Geschäftshaus an der Europaallee

Nach dieser Folge von Perlen in Europa, wo Zürich nicht gefehlt hat, ein Scheinwerfer auf die heutige «Baukunst» in der Stadt: Wir gehen auf das Baufeld G der Europaallee. Wenn Sonne scheint, sind die Blechklappen geschlossen. Und wie schon in den städtebaulich ahnungslosen fünfziger Jahren haben wir wieder ein niedriges, gedrücktes Erdgeschoss mit Deckel – sehr provinziell. Der horizontale schwarze Schlitz am Boden steht in keiner Proportion zur hohen Blechfassade. Die Sprache zum Umfeld tendiert zu Null. Das ist einer der Gründe, warum die Europaallee Mühe hat, endlich anzukommen. Man gewinnt den Eindruck, dass heute das Wissen in Architektur und Städtebau bei der Inszenierung von Neubauten verblichen ist.

Mittels eines Gestaltungsplans, der Gebäudehöhen und Strassenraster vorgab, hat der Stadtteil der Europaallee eine völlig neue Struktur erhalten. Unter anderem sind die Strassen aus Aussersihl ins Areal hinein und bis zu den Geleisen geführt worden. Die Ausgangschancen waren gut. Wie in Paris schon 1853 geschehen, hätte man vielleicht noch die Ausgestaltung von Mezzaningeschossen postulieren müssen. Das Resultat beweist, dass es mit jedem einzelnen Bauwerk einen engagierten und kollegialen Beitrag und auch ab und zu ein veritables Vollblut braucht. Das haben die vorangehenden Beispiele vorgeführt.

Das Geschäftshaus „Metropol“ von Heinrich Ernst

Vor Gull und Gaudi, nämlich schon 1892, realisierte Heinrich Ernst diesen ersten hundertprozentigen Geschäftsbau Zürichs. Um es vorwegzunehmen: eines der schönsten Geschäftshäuser Europas! Die Lage an der Limmat gibt ausgezeichnete Gelegenheit, es zu sehen.  Die Rückseite an der Fraumünsterstrasse enttäuscht ebenfalls nicht, denn das Gebäude besitzt Gestaltungselemente für die Nah- und Fernsicht. «Nah» sind es die funkelnden Erker mit abgeschrägten Seiten die aus jedem Blickwinkel eine Spiegelung zeigen. Dass sie erst oberhalb des Mezzaningeschosses auftreten, macht die Sache noch interessanter. «Fern» wirkt die einprägsame Silhouette mit den Rokkoko-Türmen und dem damals unglaublich fortschrittlichen Materialmix von 80% Glas und 20% Stein. «Ornamento alla Città» hätte Andrea Palladio gesagt.

Dass Schönes Nachteile habe, wie man hierzulande oft behauptet, stimmt überhaupt nicht, denn der Organisationsgrad des Grundrisses bietet grosse Vorteile für die Nutzbarkeit. Drei Flügel legen sich um einen Hof; fünf Treppentürme erschliessen die Grundrisse. Interessenten konnten eine Fünftel mieten, mehrere Fünftel oder gar die ganze Etage. Heute hat sich die Nationalbank mit Freude eingenistet. Auch der Trottoirbereich begeistert: Es gibt ein Mezzaningeschoss und auf der einen Seite eine Arkade, die das Mezzanin integriert. Gebäude wie das «Metropol» sind nicht nur einfach «schön» – sie sind «schön», weil sie gut gemacht sind und der Stadt etwas bringen.

Gustav Gulls erstaunlicher Baustein für Zürich

Die beiden vorangehenden Postings zeigten uns die Höhenteiligkeit von Gebäuden als wesentliches Element im europäischen urbanen Flachbau. Der Zürcher Gustav Gull baute 1907 sogar noch vor Antoni Gaudi in Barcelona sein Wohn-und Geschäftshaus am Werdmühleplatz. Es nutzte die neugeschaffenen Bauplätze am Urania-Durchstich durch den Lindenhofhügel. Man sagt, es sei der erste Betonskelettbau in Zürich. Effektiv: ein steinverkleideter Skelettbau.

Mit den Fassaden wurde ganze Arbeit geleistet. Grosse Öffnungen begünstigen die Geschäftsfronten im Erdgeschoss und im zugeordneten 1. Obergeschoss. Nach oben wird der Fenstertakt kleinteiliger um in einem auskragenden Bogenfries den oberen Abschluss zu finden. Der Wunsch der Bauherrschaft nach einer öffentlich zugänglichen Volkssternwarte wurde mittels eines Turmes mit Restaurant erfüllt.

Auch der Planungshintergrund ist interessant: Die Stadt verkaufte das Grundstück mit der Auflage «eine schöne, der Lage des Bauplatzes angemessene Baute zu erstellen». Ein erstes Projekt wurde abgelehnt, dann übernahm Gull mit seiner städtebaulichen Kenntnis wie oben beschrieben. Behörde, Bauherrschaft und Stadt legten guten Willen und Können an den Tag.