Das Hochhaus – Träne von Kind und Familie

Um es vorwegzunehmen: Die am 26. September zur Abstimmung kommenden Quadtratkilometer von neuen und zusätzlichen Hochhauszonen in den zürcher Aussenquartieren sind für unsere Lebensqualität alles andere als harmlos. Das trifft die Aussenquartiere, wo vorwiegend Familien mit ihren Kindern in Normalbebauung mit Bodenbezug bezahlbar wohnen. Das heisst, dass bis etwa zum 3. Stock (= 4. Etage) Kinder freien Auslauf haben können. Darüber reisst dieser Lebensfaden, der eine erfolgreiche Entwicklung garantiert. Die Nabelschnur des Lifts, die das Kinderleben auf Spielkonsole und Handy reduziert hält auch Spielkameraden fern. Das Hochhaus schliesst die ganzen frühen Lebensbereiche aus, die historisch gesehen, selbst in ärmsten Verhältnissen möglich waren. Das Hochhaus wurde jahrzehntelang nie als Wohnform aus Sicht von Mensch & Bewohner – jung oder alt – hinterfragt. Es gab Warnzeichen, wie 1981 das bekannte Berliner Buch aus der Gropius-Hochhausstadt «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» von Christiane Felscherinow. Der früh verbreitete Ausdruck «Wohnsilo» bezeichnet die hartherzige Massenunterbringung bestens. So alt, wie das Leiden im Silo, ist die Verteidigung des Hochhauses für Wohnzwecke. Das zeigt sich gerade jetzt im Vorfeld der Abstimmung. Die Protektion des Hochhauses für Wohnzwecke kommt aus den erstaunlichsten Ecken. Aus dem Amt für «Städtebau» und von zu vielen Architekten.

Unter den allzu wenigen Stimmen, die sich jetzt der fatalen Meinung entgegenstellen, gehört der wohl bekannteste Städtebauer Europas: Vittorio Magnago Lampugnani. Im fast schon historisch gewordenen Hintergrund verweilt der weltberühmte dänische Städtebauexperte Jan Gehl, gefragter Berater von Städten und Verfasser von grundlegenden Büchern. Remo Largo, ehemaliger Chefarzt des Kinderspitals und Verfasser von Fachbüchern zur Erziehung platzierte seinen berühmten Satz «Sagen Sie mir einmal, wie man im 24. Stock ein Kind aufziehen soll». Im Bild sehen Sie das Titelbild des Buchs «Kindheit ohne Raum» von Marco Hüttenmoser. Er vergleicht unter anderem Kinder von A- und B-Familien die bodennah oder hors-sol wohnen. Eine Grundlage, die alle Siedlungsbauer konsultieren müssten. Allen voran die Amtsstellen, die die sozial gefährliche Vorlage zur Abstimmung bringen. Selbige Botschaft geht an die drei Parteien FDP, GLP und Mitte, welche mit ihrem völlig unnötigen Behördenreferendum die vom Parlament aus dem Programm gestrichenen Quadratkilometer zurückholen wollen. All diese Evidenz wird von den Hochhaustreibern weggewischt und das Kind – unsere Zukunft – soll hartherzig und bodenfern im Silo kaserniert aufwachsen.

Die Hochhäusler von Zürich

Stadtrat André Odermatt ist nach den Wahlen zurückgetreten, doch nicht ohne dem neuen Stadtrat noch ein Kuckucksei in die frische Legislatur zu legen. Sein Nachfolger Tobias Langenegger wird keine Freude haben, denn ein Kuckucksei ist ein Ei, das ein Kuckuck ins Nest eines anderen legt. Im Ei findet sich Odermatts Originalversion der Hochhausrichtlinien mit Quadratkilometern  von neuen Hochhauszonen (orange im Bild). Damit will Odermatt die Fortsetzung seiner schon lange fragwürdig gewordenen Hochhauspolitik dem neuen Stadtrat und der Verwaltung aufzwingen. Uns ist längst bekannt, dass es qualitativ bessere Möglichkeiten für die Verdichtung gibt als das Hochhaus. Für die Nachfolgenden stellt sich – noch in der Formierung begriffen – viel zu früh bereits eine Vitalitätsfrage. Das ist allein schon unfair. Dazu kommt noch der Angriff auf das gereifte Resultat jahrelanger Arbeit der gemeinderätlichen Kommission und des Mehrheitsbeschlusses im Gemeinderat von 25. Februar 2026.

