Bulk

«Bulk» ist auf englisch schiere, verdrängende, erdrückende Masse. Das, was man erleidet, wenn auf der nächsten Parzelle ein Hochhaus aufsteigt. Nach dem Krieg galt im zurückgebliebenen Europa jedes Hochhaus als Fortschritt. Bis 1984, dann hat Zürich den meist unbedarft platzierten Klötzen im Stadtbild per Volksabstimmung eine Absage erteilt. Gebietsmässig auf die Innenstadt beschränkt, weil die Industriezonen (das heutige Zürich West) noch nicht aufgehoben waren.

Der Europäer lebt in seinem schönen und interessanten Stadtgewebe. Wichtige Gebäude setzen aus dem Gewebe herausragende Akzente. Die meist erfreulichen Stadtbilder haben einen zweifachen kulturellen Ansturm aus «Amerika» erfahren: Die Hochhäuser und die Autobahnspaghetti. Gegenwärtig befinden wir uns in einem mehrfachen Umbruch. Vieles vom bisher Fortschrittlichen ist aus Gründen von Energie/Klima/CO2 und der neuen urbanen Lebensart in Frage gestellt. Wohnsilos und Stadtautobahnen sind out. Wusste Zürich, als es sich in den achtziger Jahren für das Tram entschied, dass es im Personentransportwesen einst (heute) an der Weltspitze stehen würde? Jetzt schüttelt man den ganzen Sack voll von Wohnen, Business, Verkehr, Kultur, Freiraum und vielem mehr und ordnet ihn neu. Man kann das kleingeistig mit viel Stöhnen und erleidend tun oder grossgeistig-smart als gegenwartskulturelle Leistung vollbringen. Der Motor, der zur neuen Synthese aller Aspekte drängt, ist die Suche nach dem glücklichen und lebenswerten Gleichgewicht.

Dafür ist das Ende der Bretter vor dem Kopf und der Übergang auf eine fliessende Stadtsilhouette von grosser Bedeutung, denn damit kommt der offene Himmel wieder nach Zürich zurück.

Zu gross, zu grau, zu anonym

Bleiben wir noch ein wenig beim Protest gegen diese grauen Monolithen – wie sie auf tsüri / Verkehrswende-Kolumne geheissen haben. Zwei Betonburgen sind genannt: die Türme der Wohnsiedlung «Depot Hard» zwischen Autobahnzubringer und Limmat und «Letzi» zwischen dem Gleisfeld und der Hohlstrasse. In den Türmen von Depot Hard werden 200 Kinder erwartet und der mäanderförmige Achtstöcker der Bebauung Letzi dient der Unterbringung von kinderreichen Familien. Sein stadtseitiger Abschluss mit einem Hochhaus beherbergt Senioren. 

Diese Baumassen kennen nur die Farbe Grau und das Material Beton. Wir gehen hier so stark ins Detail, weil diese Bauten die Spitze der gegenwärtigen Baukultur der Stadt Zürich verkörpern. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass hier kein «kalter Grossinvestor» kritisiert werden kann. Es ist die Stadt Zürich selbst, die die beiden Architekturwettbewerbe veranstaltet und durch das Raumprogramm die überdimensionierten Klumpen in die Welt gesetzt hat. Damit zwingend verbunden die Stapelung von Menschen in Silos. Die Übergrösse der Klötze stört das Stadtbild und verletzt den Massstab der Strasse. Die Monotonie macht das Trottoir zur Durststrecke, statt mit vielen Bauten zu unterhalten. Man kann das nur als «disruptiv» auf mehreren Ebenen gleichzeitig sehen. Für eine europäische Stadt ist das Gift, für eine chinesische Schnellaufbaustadt nicht.

Lehnen wir zurück: Hier werden im ganz grossen Massstab Lebenssituationen aufgezwungen. Nicht anders als in den schon im 20. Jahrhundert beklagten und gescheiterten Grosssiedlungen von Berlin, Paris oder Glasgow. Damit sei hier bekanntgemacht, dass in einigen Abteilungen der Stadtverwaltung nach den Wahlen «das Oberstübchen neu vermessen» werden muss und dass die neue Administration nach jahrzehntelangem Unterbruch wieder einmal eine Stadtplanung einrichten könnte.

