Wahlbilanz

Orientieren wir uns in diesem Posting an der Vorstellung eines humanistischen Städtebaus. Eines Städtebaus, der eine schöne und lebenswerte Stadt zum Ziel hat. Der Weg ist in einer Zeit des Bevölkerungswachstums zurückzulegen. Das ist anspruchsvoll. Ein Rückblick auf die letzten vier Legislaturen (1 Legislatur = 4 Jahre) macht klar, dass die Bilanz in qualitativer Hinsicht negativ ist. In der neuen Legislatur erwarten wir vom Stadtrat ein Abheben. Der Nachholbedarf ist gross, die Erkenntnisse und Wünsche liegen auf dem Tisch (Notwendigkeit einer Stadtplanung, Beachtung von Energie/Klima/CO2, Entwicklung des Limmatraums, Realisierung der Säulenhalle Hardstrasse und vieles mehr). Zudem hat der Rat am 25. Februar entschieden, die Hochhausgebiete nicht zu erweitern.

Die beiden «Hochhausparteien» FDP und GLP sind schwächer geworden: Die FDP im Stadtrat, die GLP im Gemeinderat. Ob das Hochhausthema, das mit der Präsentation der Revision der Hochhausrichtlinien gegen Ende des Wahlkampfs dabei eine Rolle gespielt hat, wissen wir nicht. 

Unser erwartungsvoller Blick geht auf die gewählten Stadtratskandidaten. Wir stellen fest, dass unser Wunschkandidat für das Hochbaudepartement, Tobias Langenegger, gewählt worden ist, und zwar nicht knapp, wie erwartet, sondern mit Reserve auf Platz 6 von 9.

Mit der neuen Stadträtin Céline Widmer und dem neuen Stadtrat Balthasar Glättli ist die Chance für guten Städtebau eher gestiegen. Das Thema ist gesetzt: Qualität im Wachstum.

Der Preis des Wegschauens

Im Hochhausthema gehen vor und nach der Gemeinderatsdebatte vom 25. Februar die Wellen jetzt höher, als üblich. Namhafte Zeitungen machen unter Wegschauen von Tatsachen Stimmung für das Hochhaus. Leserbeiträge kontern oder springen auf. Statt Wahrheit entsteht Schaum. In der Presse fehlen die Grundsatzartikel von Fachleuten vollständig. 

Willentlich oder aus Unwissen übersehene Tatsache ist, dass es zur Verdichtung das Hochhaus nicht braucht. Das ist am 25. Februar im Rat deutlich an die Oberfläche gekommen.

Was wir befürchten müssen, wenn wir jetzt wegschauen:

  • Unnötigerweise erhalten wir alle ein unerfreuliches Stadtbild
  • Unnötigerweise entfernen wir uns vom Generationenwerk der schönen Stadt
  • Unnötigerweise wohnen wir gestapelt und abgesondert von der Umgebung
  • Unnötigerweise beschränkt sich unsere Verbindung zur Umgebung auf den Liftschacht
  • Unnötigerweise verschwenden wir 20-40% mehr graue Energie
  • Unnötigerweise verschwenden wir über 100 Jahre oder mehr zu viel Betriebsenergie
  • Unnötigerweise erzeugen wir zu hohe Baukosten und Mieten

Das wäre in etwa die Quittung des Wegschauens. Nach dem 25. Februar sieht es besser aus – wir können auf kommende Legislaturen mit Fokus auf Stadtgestaltung hoffen. Wie ein Patient auf Genesung.