Das ist gefährlich, weil die von den «Hochhäuslern» bereits weitverbreitete irrige Meinung, dass es für Verdichtung das Hochhaus brauche, kurzfristig nur schwer zu begegnen ist. Das weiss natürlich Odermatt und hat Chancen zu gewinnen. Die städtebaulich versierte Leserschaft von «zuerivitruv» wird seine Vorlage natürlich ablehnen. Die Abstimmungscouverts kommen gegen Ende August. Sie sehen: es geht nicht ohne Ihre Hilfe; persönlich und in Ihrem Bekanntenkreis.

Die am 25. Februar unterlegenen FDP und GLP haben das Behördenreferendum ergriffen, damit der Mehrheitsentscheid des Gemeinderats ebenfalls zur Abstimmung kommt. Dazu brauchte es keinerlei Aufwand – eine Unterschriftensammlung erübrigte sich.

Der alte Stadtrat und FDP/GLP/Mitte füttern Baulöwen

Börsenkotierten Grossimmos warten wie Löwen auf Beute. Gemäss Artikel NZZ «Der Anlagenotstand zwingt zu riskanten Wetten auf Betongold» vom 12. August bezahlen sie gegenwärtig unglaubliche Preise, sogar für völlig vernachlässigte Liegenschaften bzw. Grundstücke. Diesen Löwen zu Hilfe kommt der abgetretene Stadtrat Odermatt mit seiner Abstimmungsvorlage prall voll neuer, d.h. zusätzlicher Hochhausgebiete. Das wären Quadratkilometer im ganzen Norden und im Südwesten von Zürich. 

Dazu kommt, dass FDP, GLP und (unglaublicherweise) die Mittepartei mit einem Referendum gegen den Gemeideratsbeschluss vom 25. Februar vorgehen, der ebendiese exzessive odermattsche Erweiterung von Zürichs schon zu grossen Hochhausgebieten abgelehnt hat. 

In der gegenwärtig zugespitzten Situation ist das verantwortungsloses Spiel mit dem Feuer, das innert kurzer Zeit zu einer «Verhochhäuselung» dieser noch bezahlbaren Familienquartiere führen würde. Der Anlagenotstand hätte eine Abbruchwelle zufolge. Und da im 20-40% teureren Hochhaus gegenüber Normalbauweise pro Fall mehr Kapital platziert werden kann, entsteht noch zusätzlicher Anreiz. Das erklärt, warum diese Wohnform nicht mehr bezahlbar ist. In diesen ausgesprochenen Familienquartieren wäre das fatal.

Bei Zustandekommen einer oder beider Vorlagen würde sich das soziale Unglück auch noch in einer weiteren Ausbreitung des unerfreulichen Zürcher Hochhaus-Stoppelfelds in alle diese Randquartiere ausdrücken: «Wuhan everywhere».

Boulevard Rämistrasse?

Die Rämistrasse könnte mehr aus sich machen. Im Bereich zwischen Sonnegg- und Haldenbachstrasse ist sie eine beeindruckende schattige Platanenallee, neben dem neuen Kunsthaus jedoch eine grosse sommerheisse Steinwüste. Das Trottoir misst für Zürich reiche 7 Meter und gähnt vor Leere. Die bauliche Begrenzung ist die abweisende hermetisch geschlossene Steinfassade des Kunsthausneubaus. Trottoir und Fassade heizen sich schon am Morgen auf und strahlen den ganzen Tag – eine wahre Durststrecke.

«zuerivitruv» fragte in den letzten Jahren schon mehrmals beim Tiefbauamt nach den Baumreihen. Die Antworten fielen jeweils ausweichend aus. Offenbar ist der Stellenwert der Rämistrasse in der Stadt Zürich den Behörden noch nicht klar. Es müsste hier ein klassischer europäischer Boulevard durchlaufen, wie es überall auf dem Kontinent der Fall ist, wo ehemals Stadtbefestigungen standen. Unsere Ringstrasse könnte – wie in Wien – zum Begriff werden. «Schärfung des Stadtbildes» heisst dann die gute Tat. Dürfen wir in der neuen Legislatur darauf hoffen?

