Fünf Jahre Zuerivitruv

«zuerivitruv» dankt seiner Leserschaft ganz herzlich für ihre Treue und ihr Interesse. Er freut sich über die inzwischen auf über 900 gestiegene Zahl der Follower auf Instagram. Der Newsletter läuft auf Instagram seit fünf, im Internet (www.zuerivitruv.ch) seit 2 ½ Jahren. Jede Version hat ihre Vorteile. So erlaubt die Instagramversion durch scrollen in Minuten die ganze Geschichte zu überblicken. Auf Internet lässt sich die Wochenproduktion per Abonnement zustellen. Eine Zugriffsfunktion auf Monatsbasis erleichtert den selektiven Zugang.

Mit «zuerivitruv» lesen Sie die einzige regelmässige Publikation zum Thema Städtebau in Zürich. «Vitruv» im Namen bezieht sich auf den römischen Verfasser von zehn Büchern über Architektur (und Städtebau), geschrieben vor 2000 Jahren in der Zeit von Kaiser Augustus. Firmitas (Solidität), Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Schönheit) sind seine drei bis heute gültigen Forderungen.

«zuerivitruv» schreibt nicht zuletzt um der schon lange andauernden Städtebauschwäche unserer einmalig gelegenen und gewachsenen Stadt zu begegnen. Ermunterung ist ihm die diesbezügliche Stärke in der Belle Epoque und in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts. Wie heute waren das Wachstumsphasen. Die Stadt hat dabei jeweils gewonnen und ist schöner geworden. Im heutigen Boom ist das nicht mehr der Fall. 

«zuerivitruv» versucht die Szene unter dem aktuellen Paradigmenwechsel (Änderung der Leitsätze) zu beleuchten. Dabei spielen Energie/Klima/CO2 eine entscheidende Rolle. Dabei wird selbstverständlich die Qualität des öffentlichen Raums und des Wohnens im Auge behalten. Im Vorfeld der Wahlen von Stadt- und Gemeinderat gewinnen diese Gedanken an Bedeutung. «Der Weg» von Paul Klee (Bild) wird uns weiterführen.

Frühe Genossenschaftsbauten

«zuerivitruv» dachte, das Thema «Farbe» mit dem Ferienende abzuschliessen. Doch auf seinem Bildschirm warten noch zu viele interessante Kandidaten. Z.B. der frühe Genossenschaftsbau und ein Besuch im Quartier Garbatella in Rom. Auch «Holz» als neues Material in der Stadt erheischt Aufmerksamkeit.

Zum Genossenschaftsbau: Der Bauvorstand und spätere Stadtpräsident Emil Klöti förderte den bezahlbaren Wohnungsbau. (Das unterscheidet sich übrigens von der heutigen städtischen Förderung, die sich weitgehend auf den nicht mehr bezahlbaren Hochhaus-Städtebau verlegt hat). 

Wir sehen den renovierten ochsenblutfarbenen «Roten Block», der einen Zwickel der auf den Röntgenplatz zulaufenden Strahlenstrassen füllt. Wir kennen ihn schon als Musterbeispiel für Verdichtung innerhalb von Blockrandbebauung (27.12.23 / 26.1.24 und 2. und 9.2.25). 

Rechts daneben sein Kollege in einem etwas freundlicheren Rot. Seine Fassade ist äusserst gekonnt mit einem warmgrauen Sockel, ebensolchen Fenstergewänden und hellblauen Läden kontrastiert. Zürich wäre eine andere Stadt, wenn überall solches Talent spriessen würde. Im Detail sehen wir im unteren Bild auch den Hauseingang in dieser gekonnten Farbensprache. Hier kommen noch feine Holzrahmen ins Spiel.

Zwischen zwei weiteren Strassenstrahlen sehen wir, wie angesichts der «grauen Sauce» des Blocks die «Moral» richtiggehend zusammenfällt. Man fürchtet die Novembertage. «zuerivitruv» kommt zum Schluss, dass Farbe Bedeutung hat und städtischen Kontext sogar mehr Gewicht erringen kann als die Architektur selbst.