Kraft zur Synthese

Wer die Gemeinderatsdebatte über die Hochhausrichtlinien vom letzten Mittwoch dem 25. Februar erlebt hat, schöpft Mut: Es ist möglich, aus Erfahrungen im europäischen Ausland zu lernen und gleichzeitig die neuen Erkenntnisse von Städtebau, Energie/Klima/CO2 einzubringen. Das haben uns die feinen Töne aus vielen Voten klargemacht. Das geschah gegen die Zwänge des Stadtrats, der aus den 2001 zu gross angelegten Hochhauszonen, 2024 noch grössere machen wollte. Lernstücke und neue Erkenntnisse sind durch die Hand einer Mehrheit im Saal zum Tragen gekommen. Wie sich die Voten ergänzten, und zu einer Voloté formierten, war beeindruckend. Die Vergrösserungsversuche der Hochhausgebiete sind, wie wir aus dem letzten Posting wissen, weggewischt.

Nach Abwendung der bedrohlichen Pläne, die über zu lange Zeit die Politik blockierten, wird viel Energie frei, die zur Verfügung steht, in der kommenden Legislatur in Zürich einen erfreulichen Städtebau auf die Beine zu stellen. «zuerivitruv» hofft, dass aus verschiedenen Ansichten nicht nur passive Kompromisse gemacht, sondern, dass daraus wahre Synthesen gelingen.

Stand 2026 Zürich

Das vorangehende Posting setzt sich nahtlos fort. Letzten Mittwoch belegte die Debatte über die neuen Hochhausrichtlinien den überaus schönen und für Parlamentsarbeit geeigneten Saal der dafür umgebauten ehemaligen Bullingerkirche bis gegen Mitternacht. 21 Anträge verlangten Begründung und Abstimmung. 

Die neueren städtebaulichen Erkenntnisse, wie Dichte durch «low rise / high density» aus energetischen Gründen und «für Dichte braucht es das Hochhaus nicht» aus sozialen, aber auch Gründen des Stadtbildes beeindruckte die hartherzigen «Hochhäusler» nicht. Das spiegelte sich in der Qualität der Voten. Die einen begründet, die anderen behauptend. Oder die einen humanistisch ausgerichtet, die anderen auf eiskalte Sachzwänge, die dann aber einer kritischen Prüfung nicht standhalten. Z.B. dass es für Dichte das Hochhaus nicht braucht und es bessere Methoden der Verdichtung gibt. Dass die odermattschen Quadtratkilometer von 40 Meter-Zonen tausende von Familien wegen der abgehobenen Kasernierung unglücklich machen würden, interessieren FDP und GLP offenbar nicht. Auch Bauvorstand Stadtrat Odermatt blieb in seinem Gedankengebäude, das sich mit seiner Hochhausinflation seit 2019 – aus heutiger Sicht – in die falsche Richtung bewegt hat, hängen. Der Antrag zur Streichung der schädlichen Zonen fand eine Mehrheit.

Man kann sagen, dass der Turnaround zur städtebaulichen Vernunft in Zürich sehr spät kommt. Dass er überhaupt gekommen ist, verdankt sich tiefgreifender Befassung der Links-SVP-Mehrheit der zuständigen Kommission mit städtebaulicher Materie. Zum Glück steht Zürich mit den Hochauszonen wieder nahe dem Stand 2001, vor der odermattschen Inflation.

Et les temps perdus? Sie hätten im andauernden Boom dringend für den Aufbau von Städtebau/Stadtplanung gebraucht werden können. Das ist jetzt den kommenden Legislaturen vorbehalten. Doch in den verlorenen Jahren konnte sich das unerfreuliche Hochhaus-Stoppelfeld ungehindert weiten Teilen der Stadtsilhouette bemächtigen.

La Surprise

Letzte Woche haben uns der Tages-Anzeiger zuerst und dann die NZZ mit dem Resultat der mehrjährigen Beratungen der zuständigen Kommission des Gemeinderats für die Revision der Zürcher Hochhausrichtlinien – wie aus dem Nichts heraus – mitten in den wogenden Wahlkampf hinein überrascht. Weil alles alles beeinflusst, muss ihm das eine Wendung bescheren. Das anspruchsvolle und viel Fachkenntnis erfordernde und deshalb in der Vorwahlzeit gefährliche Thema des Hochhauses konnte bis dahin von allen Seiten umgangen werden.

