Spielverderber in Hanglage

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Nachdem wir gesehen haben, dass die Stadt ein Fest der Farben sein kann, kehren wir in die harte Gegenwart Zürichs zurück: Es wird von unserer Administration alles getan, noch in dieser Legislatur (bis Frühling 2026) möglichst viele Hochhäuser durchzudrücken. Auch dort, wo sie städtebaulich nicht begründet sind. Damit wird eine Forderung in den Hochhausrichtlinien umgangen.

Der neuste Fall ereignet sich an der Üetlibergstrasse an der Kreuzung mit der Uetlibergbahn auf dem Grundstück der Bäckerei und Brotproduktion Buchmann. Das Grundstück liegt in leichter Hanglage mit qualitätvollen Siedlungen: Die zwei Gevierte der Gartensiedlung «Rebhügel» (oben Mitte), die beliebte Blockrandsiedlung «Tiergarten» (links) und die neuere Zeilenbebauung bei der Station der Üetlibergbahn. Alle Wohnungen dieser drei Siedlungen sind in guter Beziehung zu ihrer unmittelbaren Umgebung – ein Glück hier zu wohnen.

Jetzt hat sich eine Zuger Generalunternehmung das Grundstück (ganz unten rechts) von Buchmann gesichert um dort ein in dieser Gegend völlig unpassendes Hochhaus hinzustellen. Und wieder zeigt unser Hochbaudepartement die inzwischen üblich gewordene Willfährigkeit. Der «städtebauliche Gewinn» ist einmal mehr nicht gegeben. Besonders bedenklich ist, dass der Quartierverein das Vorhaben lobt. Es ist auch anzunehmen, dass das Baukollegium (dessen Mitglieder vom Amt für Städtebau eingesetzt werden) seinen Segen schon gespendet hat. Das ist das gegenwärtige Niveau des zürcher Städtebaus. Machen wir uns doch schon heute Gedanken zu den Stadtratswahlen anfangs März 2026. Zumindest im Hochbaudepartement, aber auch im Stadtpräsidium braucht es städtebauliche Kompetenz. Im ersteren ist das «Amt für Städtebau» lokalisiert im zweiten die «Stadtentwicklung».

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Anregend oder dumpf?

Es gibt etwas viel Depression in unsren Breiten. Hat das auch – ganz wenig natürlich – mit unseren Fassaden zu tun? Die grauen Saucen schwingen nicht. Gelingt Farbe im urbanen Kontext, dann hebt sie die Stimmung, wie dies ein Apéro tut. Eine Stadt kann solche Gefühlssprache – statt eines Gefühlsschweigens – inszenieren. Macht sie es nicht, fehlt ihr ein Arm oder ein Bein.

Vielleicht gibt es doch ein Bedürfnis des Menschen nach Wärme – auch im grossen Massstab des Städtebaus. Das beantwortet uns der im vorletzten Posting gemachte Ausflug ins römische Quartier Garbatella.

Über die zwölf Postings dieser Farbreihe haben wir uns langsam dem Kern der Bedeutung von Farbe in der Stadt angenähert. Die Stadtbäume, die grünen Hügel, der See und der gebaute Stadtkörper machen das Ensemble unserer Stadt. Darin ist der Anteil des Stadtkörpers pulsierend oder eben nur ein Schwarzweissfilm.

Bilder: Depot Hard, Zürichberg-/ Nägelistrasse, Karl-Marx Hof Wien

Zartfarbiger Kristallisationskern

Nach vorwiegend Rot in Garbatella kommt ein Sprung ins Hellblau. Der 1934 eingemeindete ehemalige Weiler Schwamendingen erhielt 1957 in seiner ursprünglichen Mitte einen städtischen Schwerpunkt mit Wohnungen, einer Ladenfront, einem Café «City» und einem 540-plätzigen Kino «Eden». Grundlage dafür war der Entwicklungsplan für dieses Stadtquartier aus dem Jahr 1948 von Stadtbaumeister und ETH-Professor Albert Heinrich Steiner. 

Der lange sechsgeschossige Zentrumsbau erhält seine ihm angemessene Ausstrahlung nicht nur durch die weit auskragenden Flugdächer, sondern auch durch die spezielle Farbgebung der Fassade: ein kräftiges Hellblau, das durch einen geschosshohen weissen Bandraster in Felder geteilt ist. Das farbige Dekor und die Flugdacharchitektur ergänzen sich zu einem Ganzen. Für Zürich fast schon rührend ist, dass das schon mehrfach erneuerte Farbkonzept immer noch dem Original folgt. Würde man es wegdenken («graue Sauce»), zerfiele die Persönlichkeit dieses Gebäudes.

