Viel Tamtam um harmlose Auflagen

Bei der Vorstellung der neuen Hochhausrichtlinien sprach die Stadt leichtfüssig über «Erschwerungen für Hochhäuser» zur Presse. Doch kein Wort über die im vorletzten Posting erwähnten Quadratkilometer neuer Gebiete im ganzen Norden. Von Affoltern über Oerlikon, Seebach bis nach Schwamendingen und im Südwesten der Stadt: Zusammen mit den bestehenden Gebieten ein Meer von Hochhaus-Stoppeln. Zwischendurch und interessant: Das Tagblatt und die Blätter der Lokalinfo AG liessen sich nicht blenden. Denn die «Erschwerung» ist viel Tamtam über einen Nebenschauplatz. Dahinter verbergen sich einerseits die genannte Erweiterung der Hochhauszonen und anderseits die neu vorgeschlagene «Dubai-Zone» mit nicht beschränkter Bauhöhe. Das Tamtam kann auch ein Hinweis darauf sein, dass das schlechte Gewissen bezüglich der Hochhäuser durchdrückt, nämlich die Energiefrage, das Stadtklima und der übergrosse Aufwand an CO2. Diese neuen Zeitfragen sind schlichtweg übergangen worden. Vielleicht (hoffentlich) drückt auch das Schaden nehmende Stadtbild. Damit gebricht der Vorlage die Tauglichkeit für die Zukunft unserer Stadt. Da Tonnagen auf alle Zeit falsch gebaut würden, kann von der Einhaltung der Klimaziele nicht mehr die Rede sein. Als Zürich 2001 Hochhausgebiete erliess, geschah dies zur Anheizung der Konjunktur nach einer langen Rezession. Von der Wärme hat man zwar gewusst, sie ist jedoch nicht ins Kalkül einbezogen worden. Darf das eine Stadt 20 Jahre später für nochmals 20 Jahre tun?

Im Bild: orange die zusätzlichen Hochhauszonen, nebenan die Stachelstadt 2030

Bratpfanne / Ofenrohr

Das Pavé von Zürich, wo die meisten arbeiten oder wohnen, bratet in der Sommerhitze. In den achtziger Jahren, lange vor den Hochhäusern, warnte Peter Stünzi, damaliger Vorsteher des Gartenbauamtes, vor Hitzestau und empfahl beidseits des 200-300m breiten Geleisfelds grüne Ausgleichszonen auf den nicht mehr benötigten SBB-Werkstatt-Arealen. Quer dazu sah er alleebestandene Strassen. Stark durchgrünte zonengemässe Normalbebauung wäre auch noch «gegangen». 2001 und in der jetzt vorgeschlagenen Überarbeitung der HH-Richtlinien sind hier jedoch die grössten Bauhöhen vorgeschlagen, als gelte es die Hitze erstens professionell einzufangen und zweitens professionell in den Betonwänden zu speichern. Das ist eine ziemlich perfekte Anlage für Wärmespeicherung, die dafür einen Preis gewinnen könnte. 

«zuerivitruv» führt dieses eine von vielen Beispielen mit Galgenhumor auf, um zu zeigen, wie stark die neuen Richtlinien aus der Zeit gefallen sind. 

Neue Hochhausrichtlinien: tanto fumo – poco pane

Letzten Mittwoch sind nach 1 ½ Jahren Übrarbeitungszeit die Ende 2022 in die Vernehmlassung gegangenen Hochhausrichtlinien veröffentlicht worden. Fast 1 Jahr länger als erwartet dauerte die Überarbeitung. Eine grosse Zahl von Einwendungen sei eingegangen. Wie «zuerivitruv» weiss, auch sehr quaifizierte.

Jederman kann das Dokument im Internet ansehen und mit demjenigen von 2022 vergleichen. Das Erschrecken kommt, weil in dieser Zeit fast nichts passiert ist. Z.B. ist der Plan der Gebiete mit den Quadratkilometern von neu zu schaffenden  Hochhauszonen in grossen Norden (Affoltern-Oerlikon-Seebach-Schwamendingen) und im Südwesten gleich geblieben. Schon die Gebiete, die 2001 ausgeschieden wurden waren viel zu gross. Sie begründeten die Zürcher Streubauweise für Hochhäuser. Schon damals ein städtebuliches Versagen, das sich im heutigen unästhetischen «Stoppelfeld» äussert. Ebenfalls gleich geblieben ist die 3.5 km lange zone für Hochhäuser unlimitierter Höhe.

