Abschied von der Desinformation

Der Text im Bild bezieht sich auf die kommenden zwei Hochhaus-Abstimmungen vom 27. September und damit auf den im letzten Posting thematisierten Bilderstreit für das Abstimmungsbüchlein. Andreas Diethelm zeigt mit seinem Leserbrief im Tages-Anzeiger, dass der interessierte Stimmbürger unserer Stadt auch über ein Langzeitgedächtnis verfügt, das nicht unterschätzt werden darf.  

«Zuerivitruv» muss hier nur noch ergänzen: Der seit 2010 andauernde Einsatz der Administration Odermatt für das Hochhaus, die im Kukuksei des Abstimmungsbüchleins gipfelt, war seine letzte Amtshandlung in der vergangenen Legislatur.

Dass die Aktion von Odermatt verfehlt ist, belegt schon der Umstand, dass die umstrittenen zusätzlichen Hochhausgebiete in den Randzonen von Zürich liegen und deshalb in den für Familien noch bezahlbaren Gebieten. Wird den Abstimmungsvorlagen nicht begegnet, «verhochhäuseln» vier Quartiere im Norden und zwei im Südwesten von Zürich, weil dann für Grossimmos der Anreiz steigt, abzubrechen und ein Hochhaus zu erstellen. Es handelt sich dabei um ganze Quadratkilometer, die uns Odermatt und sein alter Stadtrat noch bescheren wollen! Das ist das eine. Das andere ist die 20-40% teurere Bauweise des Hochhauses, die sich in den Mietzinsen niederschlagen würde. Zusammen heisst das: Mehr Abbruch von günstiger Bausubstanz und an Stelle von Normalbauweise das nicht bezahlbares Hochhauswohnen.

Für einen Neubeginn, der diesen Namen verdient, scheint es «zuerivitruv» unabdingbar, wenigstens die grossen Fehler der vergangenen vier Legislaturen zu bezeichnen um damit den Kopf für das Schöne, Gute und Nützliche freizubekommen.

Schafft es der neue Stadtrat ein neuer Stadtrat zu sein?

Mit dem Bilderstreit der Abstimmungsunterlagen kommen berechtigte Zweifel auf. Wir wollen zwar den delikaten Prozess der Selbstfindung der Behörde nicht stören, doch gleichzeitig das Signal geben, dass an die neue Legislatur in städtebaulicher Sicht viel höhere Erwartungen gestellt werden als sie in der Praxis der diesbezüglich enttäuschenden vier Legislaturen zwischen 2010 und 2026 erfüllt wurden. 

Zum einen wurde das unfaire Kukuksei von André Odermatt nicht zurückgenommen: Trotz der Ablehnung von zusätzlichen Hochhausgebieten (Quadtratkilometer!) durch den Gemeinderat – der Legislative – hat Odermatt als schlechter Verlierer durchgesetzt seine Variante vor der gemeinderätlichen Korrektur in seiner letzten Sitzung vor seinem Abgang am 27. September zur Abstimmung zu bringen. Zum anderen mussten wir aus der Presse entnehmen (Tages-Anzeiger vom 2. Juli 2026), dass der neue Stadtrat den Gegnern ihre Grafik für das Abstimmungsbüchlein verboten hat.   

Es geht in der Abstimmung um ganze Quadratkilometer von neuen Hochhausgebieten in den Aussenquartieren – genau dort – wo bezahlbares Wohnen in Zürich überhaupt noch denkbar ist. Hochhauswohnen ist wegen der Bauform 20-40% teurer und schadet dem Aufwachsen der Kinder. Wir nehmen nicht an, dass die Stadt Zürich ihre hartherzige Baupolitik der letzten Jahrzehnte fortsetzen will und hoffen auf Gehör.

