Der Boulevard im Hitzetest

Nach der fragenbeladenen Klimaanlage folgt jetzt ein Hitzetest des Boulevards – der mit mehreren Reihen von Grossbäumen besetzten Stadtstrasse. Diese Assemblage von Haus und Baum wurde in Paris inszeniert und war durchaus auch atmosphärisch gedacht, im Sinn von «Atmosphäre zur Schaffung von Stadtleben». Der Boulevard beherbergt einerseits die Bewohner der Grosswohnungen in den fünfeinhalbstöckigen «Haussmanniennes» und anderseits Verkehr und Flaneure auf Strassenebene. Der Boulevard ist ein Raum zum Treffen, ein Raum zum Glücklichsein, ein Raum wo Ideen wachsen. Die Augenbrauen der Fassaden sind mit dem Mezzaningeschoss und dem darüber liegenden «balcon filant» hochgezogen. Der reich beschattete öffentliche Raum evoziert Leben, Denken und Kultur. Zwischendurch: Das gibt es auch in Zürich an der Martastrasse beim Idaplatz.

Die jetzt weltweit ausgebrochene Hitzewelle erinnert uns an die neue Aufgabe der Städte, sich bezüglich Klima/Energie/CO2 zu optimieren. Dieser Aspekt rückt den Boulevard mit Schatten und Kühleffekt durch Verdunstung in den Vordergrund. Man kann ihn noch klimatisch verbessern, wie spanische Städte zeigen, die auf Ebene Dachstock Tücher spannen. Eine systematische Bewässerung der Wurzelbereiche ertüchtigt den Baum in seiner Rolle als sanfte Kühlanlage.

Das Wintergeschenk – der Blattfall – lässt die Sonne die Fassaden und Trottoirflächen erhellen und temperieren. Wer auf den Boulevard verzichtet, verliert auch dieses Geschenk. Weil der Boulevard Sommer und Winter klimatisch optimiert und Frühling und Herbst farbig akzentuiert, ist er auf lange Frist ein Gewinner, der sich jetzt ganz rasch vom Verstossensein in der Epoche der Moderne erholt – nicht zuletzt weil er auch eine Antwort auf die Hitze gibt. Im Vergleich lässt er die Europaalee hilflos zappeln. 

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