Medien & Städtebau in Zürich

Wie schon zuvor dargelegt, braucht Zürich nach den Wahlen dringend die gestaltende Hand im Hochbaudepartement (Amt für Städtebau) und im Präsidialdepartement (Ressort Stadtentwicklung). Wie die letzten Postings zu zeigen versuchten, müssen sich die zwei genannten Amtsstellen gewaltig ertüchtigen. Wir stellen bis heute fest, dass in den Medieninterviews mit Kandidaten diese für die Biographie unserer Stadt lebenswichtige Qualifikation des Städtebaus (die im Unterschied zu vielen anderen eternell-prägenden Charakter hat) bisher mit keinem einzigen Wort erwähnt worden ist. Liegt «zuerivitruv» deshalb falsch? Zwei Betrachtungen dazu:

Heutige Medienwelt: Das Überfliessen von allzu leicht konsumierbaren elektronischen Medien führt – wie im heutigen Tages-Anzeiger zu lesen ist, zu einer Zuspitzung bei gleichzeitiger Ausdünnung der Themen. Zu lösende Problemfelder, die dazu Diskussion brauchen, fallen heraus und es entsteht an Stelle von demokratischer Arbeit viel nutzloses Geschrei. Das hat auch unser Zürich (mit dem Städtebau und der Stadtgestaltung) auf dem falschen Fuss erwischt.

Eine erfreuliche Überraschung: Gehen Sie auf TSÜRI (tsri.ch im Internet oder auf Instagram) und sehen Sie sich den Kommentar mit dem hier publizierten Bild an. Wo Städtebau bisher kaum Thema war, kommt jetzt eine klare Botschaft. 

«zuerivitruv» steht doch nicht allein da. Erstens wegen seiner treuen Leserschaft und zweitens, weil Thomas Hug-Di Lena sein hauptsächliches Thema der Verkehrswende auf Städtebau und Stadtgestaltung ausgeweitet hat. In seinen Bildern greift er dieselben Bauten, die wir schon bestens kennen, als «graue Monolithen» an. Feiern wir doch für heute dieses Zusammenfinden!  

Kriegserklärung ans Stadtbild von Zürich

Im vorgängigen Kandidaten-Posting blickte Ihnen der kritische Kopf auf dem Schlussstein über dem Eingang des Schulhauses Hirschengraben (1892) in die Augen. Der Architekt soll ihn als Botschaft an die Jugend bestellt haben. Die in diesem Posting gezeigte, inzwischen etwas verblichene Fotografie, erinnert an die kantonale Kriegserklärung an unser Stadtbild im Jahr 2014. Der 6 Mia schwere kantonale Angriff auf den Hangfuss des Zürichbergs hat im städtischen Hochbaudepartement keinerlei Widerstand ausgelöst. An der Vorstellung im grossen Auditorium der Universität haben besorgte Bewohner den städtischen Bauvorstand angefragt und wurden an den Kanton verwiesen. «Aber dieser Eingriff geschieht doch in – unserem – Stadtkörper!». Fünf Jahre später haben vier beherzte Anwohner vor Gericht gewonnen. Dann folgten Verhandlungen. Die 600 Meter lange und 50 Meter hohe Hochhauskulisse hat eine Absenkung von bis zu 30 Metern erfahren. Ein Fall von «Bewohnerstädtebau». Jetzt drehen sich die Kräne.

Historiker werden einst der Frage nachgehen, wie eine solche Fehlleistung überhaupt zustande kommen konnte. Der Standortentscheid, das Kantonsspital in Zürich statt in Dübendorf zu erweitern spielte eine Rolle, aber auch das über 6 Jahre gewachsene Raumprogramm, das dann einfach als Volumenzunami auf den Hang losgelassen wurde. Das durch die Absenz von Städtebau erzeugte Vakuum machte es möglich. 