Bir-Hakeim versus Hardbrücke

Die Früchte von lateralem Denken können so aussehen: Bilder von Paris zeigen einen Weihnachtsmarkt (Coquilles) und ein zweites das Fest eines Arrondissements mit unendlich langer Tafel. Diese beiden Bilder haben «zuerivitruv» im Jahr 2021 elektrisiert. Schon lange hatte er über diese trennende Barrikade inmitten des neuen und sich aufrappelnden Zürich West geärgert. Es folgten immer wieder Postings mit der Idee die Hardbrücke als verbindenden und überdeckten Raum im Zentrum von Zürich West nutzbar zu machen: Zusammenführung der Quartierteile statt Trennung. 2025 hat die IG Zentrum Hardbrücke das Thema aufgegriffen und in der Zeitschrift «Hochparterre» bekannt gemacht. Gemeinderat Marco Denoth reichte mit Kollegen einen politischen Vorstoss dazu ein.

Soviel zur Vorgeschichte der Hardbrücke: Wie in Paris mit dem Pont de Bir Hakeim ging es auch in Zürich um eine grosse stadtquerende Infrastruktur auf zwei Ebenen. Paris hat die Infrastruktur um 1900 gestaltet und zu einem Begriff gemacht. Zürich stürzte die betroffenen Quartierteile ab 1972 durch die US-inspirierte Stadtautobahn ins Elend. Völlig unbegreiflich zwängte man 2011 das Tram zwischen die Stützen, statt es auf einer der zwei flankierenden Strassen zu platzieren und begleitete es noch mit Pollern. Damit war die Spaltung im Zentrum von Zürich West Tatsache geworden – just als der neue Stadtteil zu leben begann.

< Kein Bier auf Hawaii – kein Städtebau in Zürich >

Mit dem Vorschlag der «Säulenhalle» – der hoffentlich bald realisiert wird – würde Zürich in etwa das Niveau erreichen, das «Bir Hakeim» seit 1905 verkörpert. Dieser freundliche Wink geht an den neu gewählten Stadtrat, stadtprägende Projekte mit starker Hand departementsübergreifend und zusammen mit Privaten zu realisieren.

Pont de Bir-Hakeim

Ein «hhh hhh hhh» der Fahrt endet im üblichen Summton, wenn die Métro von Paris die Türen öffnet. Die Metro flüstert, weil seit 1974 gummibereift. Hier, nach der Überquerung der Seine und weiterführend nach der Station Passy verschwindet die Metro Aérien zwischen Türmen von pompösen Immeubles im Hang des gleichnamigen Quartiers. Zuvor überquerte die Linie 6 die Seine auf einem aufgestelzten Viadukt über der eigentlichen Brücke. «zuerivitruv» war dabei – erblickte aus der Höhe den Eiffelturm – und macht den Rückweg auf der unteren Eisenbrücke von 1905. Alle Fussgänger, die sich hier bewegen tun dies auf erhöhter Interessensstufe. So erklärte «zuerivitruv» einer Passantin, dass ihn dieses Mal das Thema «Ankunft der Technik um 1900 in der schon gebauten Stadt» nach Paris gebracht habe. 

Voraus gingen ab 1853 die linearen Eingriffe ins Stadtgewebe mit den baumbestandenen haussmannschen Boulevards, die eine zuvor nie gekannte Qualität im Aussenraum brachten. Später kam der Bau der Métro für die ganze Stationen am Stück in Form von Stahlkäfigen abgesenkt wurden. Die Linie 6 jedoch pirscht sich durch den halben Süden von Paris auf Eisenstelzen mitten im Boulevard de Grenelle etwa auf Höhe der zweiten Etage auf die Seine zu um dort den famosen Brückenschlag zum Hang von Passy zu veranstalten. Das hätte ja ganz scheusslich herauskommen können. Doch hier gelang eine faszinierende Stadtbauszene, weil weit über eine U-Bahnbrücke hinausgedacht wurde. Es muss ein Fieber gewesen sein, dass auch ganze Wohnblöcke mittanzten und Ecktürme zum Empfang der Métro Aérien produzierten liess.