Bekanntlich hat sich der Quartiermittelpunkt in über einem halben Jahrhundert ausgedehnt. Nebenan lagerten sich weitere Läden an, darunter sogar eine Filiale von Jelmoli, die wieder verschwand. Das Erfreulichste und Wichtigste ist jedoch der neue Schwamendingerplatz, auf dem in Zürich 1977 erstmals und erfolgreich Mischverkehr ausprobiert wurde.  Will man noch Farbe sehen, so winkt in Richtung Zürich der historische Gasthof Hirschen in seinem Dunkelrot. Heute ist alles zusammen ohne Farbe kaum denkbar.

Römische Farben im Quartier Garbatella

Schon weit im Lernprozess gediehen, haben wir die emotionale Schwingung von Farbe im Stadtraum erkannt. Architektur allein erreicht diese Schwelle nicht. Hier sei auch an die antiken Tempel erinnert, die ursprünglich bemalt, lasiert oder getönt gewesen sein sollen.  Begeben wir uns ins Stadtgewebe des römischen Wohnquartiers Garbatella das aus den Zwanzigerjahren das letzten Jahrhunderts stammt. Der überaus interessanten Entstehungsgeschichte muss sich ein anderes Posting widmen. Hier soll es um Farbe gehen.

Der Bildausschnitt oben rechts führt uns das wunderbare Alter von stark pigmentierten Kalkfarben vor – hier könnten es mehr als 90 Jahre sein. Neun Postings zurück sehen wir die selbe Technik in Zürich an der Stockerstrasse. Kalkfarbe ist matt, wirft das Licht wunderbar zurück und hält ewig.

Städte können mit Farbe «Glück» integrieren. Mit der heute bei uns üblich gewordenen verputzten Aussenisolation ist der Weg offen. 

Fotos: Cara Garbatella, unten rechts Evan Chakroff 

Stadtraum Hauptbahnhof 2050

Endlich kann der Bahnhofplatz urban werden! – Einer europäischen Stadt würdig! Die Stadt öffnet sich endlich wieder zum Bahnhof hin und umgekehrt. Das ist überall in Europa «normal». Doch noch Ende des letzten Jahrhunderts legte die Stadt Zürich die lange sperrige Tramhalle mitten auf den Platz. Der Klumpen (mit Reklamekästen) blockiert seither alles: die Sicht zu den Hotels, zur Bahnhofstrasse und die Fussgängerbewegung. «Nicht willkommen» ist die Botschaft gegenüber dem Ankommenden. 

Dieses Versagen an wichtiger Stelle ist – einmal mehr – Beleg dafür, dass es in unserer Stadt seit Jahrzehnten keinen Städtebau gibt – kein Denken ans Ganze.

Die gestern vorgestellten Pläne sind von Stadträtin Simone Brander als Vision mit der Etikette «2050» bezeichnet worden. Das ist was Zürich – besonders in einer Wachstumsphase – wie heute, dringend braucht. Ist es als Nebenprodukt sogar das Erwachen des Züricher Städtebaus? Für «zuerivitruv» ist es für eine Stellungnahme zum Projekt zu früh. Doch verbleibt er in der Hoffnung, dass Zürich seine Gestaltung wieder selbstbewusst in die Hand nimmt.

Fünf Jahre Zuerivitruv

«zuerivitruv» dankt seiner Leserschaft ganz herzlich für ihre Treue und ihr Interesse. Er freut sich über die inzwischen auf über 900 gestiegene Zahl der Follower auf Instagram. Der Newsletter läuft auf Instagram seit fünf, im Internet (www.zuerivitruv.ch) seit 2 ½ Jahren. Jede Version hat ihre Vorteile. So erlaubt die Instagramversion durch scrollen in Minuten die ganze Geschichte zu überblicken. Auf Internet lässt sich die Wochenproduktion per Abonnement zustellen. Eine Zugriffsfunktion auf Monatsbasis erleichtert den selektiven Zugang.

Mit «zuerivitruv» lesen Sie die einzige regelmässige Publikation zum Thema Städtebau in Zürich. «Vitruv» im Namen bezieht sich auf den römischen Verfasser von zehn Büchern über Architektur (und Städtebau), geschrieben vor 2000 Jahren in der Zeit von Kaiser Augustus. Firmitas (Solidität), Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Schönheit) sind seine drei bis heute gültigen Forderungen.