Der Boulevard im Hitzetest

Nach der fragenbeladenen Klimaanlage folgt jetzt ein Hitzetest des Boulevards – der mit mehreren Reihen von Grossbäumen besetzten Stadtstrasse. Diese Assemblage von Haus und Baum wurde in Paris inszeniert und war durchaus auch atmosphärisch gedacht, im Sinn von «Atmosphäre zur Schaffung von Stadtleben». Der Boulevard beherbergt einerseits die Bewohner der Grosswohnungen in den fünfeinhalbstöckigen «Haussmanniennes» und anderseits Verkehr und Flaneure auf Strassenebene. Der Boulevard ist ein Raum zum Treffen, ein Raum zum Glücklichsein, ein Raum wo Ideen wachsen. Die Augenbrauen der Fassaden sind mit dem Mezzaningeschoss und dem darüber liegenden «balcon filant» hochgezogen. Der reich beschattete öffentliche Raum evoziert Leben, Denken und Kultur. Zwischendurch: Das gibt es auch in Zürich an der Martastrasse beim Idaplatz.

Die jetzt weltweit ausgebrochene Hitzewelle erinnert uns an die neue Aufgabe der Städte, sich bezüglich Klima/Energie/CO2 zu optimieren. Dieser Aspekt rückt den Boulevard mit Schatten und Kühleffekt durch Verdunstung in den Vordergrund. Man kann ihn noch klimatisch verbessern, wie spanische Städte zeigen, die auf Ebene Dachstock Tücher spannen. Eine systematische Bewässerung der Wurzelbereiche ertüchtigt den Baum in seiner Rolle als sanfte Kühlanlage.

Das Wintergeschenk – der Blattfall – lässt die Sonne die Fassaden und Trottoirflächen erhellen und temperieren. Wer auf den Boulevard verzichtet, verliert auch dieses Geschenk. Weil der Boulevard Sommer und Winter klimatisch optimiert und Frühling und Herbst farbig akzentuiert, ist er auf lange Frist ein Gewinner, der sich jetzt ganz rasch vom Verstossensein in der Epoche der Moderne erholt – nicht zuletzt weil er auch eine Antwort auf die Hitze gibt. Im Vergleich lässt er die Europaalee hilflos zappeln. 

La Clim

Der Schlauch zeigt, was jeder zur Kühlung seiner privaten Räume sofort kaufen kann. Das ist ein staubsaugerähnliches Gebilde mit Rüssel durchs Fenster. Gleichzeitig ist es eine klimatische Kurzschlusshandlung. Sie lesen im Bild den Auszug eines Klimatextes aus der heutigen NZZ, der sagt, dass wer kühlt durch Erwärmung der Aussenluft dann alle zwingt, noch mehr zu kühlen. Das widerspricht Immanuel Kants grossem Wort «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein Gesetz werde». Dem Menschen scheint mit der selbstgemachten Erwärmung des Globus ein neues Rätsel vor die Nase gesetzt worden zu sein. Der Klimagalopp und die damit verbundene Klimakeule auf unsere schöne Zivilisation macht es etwas schwer, hier Heiteres zu schreiben. In diesem Posting geht es um die Klimaanlage; französich «La Clim».

Braucht der Städtebau und die Architektur eine kleine Revolution, wie es gerade die westschweizer Tageszeitung Le Temps fragt? Darin wird Peter Braun als «ingénieur équilibriste» erwähnt, der geeignete Gebäude den technischen Massnahmen, die Energie verbrauchen, vorzieht. Das können Vordächer (Brise Soleils), Storen und nicht zu grosse Fenster sein. Hilfreich ist ein Hof mit Bäumen und Brunnen. Damit sind wir bereits in dem uns bekannten Feld des Stadtgewebes, das zu bearbeiten mehr bringt als es dies im Fall von freistehenden Hochhäusern tut, die über den Alleebäumen in der Hitze braten.

Aus Persien kommt die uralte Idee des «tour à vent» der Kühle vom Keller in die Höhe des Gebäudes zieht. Soweit in diesem Posting wird klar: Es braucht neues Denken in der Architektur der Gebäude, wie auch in der Stadt als Ganzes.


Für das Gebäude: Z.B. Vorrichtungen für Beschattung und gute Ventilierbarkeit. 

Für die Stadt: Z.B. Fallwinde aus den Hanglagen beachten und aus der Stadtsilhouette herausragende Strömungshindernisse vermeiden.