Die einzige Unbekannte: Wer hat das technisch-urbanistische Gesamtkunstwerk angeregt, verlangt, oder gelenkt? Übersetzt auf «Zürich heute» kann das nicht die VBZ allein, das Hochbaudepartement allein, noch die Grossimmos allein gewesen sein. 

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Pont de Bir-Hakeim im Detail

Wie im letzten Posting festgestellt, ist Infrastruktur um 1900 in Paris Teil der gestalteten Stadt geworden. Wir gehen nach den städtebaulichen Betrachtungen in diesem Posting in die Details. Der Ort ist – obwohl «technoarchitektonisch» – populär und dient z.B. als markante Silhouette für Hochzeiten. Nachts kommen die Art Deco-Pendelleuchten, die sich mit den Stützen des Viadukts abwechseln, stadtweit zur Geltung. In Brückenmitte, wo die schmale Île de Cygne durchläuft, erhebt sich auf einem geräumigen Aussichtspodest die Statue einer kriegserzürnten Reiterin. Heute ein Foto & Selfiepoint. Ein Architekt und ein Ingenieur haben zusammengewirkt und den Ort dramatisch gemacht (am Bahnhof Stadelhofen war es Santiago Calatrava). 

Die die Seine flankierenden Stationsbauten Bir-Hakeim (süd) und «Passy» (nord) stehen auf griechischen Säulen mit Kapitellen, die in Eisen gegossen sind. Die Gehäuse sind in Backstein aufgemauert. Das Schwarz-Weiss-Bild zeigt auf der Seite von Passy mit «Aux 8 Nagas» das im Eckturm des grossen Immeuble eingebaute Restaurant. 

Wie schon fast üblich, kommt jetzt wieder ein Link zu unserer Stadt Zürich: Wenn Städtebau fehlt, gibt es nur den Weg in die Paragraphen, was in Zürich zwar vor allem von Mitte-Rechts beklagt wird. Doch der Schritt in einen initiativen, oder sogar innovativen Städtebau ist von dort her noch nie unterstützt worden. Die Entwicklungsvorstellung «Stadtraum Bahnhof 2050» ist seitens der Stadt die grosse Ausnahme, die die Regel bestätigt. Dürfen wir in der neuen Legislatur 2026-30 auf einen Aufbruch in die aktive Stadtgestaltung hoffen?

Den Verdichtungsprozess gestalten

«Bausubstanz & Leben im Gleichschritt» – das übernehmen wir vom letzten Posting. «Paris-Haussmann» hat diesen Zusammenhang vor 170 Jahren in Stein formuliert. Monet, Manet, Pissarro und Caillebotte haben ihn abgebildet. Mit geschickt platziertem Dekor suchen die Fassaden das Gespräch. Eine Haussmann-Fassade wird nicht abgebrochen, denn dieses Niveau und diese Ambiance ist kaum mehr erreichbar. Das ist keine Vergangenheitsschwärmerei: Die Leistung der Stadt Paris besteht darin, den grossen Schatz – diese enorme Volonté Générale – auch in unserer Zeit in Blüte zu halten.

«Wir» in Zürich haben parzelliert und gebaut: das Strassennetz perfekt und die Häuser in hoher Bauqualität. Die neuen Strassenachsen wurden an Kreuzungen in einem Punkt zusammengeführt, den man in den Ingenieurplänen jeweils mit «Platz» beschriftete. Doch es war allzu oft kein gestalteter Stadtraum, der Stimmung aufkommen liess. Es blieb beim geometrischen Schnittpunkt. Darum erlangte die Dimension von «Haus und seine Strasse» eher selten die volle Reife. 

Was schöpfen wir daraus?: Zürich soll dichter werden. Dieser Prozess kann – bei professioneller Lenkung in der neuen Legislatur – zu einem besseren und schöneren Zürich führen. Dann machen wir nicht nur Dienst nach Vorschrift, sondern wir machen aus den vielen neuen Anforderungen ein Gesamtkunstwerk. Die Formulierung von Weg und Ziel und den neuen Geist erwarten wir von der Stadt. Das wäre dann – nach Jahrzehnten der Passivität – der lange erwartete aktive Städtebau.