Das Vorhaben kommt bald in die entsprechende Kommission des Gemeinderats. Wir befinden uns schon eine Weile im Spannungsfeld von Energie, Klima und CO2. Das ist nicht neu, das ist kein schwarzer Schwan. Der diesbezügliche weltweite Paradigmenwechsel ist an den Verfassern vorbeigegangen. Die Vorlage ist heute aus der Zeit gefallen, die Chancen vor der Politik könnte sich als ungewiss erweisen. 

Links: Gebiete 2022, rechts 2024

Aufstockungsinitiative eingereicht.

Da die Initiative gestern eingereicht worden ist, kam der Abschluss nach 5 Postings doch zu früh. Es bedarf noch eines Überblicks. Mit der Initiative kommt ein alternativer Vorschlag eines Optimierungsvorgangs zur Erreichung von mehr Dichte. Aufstockung macht das durch breite Verteilung im Stadtgewebe und nicht mit disruptiven wild aus dem Stadtbild herausragenden Hochhäusern. Die Aufstockungsinitiative kommt einer qualitätvollen Verdichtung näher als mit in jeder Beziehung disruptiven Hochhäusern, die schon aus Gründen von Energie und CO2 je länger je weniger tragbar sein werden. 

Der Plan zeigt ein Stück Zürcher Stadtgewebe und will damit sagen, dass es ein Eintauchen darin braucht. Das typisch menschliche Suchen nach Opportunität kommt zum Zug. Nachdem in Zürich Jahrzehnte nur aufs einzelne Haus fokussiert wurde, kommt jetzt das Häusermeer ins Visier. Schauen wir auf den Gewebeplan, gibt es das einzelne Haus, die Gruppe bis zu ganzen Siedlungen, die für die Aufstockung infrage kommen. Ebenso weit ist der Fächer der Baurtäger: vom Hausbesitzer über die Pensionskasse bis zur Genossenschaft. Auf die Architekten wartet eine Aufgbe, die Können erfordert. Private Spürnase und Stadtplanung können sich ergänzen. Vielleicht wird Zürich einst durch diese Art der Verdichtung bekannt – eine von mehreren Alternativen zum unerfreulichen Hochhaus-Stoppelfeld. Dieser Weg muss ernsthaft geprüft und ausgestaltet werden.

1 Etage mehr

Im Jahr 2015 realisiert, kommt diese Aufstockung der Idee der Aufstockungsinitiative (+ 1 Etage) am nächsten. Der Massivbau aus dem Jahr 1947 wurde in Holzbauweise um eine Etage erhöht. Gleiches gilt für die angebauten Loggien. In den Plänen sind die neuen Teile in Rot ersichtlich, der Bestand schwarz und der Abbruch gelb. Die Architekten Kämpfen Zinke + Partner gehören zu den Zürcher Pionieren für Minergie-Bauten.

Auf diesem Grundstück an der Gutstrasse gelang Verdichtung durch Aufstockung zusammen mit einer energetischen Sanierung. Die Einsparung an Grauer Energie durch Erhaltung von Fundament und den drei Wohngeschossen ist beträchtlich. Für die Stiftung PWG (Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen der Stadt Zürich) geplant, war ein strikter Kostenrahmen einzuhalten. Die Ästhetik hat nicht gelitten – das Haus ist ohne Explosion von Kosten und Mieten interessanter und komfortabler geworden: Eine schöne Aufgabe und ein gelungenes Gleichgewicht.  Nach 5 Postings findet die Reihe zum Thema der Aufstockungsinitiative einstweilen ihren Abschluss.

Natürliche Vielfalt ohne Styling

Das Rauti-Huus, ein schon über 10 Jahre altes gebautes Beispiel. Es kombiniert die bisherige Büro- und Gewerbenutzung mit Dach-Maisonettes. Dabei ist mit dem neuen Wohnen in das oberste der Bürogeschosse eingegriffen worden. Die Gleichung lautet: 1 Etage Büronutzung weniger und 3 Wohnetagen mehr. Eine Rue Intérieure erschliesst die 17 Wohnungen. 