Freie Betrachtungen

So federleicht, wie übertitelt, ist das letzte Posting mit seinen Empfehlungen nicht herausgekommen. Der freie Lauf ist für Ferien & Hitze besser geeignet. Tagträumen bringt Brände in Europa, die Strasse von Hormuz, die Investition von 1 Mia Franken in den (Ferien-) Flughafen Zürich, die Vorstellung des bisher schwersten SUV von Audi und El Nino als grosses Durcheinander auf unseren inneren Bildschirm. Klimaschläuche kriechen aus halb geöffneten Fenstern. In Paris wird wenigstens gesehen, dass wenn das jeder Einzelne tut, sich die Stadt aller dadurch enorm aufheizt. In New York sind das gegenüber dem Umland seit Jahrzehnten 10°C. Erhellend ist darum der Spruch «What you see is all there is” aus einem Buch von Daniel Kahneman. Er sagt, dass für jeden nur das gerade Sichtbare Realität ist; das was auf dem Tisch liege. Und da in unserer Welt gleichzeitig so viel läuft, kommt es zu einem Turm zu Babel. Alle reden drauflos und das Ganze hat das Nachsehen. 

Unter dem Titel «Der fantastische Realismus» sagten die französischen Forscher Louis Pauwels und Jacques Bergier aus, dass sich die Realität nicht darum kümmere, was der Mensch von ihr halte oder erwarte. Sie bestehe einfach, könne durch uns aber kaum je vollständig eruiert werden. In Instagram-Postings warb der Tages-Anzeiger kürzlich für Diversität. «zuerivitruv» schrieb dazu: «Bringt die Ausbreitung der Meinungsvielfalt die Entstehung einer kulturell wertvollen Volonté Générale in Bedrängnis?» Die Unzahl von bedrohlichen Geschehnissen und Fehlverhalten legen uns nahe, zunehmende Diversität zu Gunsten des Ganzen einstweilen beiseite zu legen und gemeinsam an einer «Volonté Générale» zu arbeiten. Eine sinnvolle Gestalt, statt einem Meer zerriebener Körner.

Dazu gehören die Bereiche Energie/Klima/CO2 und da Zürich schon viel zu lange Familien und Kinder in Hochhäuser stapelt, die Realisierung geeigneter und menschenwürdiger Wohnformen. Etwas breiter: ein vollständiger «Reset» für die Stadtzürcher Baupolitik.

Federleichte Betrachtungen

Zürich ist, zumindest seit es 1887 die Quaianlagen eröffnete, eine formidable europäische Stadt! (Bild: Adolphe Tièche 1908). Damit sollen die federleichten Betrachtungen in der Sommerferienzeit beginnen. Konnten wir das Tafelsilber der Stadt halten, oder sogar erweitern? «Damals» und «Heute» sind beide Phasen des Aufschwungs. Damals mit hervorragenden neuen Strassenanlagen und Gebäuden, die heute Teil dieses Tafelsilbers sind. Dazu gehört das «Metropol» am Stadthausquai; ein reines Bürogebäude das mit seiner bewundernswerten Gestaltung der Limmat zum Ornament gereicht. Später kam am rechten Seeufer das «Frascati» dazu. Wer nennt uns ein Beispiel von heute?

In der gegenwärtigen Hitze suchen wir den Schatten. Es gibt ihn sogar im heissen Pavé von Zürich an der Stauffacherstrasse beim Bullingerplatz. Das muss 10°C kühler sein, so dicht stehen die Bäume. Ganz anders in der neuen Reihe von Hochhäusern am 300 Meter breiten Gleisfeld in Altstetten. Geleise und Betonfassaden heizen sich gegenseitig auf. Die Rückseite der Hochhäuser an der Hohlstrasse überragt die Baumreihe bei weitem. Die Bewohner braten gnadenlos in der Sonne. Deren Kleinkinder haben von dort oben keinen Auslauf, wenig Bewegung und kaum Spielkameraden. Züchtet die Stadt Zürich gerade eine in ihrer Entwicklung behinderte Generation heran? Eine weitere Frage: Sind solche Hochhauswände und das seit 2010 gewachsene Hochhaus-Stoppelfeld (unteres Bild) für das Stadtklima in Zürichs schwachwindigem Sommer eine gute Idee, oder ein Strömungshindernis?

Deutsche fragten «zueriuvitruv» schon vor Jahren bewundernd, wie wir es fertigbrachten die Waldkuppen auf den umgebenden Hügeln zu erhalten. Daraus können wir Ermunterung zu einer Gesamtbetrachtung schöpfen. Und Amerikaner fanden das Setting der Stadt in der Landschaft mit See und Alpen «beautiful», die Stadt selbst aber um einiges weniger. Aus allem hören wir heraus, dass Sommerhitze/Klima und die Stadtgestaltung und auch endlich das Wohlergehen der Kinder die nächsten Themen sein müssen.