Aus diesem Grund veröffentlichte Prof. Jürg Sulzer am 18. Mai 2024 in der NZZ am Sonntag den Artikel mit dem Titel: «Auch Zürich hat ein Anrecht auf guten Städtebau». 

Qualifikation der Kandidaten

Das vorgängige Rodeo-Posting hat unter anderem einen einfühlsamen Kommentar erhalten. Ein Satz daraus: «Jemand kann nur etwas, das er auch gelernt hat». Gemeint waren die Verantwortlichen für «Stadtentwicklung» (Stadtpräsidentin) und für «Städtebau» (Vorsteher Hochbaudepartement). «zuerivitruv» meint: Die erlebte weitgehende Absenz von Städtebau und Stadtplanung und die dadurch verursachten Schäden während 15 Jahren einer Boomphase seien zu viel. Und: wir müssen jetzt alles tun, dass sich diese Schwäche nicht fortsetzt. Mit der Energie/CO2- und der Wohnungsfrage ist der Weg enger geworden. Es könnte aber gerade deswegen ganz einfach werden: Das Hochhaus fällt aus Gründen von Grauer- und Betriebsenergie (über Jahrzehnte) weg. Ebenso aus Gründen der 20-40% höheren Baukosten, die auch die Mieten unerschwinglich machen. Von Familientauglichkeit noch gar nicht zu sprechen.

Gehört das Hochhaus fürs Wohnen nicht mehr zum Besteck des Zürcher Städtebaus, eröffnen sich mit der Bearbeitung des zu verdichtenden Stadtgewebes erfreulichere Perspektiven als mit der Fortsetzung der bisherigen Wuhanisierung. Dass die dichtesten Städte Europas ohne das Hochhaus auskommen (Paris, Barcelona), wurde hier schon oft gesagt. Für die Presse und für uns Wähler heisst das: die Stadtratskandidaten auf die beschriebenen Qualifikationen hin zu befragen.

Rodeo 2026

Vor vier Tagen endete der zweiteilige Rückblick auf das Jahr 2025. Das Fernrohr ins Jahr 2026 zeigt die unbändige Kraft eines Pferds, aber auch die Kühnheit des Cowboys, der sich nicht abwerfen lässt. «zuerivitruv» sieht heute keine bessere Metapher für das kommende Jahr und die kommende vierjährige Legislatur. Wäre «zuerivitruv» Regisseur, würde die Rolle des wilden Pferds mit den Grossimmos besetzt und die des tapferen Cowboys mit unserer Stadtverwaltung.

Darum herum rankt sich viel Schicksalshaftes, wie der Abschluss der Beratungen der Gemeinderatskommission über die neuen Hochhausrichtlinien und das Resultat der Wahlen mit Erneuerung im Stadt- und Gemeinderat. Für uns von Interesse ist das freiwerdende Stadtpräsidium mit dem Ressort «Stadtentwicklung» und das ebenfalls freiwerdende Hochbaudepartement mit dessen «Amt für Städtebau». Die Spannung ist nach schwachen Jahren des Cowboys gross, die Erwartung hoch. 

Um gleich klarzustellen: Beide Akteure sollen mehr als überleben, beide sind die wesentlichen Kräfte der Stadtentwicklung. Es geht um ein erfolgreiches Zusammenraufen mit dem Ziel, die Stadt im weiteren Wachstum in jeder Hinsicht zu verbessern. Der praktische Teil besteht bis zu den Wahlen vom 8. März darin, Kandidaten und Kandidatinnen, die unsere nächste Zukunft gestalten, schonungslos zu prüfen. Wir fordern im Rodeo der Kräfte eine starke Stadt. Dürfen wir hoffen, dass die Presse uns hilft und in den kommenden Interviews die relevanten Fragen stellt?

Wir wollen den Gesamtstadtrat als Team in der aktiven Entwicklung einer guten Zukunft sehen. Dann sind wir auch gerne bereit, nach unseren individuellen Möglichkeiten beizutragen. Wir wollen erleben, wie Gestaltungsfreude den kleinen Zank überflügelt.