Kriegserklärung ans Stadtbild von Zürich

Im vorgängigen Kandidaten-Posting blickte Ihnen der kritische Kopf auf dem Schlussstein über dem Eingang des Schulhauses Hirschengraben (1892) in die Augen. Der Architekt soll ihn als Botschaft an die Jugend bestellt haben. Die in diesem Posting gezeigte, inzwischen etwas verblichene Fotografie, erinnert an die kantonale Kriegserklärung an unser Stadtbild im Jahr 2014. Der 6 Mia schwere kantonale Angriff auf den Hangfuss des Zürichbergs hat im städtischen Hochbaudepartement keinerlei Widerstand ausgelöst. An der Vorstellung im grossen Auditorium der Universität haben besorgte Bewohner den städtischen Bauvorstand angefragt und wurden an den Kanton verwiesen. «Aber dieser Eingriff geschieht doch in – unserem – Stadtkörper!». Fünf Jahre später haben vier beherzte Anwohner vor Gericht gewonnen. Dann folgten Verhandlungen. Die 600 Meter lange und 50 Meter hohe Hochhauskulisse hat eine Absenkung von bis zu 30 Metern erfahren. Ein Fall von «Bewohnerstädtebau». Jetzt drehen sich die Kräne.

Historiker werden einst der Frage nachgehen, wie eine solche Fehlleistung überhaupt zustande kommen konnte. Der Standortentscheid, das Kantonsspital in Zürich statt in Dübendorf zu erweitern spielte eine Rolle, aber auch das über 6 Jahre gewachsene Raumprogramm, das dann einfach als Volumenzunami auf den Hang losgelassen wurde. Das durch die Absenz von Städtebau erzeugte Vakuum machte es möglich. 

Aus diesem Grund veröffentlichte Prof. Jürg Sulzer am 18. Mai 2024 in der NZZ am Sonntag den Artikel mit dem Titel: «Auch Zürich hat ein Anrecht auf guten Städtebau». 

Qualifikation der Kandidaten

Das vorgängige Rodeo-Posting hat unter anderem einen einfühlsamen Kommentar erhalten. Ein Satz daraus: «Jemand kann nur etwas, das er auch gelernt hat». Gemeint waren die Verantwortlichen für «Stadtentwicklung» (Stadtpräsidentin) und für «Städtebau» (Vorsteher Hochbaudepartement). «zuerivitruv» meint: Die erlebte weitgehende Absenz von Städtebau und Stadtplanung und die dadurch verursachten Schäden während 15 Jahren einer Boomphase seien zu viel. Und: wir müssen jetzt alles tun, dass sich diese Schwäche nicht fortsetzt. Mit der Energie/CO2- und der Wohnungsfrage ist der Weg enger geworden. Es könnte aber gerade deswegen ganz einfach werden: Das Hochhaus fällt aus Gründen von Grauer- und Betriebsenergie (über Jahrzehnte) weg. Ebenso aus Gründen der 20-40% höheren Baukosten, die auch die Mieten unerschwinglich machen. Von Familientauglichkeit noch gar nicht zu sprechen.

Gehört das Hochhaus fürs Wohnen nicht mehr zum Besteck des Zürcher Städtebaus, eröffnen sich mit der Bearbeitung des zu verdichtenden Stadtgewebes erfreulichere Perspektiven als mit der Fortsetzung der bisherigen Wuhanisierung. Dass die dichtesten Städte Europas ohne das Hochhaus auskommen (Paris, Barcelona), wurde hier schon oft gesagt. Für die Presse und für uns Wähler heisst das: die Stadtratskandidaten auf die beschriebenen Qualifikationen hin zu befragen.

Rodeo 2026

Vor vier Tagen endete der zweiteilige Rückblick auf das Jahr 2025. Das Fernrohr ins Jahr 2026 zeigt die unbändige Kraft eines Pferds, aber auch die Kühnheit des Cowboys, der sich nicht abwerfen lässt. «zuerivitruv» sieht heute keine bessere Metapher für das kommende Jahr und die kommende vierjährige Legislatur. Wäre «zuerivitruv» Regisseur, würde die Rolle des wilden Pferds mit den Grossimmos besetzt und die des tapferen Cowboys mit unserer Stadtverwaltung.

Darum herum rankt sich viel Schicksalshaftes, wie der Abschluss der Beratungen der Gemeinderatskommission über die neuen Hochhausrichtlinien und das Resultat der Wahlen mit Erneuerung im Stadt- und Gemeinderat. Für uns von Interesse ist das freiwerdende Stadtpräsidium mit dem Ressort «Stadtentwicklung» und das ebenfalls freiwerdende Hochbaudepartement mit dessen «Amt für Städtebau». Die Spannung ist nach schwachen Jahren des Cowboys gross, die Erwartung hoch. 

Um gleich klarzustellen: Beide Akteure sollen mehr als überleben, beide sind die wesentlichen Kräfte der Stadtentwicklung. Es geht um ein erfolgreiches Zusammenraufen mit dem Ziel, die Stadt im weiteren Wachstum in jeder Hinsicht zu verbessern. Der praktische Teil besteht bis zu den Wahlen vom 8. März darin, Kandidaten und Kandidatinnen, die unsere nächste Zukunft gestalten, schonungslos zu prüfen. Wir fordern im Rodeo der Kräfte eine starke Stadt. Dürfen wir hoffen, dass die Presse uns hilft und in den kommenden Interviews die relevanten Fragen stellt?

Wir wollen den Gesamtstadtrat als Team in der aktiven Entwicklung einer guten Zukunft sehen. Dann sind wir auch gerne bereit, nach unseren individuellen Möglichkeiten beizutragen. Wir wollen erleben, wie Gestaltungsfreude den kleinen Zank überflügelt.