Wie ein Blitzschlag ist die Wendung bereits eingetreten, noch angeheizt durch eine zugespitzte Polarisierung durch die beiden gossen Blätter: «Links-Rechts-Allianz!»

In dieser Spannung öffnet sich plötzlich ein Fenster für Tatsachen und Wahrheit. 

Links-Rechts (alle Linksparteien plus SVP) hat begonnen, in ruhigem Ton Tatsachen über das Hochhaus auf den Tisch zu legen. Sie stellen sich damit auf den sicheren Boden der Wahrheit. Ganz anders auf Seiten von FDP/GLP mit ihren panikartig ausgestossenen Behauptungen. Die Parteien der Mitte haben sich noch nicht aus dem «Schermen» gewagt, werden es aber bald tun.

Ein wenig Vorgeschichte: Hochhäuser rollten wie Brandungen über die Städte, für europäische Stadtstrukturen bedeuteten sie oft Heimsuchungen. «Amerika» hat nach 1945 überall die Vorbilder geliefert. In der Folge kam es in Zürich zu ersten Hochhäusern, doch bereits 1984 hatte man genug von der Zahl und der zufälligen Streuung im Stadtbild. Die Volksabstimmung über den Bereich der Innenstadt sagte nein. Die 2001 über die halbe Stadt geworfenen Hochhausgebiete führen uns zum Heute.

Für ersthafte Fachleute nicht unerwartet – aber als Störung wie von der Seite her – kamen die harten Tatsachen von Energie/Klima/CO2. Deren Verdrängung durch das Amt, die dann auch noch den soziologischen Aspekt einschloss, bringen uns wieder zurück zum Anfang des Postings. Wir realisieren mit Überraschung: hier die Geerdeten, dort die Verdränger der Tatsachen.

Wer ist der nächste Bauvorstand?

Warum soll sich «zuerivitruv» in den Wahlen engagieren? Die Erfahrung hat gezeigt, dass Städtebau/Stadtgestaltung ausserhalb der Politik nicht erfolgreich sein kann. Darum lässt er sich zur Zeit des Eintreffens der Wahlcouverts in aller Verantwortung und bewusst auf die Äste hinaus. Er tut dies präzis und hoffnungsvoll für den Themenbereich des Hochbaus, was den Städtebau ausdrücklich einschliesst. 

Das Feld ist offen, weil Stadtrat André Odermatt das Hochbaudepartement verlässt. «zuerivitruv» hält in diesem Bereich von Planung und Bau nach einer klugen gestaltenden Hand für die nächsten Legislaturen Ausschau und findet in Tobias Langenegger die dafür bestens geeignete Person. Wohnformen, die bezahlbar sind, werden seine Förderung finden und guter Städtebau wird das Gewicht erhalten, das erforderlich ist, damit die Stadt in der Phase der Verdichtung ihre Lebensqualität erhalten kann. Sein Überblick, seine Sachkenntnis und sein politisches Geschick werden es ihm erlauben, in unserer Zeit des grossen Paradigmenwechsels das Optimum für Zürich anzusteuern.

Wo ist die Gote und schöne Stadt geblieben?

Wir könnten einen Historiker mit der Frage beauftragen, in welchen Epochen Zürich neben allem anderen eine gute und schöne Stadt sein wollte. Schon jetzt können wir garantieren, dass das in der Belle Epoque, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, der Fall war. Fast aus dem Nichts entwickelte sich die Palastbautradition von Zürich mit dem Metropol, dem Roten Schloss, der unteren Rämistrasse etc. Der Bevölkerung wurden grossartige Quaianlagen zur Verfügung gestellt. Weiter der Fall war das zur Amtszeit von Stadtrat und Stadtpräsident Emil Klöti. Er wollte, dass im Wachstum das Talbecken der Limmat, das untere Seebecken, die Stadt und die Höhenzüge von Uetli- und Zürichberg mit der Natur im Einklang seien. Gleichzeitig löste er das Wohnungsproblem in der damals stark wachsenden Stadt. Für sein umfassendes Werk wurde er 1930 mit dem Ehrendoktor der ETH ausgezeichnet.