Brausender Verkehr, Farbe und runde Ecken

Als schon zwischen den Kriegen der Verkehr zu brausen begann, kamen die runden Ecken. Diejenigen der Sihlporte errangen mit den Rundungen des Schmid- und des Handelshofs Lob aus Berlin: Die Zürcher seien fortschrittlich, weil sie die Gebäudeform dem aufkommenden Verkehr anpassten. Durch Wachstum entstanden Aussenquartiere. Die Trassen von Tram und Automobil verlangten eine Dynamisierung der Stadt. Am Schaffhauserplatz finden wir acht gerundete Ecken und Farbtöne an den Fassaden. Vor hundert Jahren war Sichtbackstein bereits verschwunden – Verputz fand grosse Verbreitung und damit auch dessen Farbanstrich. Die feine und etagenweise Aufhellung des Orangetons eines der Ankerbauten des Platzes macht diesen unvergesslich.

Dass Farbkompetenz bei der Bewilligung von Renovationen nötig ist, zeigt der unpassend graue Rundbau im Hintergrund des Bildes oben links. Vor der Renovation passte er mit seinem Gelborange bestens ins Farbkonzert am Platz, nun ist er darin mit seinem Grau ein Fremdkörper. Wir sehen auch weiss umrandete Fensteröffnungen als Vortäuschung von Fenstergewänden. Zuvor gab es nur den Gebäudekubus mit den Fensternischen. Vier Postings zurück finden wir mit Herbert Mätzener eine Person im Hochbauamt, die mit wissendem Auge bei der Farbgebung helfen konnte. Der Schaffhauserplatz zeigt uns, dass Farbe mit Kenntnis anzuwenden ist und dass diese Kenntnis als Teil der lokalen Baukultur irgendwo installiert sein sollte, denn der öffentliche Raum ist das Wohnzimmer der Bevölkerung.

Aktion farbiges Zürich

«… dass sich die Stadt Zürich wieder um Farbe kümmern könnte» – so hat das letzte Posting geschlossen. Bereits 1927 hat sich eine Aktion «Farbiges Zürich» formiert. Daran haben aufgeweckte Hauseigentümer an der Münstergasse teilgenommen. Es ist die Zeit, da die Stadtbehörden begannen die Altstadt aus hygienischen Gründen auszukernen. Und, wie oben erwähnt, schlugen Künstler vor, die Altstadt farbig zu gestalten. Die naturgrau verputzten, weil gar nie gestrichenen Altstadthäuser sollten aus dem Mittelalter erweckt und für die neue Zeit schön gemacht werden. Ein grosses Farbkonzept von namhaften Künstlern war für den Münsterhof mit seinen vielen gut sichtbaren Fassaden vorgeschlagen worden, wurde aber nicht umgesetzt. Ob das kräftige Blau des Zunfthauses zur Waag doch darauf zurückgeht? Ein später Nachklang sind die drei Häuser von Sibler, dem Küchengeschäft, die sich um die Ecke in die Storchengasse hinein erstreckt. 

Noch später, in den achtziger Jahren, gestaltete Rolf Keller das Gebäude am Rindermarkt 23 für die Apothekerin Sylvia Briggen innen und aussen neu. Balken wurden – im Erdgeschoss für das Publikum sichtbar – freigelegt. Im Rahmen der kürzlich erfolgten Renovation ist das Konzept von Rolf Keller in Material und Farbe restauriert worden: Kalkfarbe mit mineralischen Pigmenten; «römisch» Rot für die Fassade und Schwarz für die Fenster.

«zuerivitruv» wird jetzt beim Schreiben klar, dass solch hervorragende Resultate kein Zufall sind. Es braucht Bauherrschaften und Architekten mit Engagement und Bezug zur Stadt. Rolf Keller war Mitglied der ZAS (Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau), welche sich u.a. schon früh für ein autofreies Limmatquai einsetzte. Sylvia Briggen führte die erste 24-Stunden-Apotheke am Bellevue.