Die Aussenfassade des Blockrand

Die Reihe der über 20 Postings, die dem Blockrandbebauung gewidmet sind, kommt zu ihrem Ende. Hier sollen die formidablen Fassaden der Pariser Boulevards – unter dem Fokus «Haussmann» und «Boulevard» – beleuchtet werden. Da wir in Zürich zur Zeit von höheren Dichten sprechen, muss die Fassade der «Haussmannienne» ins Spiel kommen. Es ist mit einer Ladenfront im Erdgeschoss eine urbanere Form als z.B. in Fluntern, Wiedikon oder Hottingen.

Das Fassadenfest am Boulevard mit seinen Alleen wurde 1853 konzipiert: Der zweistöckige Sockel spricht mit der breiten Strasse. Darüber beginnt im zweiten Stock mit dem durchsausenden Balkon (Balcon filant) das Wohnen. Vor dem Rücksprung des Attika saust es wieder. Dazwischen Einzelbalkone und überall geschosshohe «French Windows». Das Muster ist gegeben, doch die Ausführung ist individuell, datiert und vom Architekten in Stein gemeisselt unterschrieben. Würde, Stolz und Qualität wurde eingefordert und auch geliefert. 

Die bauliche Umsetzung dieser theoretischen Prinzipien treibt schöne und heitere Blüten: Vom Bistro an der Ecke bis zum Spektakel im ganzen Raum des Boulevard. Dann gehen bis oben alle French Windows auf. Monet hat es am «Quatorze Juillet» gemalt. Wir sollen nicht kopieren, doch kann es nicht schaden, uns für die bevorstehende Verdichtungsstufe zu inspirieren: Bausubstanz und Leben im Gleichschritt.

In Zürich ist der Weg für Baupolitik und Stadtgestaltung frei

Im Zürcher Bauwesen muss es besser werden. Das sagt schon das letzte Posting: 16 Jahre kaum Vision, wenig Ziel in einer Zeit des Booms. Betriebsunfälle, wie die Depot-Hard-Türme, die forcierte Fortschreibung des Hochhaus-Stoppelfelds mit der Förderung von nicht bezahlbarem Hochhauswohnen haben bleibenden (gebauten) Schaden angerichtet. Die Fronten sind verhärtet, weil keine starken Ideen sie überbrücken konnten. Keine Begeisterung weit und breit.

Die Wahlen haben uns für das Bauwesen im Stadtrat ein gutes Team gebracht: Die Wiederwahl von Simone Brander im Tiefbau und neu von Tobias Langenegger im Hochbau. Simone Brander hat, wie schon gemeldet, begonnen, da und dort Lebensraum durch kleine Plätze zu schaffen. Und auf oberster Ebene der Zukunftsvision hat Brander den Konzeptentwurf «Stadtraum Bahnhof 2050» präsentiert. Diese neue hohe Ebene mit dem grossen Denken kann man schon fast französisch nennen.

Tobias Langenegger hat bereits verkündet, dass eine neue Ära begonnen habe. Das lässt hoffen. Aktive Stadtgestaltung ist – nach den passiven Jahren – denkbar geworden. Hier liegt eine besondere Chance: Für die Arbeit an der baulichen Zukunft von Zürich, braucht es gleich starke Partner: eine kompetente und mit Konzepten und Visionen vorausschauende Stadt. Damit kann sie endlich gleich lange Spiesse im Umgang mit privaten Bauherrschaften entwickeln – mächtige Grossimmos (eine neue Kategorie von Bauträgern) eingeschlossen. Wie die europäische Geschichte – insbesondere Paris – zeigt, sind private Bauherren bereit, an einem überzeugenden Konzept teilzunehmen. Eine solche Partnerschaft heisst «Ordnen & Realisieren». Ein Zürcher Beispiel könnte das Geschäftshaus Metropol (1892) zu Zeiten von Stadtbaumeister Caspar Conrad Ulrich und Stadtingenieur Arnold Bürkli sein.