach: Colpa CO2!

Groteske Omnipräsenz

Im Unterschied zum Mount Fuji – dem heiligen Berg Japans – sind die aus der Stadtsilhouette herausragenden Hochhäuser von Zürich weder Objekte der Verehrung, noch sind sie erfreulich in ihrer zufälligen Streuung in Form eines chaotischen Stoppelfelds. Hokusais «One hundred Views of Mount Fuji» zeigen die Sicht des heiligen Bergs aus verschiedenen Gegenden Japans. Erhebung muss etwas mit Bedeutung zu tun haben. 

Es ist die Eigenschaft von Hochhäusern, herauszustechen und von überall her sichtbar zu sein. Im offenen Gletschertal von Zürich sind sie Störung des Stadtbilds. Aus Störung kann nur dann Bedeutung werden, wenn das Objekt höheren Zwecken der Allgemeinheit dient. Erst dann wird Bedeutung und Gestalt kongruent. Sind es nur kommerzielle «Placements», gerät der Ruf der Stadt unweigerlich in Zweifel: Schaut denn niemand, keine Behörde, keine politische Instanz für das Stadtbild? Ist die Stadt geistig durchkommerzialisiert? Haben sich Kultur, eigene Geschichte und Eigenart der Stadt abgemeldet? Wollen wir, dass Mammon-Türme unser Stadtbild dominieren und Zürich einer asiatischen Schnellaufbaustadt gleicht? Wir müssten uns die Frage stellen, wie es überhaupt zu diesem Unglück gekommen ist. Soviel ist bekannt: Zürich fühlte sich Ende der Rezession der Neunzigerjahre so geschwächt, dass händeringend eine Medizin auf den Tisch musste. Es war die falsche. Heute sehen wir das chaotische Resultat. Und hier die Frage, warum im Übergang zum über Jahrzehnte anhaltenden Boom der Ausstieg aus der schädlichen Medizin verpasst wurde. Ein Redaktor nannte als Grund den amtlichen Baufilz: Festhalten an obsolet gewordenen Gewohnheiten trotz veränderten Umständen.

Ist Hochhaus-Wildwuchs legal?

«These ugly buildings are the ones that will be the most visible” sagt ein Kommentar zum letzten Posting, das vom Zürcher Hochhaus-Wildwuchs handelt. Es muss hier deutlich festgehalten werden, dass Hochhäuser gemäss geltenden Richtlinien einer städtebaulichen Begründung bedürfen, um eine Bewilligung zu erlangen. Fehlt diese, ist ein Hochhausprojekte illegal. Die beiden projektierten und das bereits gebaute Hochhaus «Basilisk» in Altstetten erfüllen diese Bedingung in keiner Weise, denn sie stehen in «the middle of nowhere». Es gibt keinen Grund diese belanglosen Stellen zu markieren. Die geltenden Hochhausrichtlinien sahen Hochhäuser als Ausnahme. Z.B. als begründete Akzente im Stadtgewebe von Zürich – doch keine Rede von unkontrolliertem Wildwuchs. Der erwähnte Kommentar beleuchtet den Aspekt der Stadtgestalt und kritisiert das wilde Herausragen von Wohnsilos aus dem Stadthorizont. Der horizontale und typisch europäische Häuserteppich wird durch herausragende «Stickel» verdorben und als Ganzes chaotisch und schliesslich unappetitlich. Wie die Tour Montparnasse in Paris schon 1973 zeigte, genügt ein einziger Fehltritt um ein Stadtbild zu verderben. Streicht der Blick über eine europäische Stadt, muss «Herausragendes» von Bedeutung für die Allgemeinheit sein. Tut es das nicht, entstehen Störgeräusche und die Stadt disqualifiziert sich selbst. Bleibt die Frage: Sieht das Hochbaudepartement Altstetten als illegales Opferquartier? Und: fühlt sich das Amt für Städtebau für die Stadtgestalt nicht verantwortlich?

Blindes Vollgas in Altstetten

Bisher beklagten wir, dass sich Hochhauswände entlang des zwei- bis dreihundert Meter breiten Gleisfeldes anlagern. Beides im Sommer «exzellente» Wärmespeicher und alles zusammen ein gigantischer Hitzekanal. Weiter südlich kommt jetzt die Baslerstrasse mit zwei Projekten in Fahrt. Wie der Tages-Anzeiger (Bild) kürzlich berichtete, sind zwei Hochhäuser von 60 und 80 Metern Höhe dabei, dazwischen zonenkonforme Wohnbauten mit einer Freifläche. 

Gemäss den geltenden Hochhausrichtlinien bedarf ein Hochhaus einer städtebaulichen Begründung und gilt als zu bewilligende Ausnahme. Wie wir alle feststellen, wird diese Bedingung seit langem in den Wind geschlagen. Das Hochbaudepartement nutzt ziemlich unverfroren den Umstand «wo kein Kläger, da kein Richter». Das ist auch der Grund für das chaotische Stadtbild, das Zürich zunehmend einer asiatischen Schnellaufbaustadt gleichen lässt. Hochhaus-Streubauweise führt nicht zu einer schönen Stadt, die der Bevölkerung Freude macht und Gäste beeindrucken könnte.  

Das Klima sagt, dass eine Stadt günstig ist, die Gebäude im Horizont von Grossbäumen hält. Das sind 4-6 Etagen. Paris erreicht mit seinem «Gabarit» (Höhenplafonds) von 5 Etagen plus Attika zusammen mit Barcelona die grösste Dichte in Europa. Das Bild hingegen zeigt, dass Zürich noch immer auf wehrlos der Sonne ausgesetzte Zementburgen setzt, die den Horizont von Grossbäumen bei weitem übersteigen. Stadtklima und Klimaziele adé.