Echoräume der Erinnerung

Ist es der Kontrast?: Weisses Hemd und blaue Jacke, römisch Rot und das Grün der  Bäume? Wir haben jetzt gerade das Potenzial für eine Doktorarbeit entdeckt. Doch klar ist schon ohne eine solche, dass Gebäudefarbe der Stadt eine Dimension mehr gibt. Je nach Standpunkt: eine Mühsal oder eine Gelegenheit zu Ausdruck und Beitrag im öffentlichen Raum: Temperament, Vitalität und Freude an der Gestaltung oder graue Verschlafenheit.

Der Kreis 6 gibt noch mehr her. Das römische Rot mit dem kontrastierenden Dekor der Fenstergewände und des Gesimses entstammt einer kürzlich erfolgten Renovation. Die Erinnerung an das vermutlich langweilige Zuvor ist verschwunden. Bergseits gegenüber an der Scheuchzerstrasse packt uns der Kontrast zwischen dem in Zürich üblichen Sandstein vom Obersee und dem kräftigen mutigen Blau. Zusammen mit einem breiten und baumbestandenen Trottoir ergibt sich ein Ganzes, das sich auch für einen Sonntagsspaziergang bestens eignet. Mit der Farbe kann es einer Stadt gelingen, schöne Echoräume der Erinnerung zu schaffen.

Übrigens: Die Verschmälerung der Fahrbahn auf das im Quartier Notwendige hat in der Ära von Stadtrat Rudolf Aeschbacher die Geräumigkeit mit der Baumreihe erst ermöglicht.

Mit dem rechten Bild gehen wir, nachdem wir das Gebäude im letzten Posting kennengelernt haben, um die Ecke von der Turner- in die Ottikerstrasse. Hier wird der Zürcher Sandstein noch viel intensiver mit dem Ocker des Verputzes verflochten. Wie stark merkt «zuerivitruv» erst jetzt beim Schreiben. Noch ein paar Postings bevor wir nach Rom ins Quartier Garbatella gehen, möchte «zuerivitruv» sagen, dass es «bei uns» gar nicht so schlecht steht, und zweitens, dass sich die Stadt Zürich – wie im vorletzten Posting berichtet – wieder um Farbe kümmern könnte.

Eckhäuser in Farbe

Wir haben im letzten Posting den «Farbverzicht» erlebt und marodieren jetzt etwas im Kreis 6 an der Scheuchzer- und Ottikerstrasse und mit dem Spyriplatz auf der Grenze zum Kreis 7. Die beiden Bauten um 1900 (oben) zeigen im Sockel das Material «Stein» und in den Etagen darüber «Verputz» als Farbträger. Das Wohnhaus im Bild links umfasst die ockerfarbenen Obergeschosse auf allen vier Seiten mit Eckpfeilern und einem Dachgesims in Stein (wie der Sockel). Die Zwillingshäuser im rechten Bild lassen dekorierte Quergiebel das Dachgesims durchstossen. Ziegelgedeckte Mansardengeschosse bilden den oberen Abschluss der Fassaden. Nicht alles ist Farbe – es ist ein Zusammenspiel, oder sogar eine innige Verflechtung mit der Architektur.

Im unteren Bild sind wir mit dem markanten Eckgebäude am Spyriplatz bereits am Ende der Dreissigerjahre angelangt. Architekt Otto Bickel bebaute einen grossen Teil der Gladbachstrasse in dem Stil, den wir hier sehen. Am Spyriplatz hebt Bickel die Wohngeschosse über ein Ladengeschoss an und unterscheidet sich damit von seinen vielen reinen Wohnbauten an der Gladbachstrasse. Die sprechende Volumetrik geht zusammen mit der Farbe eine Synthese ein. Jeder, der einmal hier war, kann die Ecke am Spyriplatz nicht mehr vergessen. Das ist «Identität»!

«zuerivitruv» möchten zeigen: Farbe spricht die Seele an. Der Dreiklang Steingrau, Verputzfarbe und Alleebäume macht lebhaft-anregende Stadtquartiere. Für die Stimmung in der Nachbarschaft ist das ein Sprung. Farbkultur in einer Stadt bedeutet Tatsächlich Lebensqualität.

