Farbgebung kommt oft mit einer Geschichte daher; auch hier an der Stockerstrasse 10. Wie überall im Engequartier wurde auch dieses Gebäude von der ursprünglichen noblen Wohnnutzung für Büronutzung umgebaut: um 1970 ohne jegliche Wertschätzung der ursprünglichen reichen Bausubstanz. Das ging bis zur Dispersionsfarbe als Anstrichmaterial. Unkenntnis der Baumaterialien und der Bauepoche zeigt oft Spätfolgen. Beim Auftrag der neuen Farbe im Jahr 2008 blieb diese am Roller kleben und «Mehl» rann aus den Löchern des Verputzes. Diagnose: die plastikhaltige Dispersionsfarbe, die in der Schweiz überall verwendet wurde, hat den Verputz ersticken lassen und zerstört. Alles musste heruntergeschlagen werden. Als Überraschung kam nicht Backstein, sondern roh gefügter Naturstein zum Vorschein. Diese hohe Materialqualität ermunterte Architekt und Bauherrschaft auf den ursprünglichen Materialaufbau zurückzugehen und den Verputz in Kalk völlig neu aufzubauen. So wurde auch das Relief der in Verputz angedeuteten Quader im 1. Obergeschoss mit seinen prägnanten Fugen neu aufmodelliert. Die aufregende Farbgebung verdankt sich der Methode «Schicksal»: Restauratoren fanden erdiges Tiefrot und kräftiges Rosa, das dann in Kalk neu aufgetragen wurde.
Der aus Paris importierte Naturstein, der poröse, harte und weisse Savonnières, erfuhr mit all seinen Reliefs eine gründliche Reinigung. 1970 wurden die Verputzflächen, die ja immer potenzielle Farbflächen sind, grau zu Tode gemalt. Jetzt harmoniert das farbig erweckte Gebäude seit 2008 ausgezeichnet mit dem nebenan stehenden Roten Schloss und seiner markanten Sichtbacksteinfassade. Die Erkenntnisse: 1898 wurde mit Inspiration, grossem Geschick und Qualität gearbeitet. Im Quartier und im Strassengeviert herrschte dazumal Wettbewerb und die Bauherren wollten sich mit Dekor übertreffen. Stockerstrasse 10 hat dieses (europäische) Niveau wieder erreicht.