Heute geht es um ein anderes Wachstum: Die Verdichtung innerhalb des Stadtgewebes. Und die Schönheit und der damit verbundene Stolz? – sind sie vergessen gegangen? Verdichtung ist nicht harmlos. Wie sie geschehen soll, müsste längst Diskussionsgegenstand sein; ausgehend vom Stadtrat, den Fachgremien bis zur Presse: Es ist das Thema der Gegenwart!

Doch Zürich schweigt und würgt und wählt. Thema sind einzig die Mieten, was berechtigt ist. Was dann aber für 100 oder mehr Jahre an Bausubstanz steht und damit unseren Lebensraum prägt, findet keine Erwähnung. Das gibt Zeugnis davon, dass «die schöne und angenehme Stadt» noch nicht auf dem Programm steht.

Jede weitere seelenlose Siedlung ist zuviel! Wir müssen unser Zürcher Stadtgewebe aktiv und mit Können verdichten. Bezahlbare Mietzinse sind von mehreren eines der wichtigen Themen. Es darf nicht nur – wie z.B. mit den Tamdepot-Hochhäusern – stadtschädliche Masse aufgetürmt werden. Jeder Bau, jede Siedlung soll ein Beitrag zur Stadt sein. Wir wachsen gerne «schön & angenehm». 

Carlos Moreno

Das ist ein Buch, das wir lesen sollten. Wir haben in und um Zürich wenig Platz und reagieren – ohne viel zu denken – mit Hochhäusern, obwohl zu viel dagegen spricht. «Wuhanisierung» ist nicht, was wir wollen. Vier Postings zurück haben wir im Artikel «Bulk» darüber gesprochen, dass jetzt, wo so viele Paradigmen wechseln und sich vieles gleichzeitig bewegt, es ratsam sei, auch vieles neu zu denken und (nach den Wahlen) mit neuen Personen eine neue Synthese zu versuchen.

Packen wir den Personentransport an: Das Lebenskonzept, von höherer Warte am Lenkrad des V8-SUVs jeden Einkauf einzeln über Stadtautobahnen anzusteuern, wird vom guten europäischen Stadtkörper abgestossen. Wir haben es nur zu lange – für Jahrzehnte – nicht bemerkt. «zuerivitruv» greift Carlos Moreno, den Verfasser von «LA VILLE du QUART D’HEURE» – heraus. Seine Qualifikationen sehen wir im Bild. Neben der Arbeit treibt uns die Versorgung mit Lebensmitteln und weiteren Gütern aus dem Haus. Dort packt Moreno mit seinem neuen Buch an. Wenn wir uns in der Stadt intelligenter organisieren, wird ein beträchtlicher Teil des Privat- (und öffentlichen) Verkehrs überflüssig. Das meiste soll dann innerhalb Geh- und Velodistanz erledigt werden und der «Charme» des Lebens wird dabei beträchtlich zunehmen. In den kleinen Distanzen verliert die Geschwindigkeit ihre Bedeutung. Ist «das Oberstübchen einmal neu vermessen» und sind wir in Zürich smart genug, ereignet sich die Transformation fast von selbst. «Smart» heisst: nicht durch Bauen und Zement, sondern durch neue Organisation. Das freut auch die Umwelt.

Wird der Stadtkörper nicht mehr so stark «geplagt», kann das «europäische» daran in Form von Lebensqualität wieder aufleben – das, was wir uns so oft in den Ferien in Italien und Frankreich holen. Wir sehen: ein Strom von Vorteilen und eine ganz grosse Chance für neue starke Persönlichkeiten der Zürcher Politik: Die nächsten Legislaturen können spannend werden.