Herbert Mätzener

Die Ferienzeit dauert an – wir bleiben beim Farbthema. Stockerstrasse 10 zeigt beim Vergleich 1972 / 2008, wie Farbe verputzte Gebäude erweckt. Von der toten Sauce zur lebhaften Teilnahme im Gebäudegeschehen der Stadt. Man sieht nebenbei auch, wie das Verputzmaterial Kalk das Licht zurückwirft, statt es zu verschlucken. Und wenn wir schon dran sind, Kalk altert besser: erstens ist er beständiger und zweitens wird er im verwaschenen Zustand schöner, was uns Rom demonstriert.

Wir bringen jetzt einen Neubau an der Scheuchzerstrasse ins Spiel. Durch seine lebhafte, interessante Volumetrik passt er sich ausgezeichnet in die Nachbarschaft der Zehnerjahre des letzten Jahrhunderts ein. Wir sehen im Sockel grauen Beton und in den vier Obergeschossen grauen Verputz. Der Betonsockel und all die horizontalen Betongesimse könnten das materialgraue Gerüst bieten, in das sich farbige Verputzflächen einlagern. Im letzten Jahrhundert war dieses bipolare Verhalten üblich. «zuerivitruv» wird das in den nächsten Postings illustrieren.

Stadtbaumeister Adolf Wasserfallen, 1957-85 im Amt, beauftragte seinen Adjunkten Herbert Mätzener zu Gesprächen mit den Architekten über die Farbgebung ihrer Bauten. Zürich hatte damals die Bedeutung der Farbe im Stadtbild erkannt und gepflegt.

Tiefrot & Rosa

Farbgebung kommt oft mit einer Geschichte daher; auch hier an der Stockerstrasse 10. Wie überall im Engequartier wurde auch dieses Gebäude von der ursprünglichen noblen Wohnnutzung für Büronutzung umgebaut: um 1970 ohne jegliche Wertschätzung der ursprünglichen reichen Bausubstanz. Das ging bis zur Dispersionsfarbe als Anstrichmaterial. Unkenntnis der Baumaterialien und der Bauepoche zeigt oft Spätfolgen. Beim Auftrag der neuen Farbe im Jahr 2008 blieb diese am Roller kleben und «Mehl» rann aus den Löchern des Verputzes. Diagnose: die plastikhaltige Dispersionsfarbe, die in der Schweiz überall verwendet wurde, hat den Verputz ersticken lassen und zerstört. Alles musste heruntergeschlagen werden. Als Überraschung kam nicht Backstein, sondern roh gefügter Naturstein zum Vorschein. Diese hohe Materialqualität ermunterte Architekt und Bauherrschaft auf den ursprünglichen Materialaufbau zurückzugehen und den Verputz in Kalk völlig neu aufzubauen. So wurde auch das Relief der in Verputz angedeuteten Quader im 1. Obergeschoss mit seinen prägnanten Fugen neu aufmodelliert. Die aufregende Farbgebung verdankt sich der Methode «Schicksal»: Restauratoren fanden erdiges Tiefrot und kräftiges Rosa, das dann in Kalk neu aufgetragen wurde.

Der aus Paris importierte Naturstein, der poröse, harte und weisse Savonnières, erfuhr mit all seinen Reliefs eine gründliche Reinigung. 1970 wurden die Verputzflächen, die ja immer potenzielle Farbflächen sind, grau zu Tode gemalt. Jetzt harmoniert das farbig erweckte Gebäude seit 2008 ausgezeichnet mit dem nebenan stehenden Roten Schloss und seiner markanten Sichtbacksteinfassade. Die Erkenntnisse: 1898 wurde mit Inspiration, grossem Geschick und Qualität gearbeitet. Im Quartier und im Strassengeviert herrschte dazumal Wettbewerb und die Bauherren wollten sich mit Dekor übertreffen. Stockerstrasse 10 hat dieses (europäische) Niveau wieder erreicht.