Europa geht es vergleichsweise gut

Die europäische Stadt ist viel besser und tüchtiger als wir meinten; im Paradigmenwechsel Energie / CO2 steht sie plötzlich erstaunlich gut da.

Das Gefühl des «Ungenügens fürs Auto» hat uns Jahrzehnte in dieser Erkenntnis blockiert. Da Städtebau in der Schweiz – nicht zuletzt mangels Ausbildungsstätten – kaum offen diskutiert wird, sind wir in der Erkenntnis etwas stehen geblieben. Die Amerikaner (wir sprechen nicht von der Ausnahme Manhattans) sind jetzt vor der Frage «low energy/CO2» gestrandet. Sie haben mit Stadtautobahnen und gigantischen Parkierungsflächen in bald 100 Jahren eine viel zu grosse Autoinfrastruktur geschaffen. Die Städte sind darum ausgedünnt und deshalb zu stark ausgedehnt und energetisch völlig ineffizient. Sie können kaum mehr durch den öffentlichen Verkehr erschlossen werden. Von Dichte und Fussläufigkeit keine Spur. Die Städte in Europa sind nie vollständig ins Auto gekippt; wir können zurück zur durchmischten erlebnisreichen Stadt der kurzen Distanzen. 

In Barcelona gab es bei der Transformation im Strassenraster (Zusammenlegung von je 9 Strassenblocks zu einer Superilla) vor allem Gewinner (Läden / Geschäfte / Erwachsene und Kinder) und kaum Verlierer (Porsche- Showroom). Uns winkt bei der Transformation das quirlige Leben in Nachbarschaft und Stadt. «Lokaler wohnen und arbeiten», «mehr lebenswertes Stadtgewebe / weniger isolierte Hochhaustürme», dies und vieles mehr wartet jetzt darauf, koordiniert zu werden. Es braucht dazu die Volonté Générale; das Klima (Energie und CO2) winkt dabei mit dem Zaunpfahl. Die Formulierung der Vision liegt bei der Regierung.

CIAM adieu!

Werden wir im Thema des letzten Postings – CIAM und seine Funktionstrennung – einmal ganz konkret: Schauen wir doch, was alles in Paris (auch New York) ohne diese Trennung möglich ist (müsste der Rayon grösser sein, gibt es die Métro oder die Subway – bei uns VBZ und ZVV). 

Vor ein paar Jahren wollte «zuerivitruv» in Paris noch dickköpfig die Glaskuppel der Galeries Lafayette sehen, obwohl er «ennet» der Seine verabredet war. Entsprechend aufgeregt war er als er beim Herauskommen die Zeit sah. Nach Gefühl suchte er den Weg, geriet über die Place Vendôme und durch die Tuileriengärten, querte die Seine über die ingeniöse Passarelle «Solférino» (Ingenieur Marc Mimram) und stiess an leicht verschobener Stelle auf den Boulevard Saint Germain mit dem Café de Flore und der sensationellen Buchhhandlung L’Ecume des Pages. Die Uhr und die freundlichen Gesichter der dort wartenden Freunde sagten ihm, dass er pünktlich war. Dass 20 Minuten wider Erwarten für den Trajet genügten, lehrt uns, dass eine funktionsdurchmischte Stadt im Gebrauch nicht zu schlagen ist. All die durcheilten Orte hinterlassen innere Bilder. Paris ist eine Stadt, die trotz Kolossalität immer wieder durch örtliche Höhepunkte und Detailpflege überrascht. Ganze Welten sind in kurzer Zeit «erlaufbar». Ob gute Fussläufigkeit doch etwas mit Schönheit einer Stadt zu tun hat?

Neues Gleichgewicht nötig

Machen wir den zeitlichen Sichtwinkel einmal ganz weit: 1928, gegen Ende der Industrialisierung (mit Emissionen der Schwerindustrie), gründeten Architekten den Congrès International d’Architecture Moderne (CIAM). Einer der philosophischen Punkte bestand in der Trennung von Wohnen, Arbeiten, Erholung, Verkehr. Die Reorganisation der Städte gemäss dieser Philosophie hat in der Folge die Pendlerströme erst erzeugt, unter denen die Zivilisationen heute ächzen. Der Flächenkonsum des Verkehrs zur Wiederverbindung der getrennten Funktionen wurde damals völlig unterschätzt. Das hat die dicht besiedelte Schweiz besonders getroffen. Seit dem bundesbernischen Verbot, weiter in die Landschaft hinaus zu bauen, gerät die CIAM-Philosophie plötzlich in direkten Konflikt mit der Schweizerischen Planungsgesetzgebung. 

Der Konflikt wird jetzt noch durch die Anforderungen bezüglich der Minimierung von Energie und CO2 akzentuiert. Wir wären alle unserer Stadtverwaltung dankbar, für die umfassende Wahrnehmung der Notwendigkeit, Bau und Planung neu zu organisieren. Jede Minute Warten lässt uns sinnlos in die falsch gewordene Richtung weiterbetonieren. Was alle schon wissen, ist, dass eine lokalere Organisation des Lebens Verkehr & Verkehrsflächen einspart und für die Verdichtung zur Verfügung stellen kann. Weil wir immer noch im CIAM stecken, merken wir nicht, dass Reserven vor der Tür stehen. Die Synthese aus Verdichtung und Umweltanforderungen ist in Griffweite.