«zuerivitruv» schreibt nicht zuletzt um der schon lange andauernden Städtebauschwäche unserer einmalig gelegenen und gewachsenen Stadt zu begegnen. Ermunterung ist ihm die diesbezügliche Stärke in der Belle Epoque und in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts. Wie heute waren das Wachstumsphasen. Die Stadt hat dabei jeweils gewonnen und ist schöner geworden. Im heutigen Boom ist das nicht mehr der Fall. 

«zuerivitruv» versucht die Szene unter dem aktuellen Paradigmenwechsel (Änderung der Leitsätze) zu beleuchten. Dabei spielen Energie/Klima/CO2 eine entscheidende Rolle. Dabei wird selbstverständlich die Qualität des öffentlichen Raums und des Wohnens im Auge behalten. Im Vorfeld der Wahlen von Stadt- und Gemeinderat gewinnen diese Gedanken an Bedeutung. «Der Weg» von Paul Klee (Bild) wird uns weiterführen.

Frühe Genossenschaftsbauten

«zuerivitruv» dachte, das Thema «Farbe» mit dem Ferienende abzuschliessen. Doch auf seinem Bildschirm warten noch zu viele interessante Kandidaten. Z.B. der frühe Genossenschaftsbau und ein Besuch im Quartier Garbatella in Rom. Auch «Holz» als neues Material in der Stadt erheischt Aufmerksamkeit.

Zum Genossenschaftsbau: Der Bauvorstand und spätere Stadtpräsident Emil Klöti förderte den bezahlbaren Wohnungsbau. (Das unterscheidet sich übrigens von der heutigen städtischen Förderung, die sich weitgehend auf den nicht mehr bezahlbaren Hochhaus-Städtebau verlegt hat). 

Wir sehen den renovierten ochsenblutfarbenen «Roten Block», der einen Zwickel der auf den Röntgenplatz zulaufenden Strahlenstrassen füllt. Wir kennen ihn schon als Musterbeispiel für Verdichtung innerhalb von Blockrandbebauung (27.12.23 / 26.1.24 und 2. und 9.2.25). 

Rechts daneben sein Kollege in einem etwas freundlicheren Rot. Seine Fassade ist äusserst gekonnt mit einem warmgrauen Sockel, ebensolchen Fenstergewänden und hellblauen Läden kontrastiert. Zürich wäre eine andere Stadt, wenn überall solches Talent spriessen würde. Im Detail sehen wir im unteren Bild auch den Hauseingang in dieser gekonnten Farbensprache. Hier kommen noch feine Holzrahmen ins Spiel.

Zwischen zwei weiteren Strassenstrahlen sehen wir, wie angesichts der «grauen Sauce» des Blocks die «Moral» richtiggehend zusammenfällt. Man fürchtet die Novembertage. «zuerivitruv» kommt zum Schluss, dass Farbe Bedeutung hat und städtischen Kontext sogar mehr Gewicht erringen kann als die Architektur selbst.

Brausender Verkehr, Farbe und runde Ecken

Als schon zwischen den Kriegen der Verkehr zu brausen begann, kamen die runden Ecken. Diejenigen der Sihlporte errangen mit den Rundungen des Schmid- und des Handelshofs Lob aus Berlin: Die Zürcher seien fortschrittlich, weil sie die Gebäudeform dem aufkommenden Verkehr anpassten. Durch Wachstum entstanden Aussenquartiere. Die Trassen von Tram und Automobil verlangten eine Dynamisierung der Stadt. Am Schaffhauserplatz finden wir acht gerundete Ecken und Farbtöne an den Fassaden. Vor hundert Jahren war Sichtbackstein bereits verschwunden – Verputz fand grosse Verbreitung und damit auch dessen Farbanstrich. Die feine und etagenweise Aufhellung des Orangetons eines der Ankerbauten des Platzes macht diesen unvergesslich.

Dass Farbkompetenz bei der Bewilligung von Renovationen nötig ist, zeigt der unpassend graue Rundbau im Hintergrund des Bildes oben links. Vor der Renovation passte er mit seinem Gelborange bestens ins Farbkonzert am Platz, nun ist er darin mit seinem Grau ein Fremdkörper. Wir sehen auch weiss umrandete Fensteröffnungen als Vortäuschung von Fenstergewänden. Zuvor gab es nur den Gebäudekubus mit den Fensternischen. Vier Postings zurück finden wir mit Herbert Mätzener eine Person im Hochbauamt, die mit wissendem Auge bei der Farbgebung helfen konnte. Der Schaffhauserplatz zeigt uns, dass Farbe mit Kenntnis anzuwenden ist und dass diese Kenntnis als Teil der lokalen Baukultur irgendwo installiert sein sollte, denn der öffentliche Raum ist das Wohnzimmer der Bevölkerung.