Was auch immer die baugesetzlichen Umstände zulassen – findige Architekten können immer interessante Lösungen anbieten. Für die ganze Stadt gesehen kann daraus eine natürliche Vielfalt ohne gesuchtes Styling entstehen. Hier das Projekt von Spillmann Echsle Architekten. Wenn die Aufstockungsinitiative «1 Geschoss mehr» bietet, ist das immer eine Aufgabe für talentierte Architekten. Im Guten kann Aufstockung ein gestalterischer Beitrag für die Stadt sein – Verdichtung ist es in jedem Fall.

Gehversuche mit der Aufstockung

Die Aufstockungen des «Widder» im Zürcher Rennwegquartier – zu welcher Zeit sie auch immer erfolgten – haben wir im vorletzten Posting kennen gelernt. Nach der Formulierung von Einschränkungen im letzten Posting wollen wir ein wenig Phänomenologie (Erscheinungsformen) betreiben. Zwei Extrempositionen sollen es in diesem Posting sein. Die geglückte frische Unbekümmertheit an der Ampèrestrasse am nördlichen Limmatufer und eine «Sopraelevazione» aus Rom. Das Zürcher Beispiel zeigt uns einen erfreulichen Beitrag im Stadtgewebe, der durch  ein Zusammentreffen von gönnerischem Spielraum der Behörde und einer praktisch-konstruktiven Idee zustande gekommen ist. Das Römer Muster ist zwar schillernd interessant, doch möchte man es nicht in der Nachbarschaft haben. Der Villino wurde zwar brutal geköpft und doch in seinem überlebenden Bereich liebevoll renoviert. Wir sehen auch hier: Die Aufgabe der Aufstockung ist anspruchsvoll und bedarf eines «Richters». Inzwischen ist die städtebaulich/architektonische Faszination durch die Aufgabe am wachsen: Bedenken und Faszination blicken sich in die Augen. Die FDP hat dieser Einschätzung Rechnung getragen und die Orientierungsveranstaltung vom 8. Juni im Architekturforum Zürich in die Hände des BSA (Bund Schweizer Architekten) gelegt. 

Aufstockungsinitiative

Die FDP der Stadt Zürich hat eine Initiative mit obigem Titel gestartet. Sie wurde bereits im Architekturforum Zürich zur Diskussion gestellt. In Genf ist eine solche Aktion schon 6 Jahre am Laufen. Eine Diskussion braucht Raum – lasst uns hier beginnen. Es ist klar, dass sich «Kistenarchitektur» am besten eignet, ebenso banale Siedlungen aus verschiedenen Jahrzehnten. «zuerivitruv» sagt – um ein Beispiel zu bringen – im Quartier Unterstrass mit seinen «Kappenhäusern» (in die Fassade heruntergezogene Dächer) eher nicht.

Und schon zeichnet sich ab, dass es eine historisch und architektonisch sehr kompetente Stelle zur Beurteilung braucht. Wie das letzte – als Einleitung zum Aufstockungsthema gedachte – Posting darlegte, waren Aufstockungen in Zürich in früheren Zeitaltern die Regel. Seit Häuser Architektur sind, ist Vorsicht geboten. Man kann sagen, dass sich additive Stile besser eigenen, als integrative. Das Beispiel Turnerstrasse links eignet sich selbstredend nicht, das Beispiel Ankerstrasse hingegen gut. Ein ausgewiesenes Architekturbüro hat diese Aufstockung zurückhaltend vorgenommen; gleich über mehrere Häuser hinweg.

Hinzu kommt – als Inspiration aus Genf – noch ein Umgebungskriterium. In Genf werden Aufstockungsvorhaben auch im Verhältnis zur Strassenbreite gesehen. Damit wird ein «humanistisches» Kriterium des guteuropäischen Städtebaus aus dem 19. Jahrhunderts wieder erweckt. In der ersten Runde sehen wir schon: «Aufstockung» ist ein anspruchsvolles Vorhaben, aber auch eine interessante Aufgabe von zeitgemässer Nützlichkeit und Notwendigkeit.