Grobes Besteck für die Schweiz

«zuerivitruv» erfüllt gerne den Wunsch aus der Leserschaft, den ganzen NZZ-Artikel (2. März S. 22) des letzten Postings sehen zu können und hofft, die Leserlichkeit sei noch gegeben und der Spreitzgriff auf die Scheibe des Handy nicht zu ermüdend. 

Sie sehen, dass da eine Maschinerie aufgefahren wird, die jede gut europäische Nachbarschaft oder Stadt erzittern lässt. Die Maschinerie zielt auf komplexe und hochpreisige Hochhäuser und Wohnungen. Die Demokratie unserer Gemeinwesen wird uns retten.

Mit grobem Besteck in die falsche Richtung

Ist es Zufall, dass die abschätzigen Bemerkungen des CEO von Halter über vernünftige und engagierte Bürger (im letzten Posting) mit einer Meldung über die neue Geschäftspolitik des Baukonzerns Implenia zusammentreffen? Implenia hat letzte Woche im Wirtschaftsteil der NZZ den Willen dargetan, in den urbanen Räumen – das heisst in unseren Schweizer Städten – Hochhäuser zu bauen. Unter anderen weil es sich um «komplexe Bauaufgaben» handle. Ausgerechnet das komplexe und teure Hochhaus soll zum lukrativen Geschäftsmodell werden. 

Wir nehmen zur Kenntnis, dass da unter Ausnützung der Wohnungsnot mit allen Mitteln und im ganz grossen Stil in die falsche Richtung «gepusht» wird. Denn gefragt ist eine sanfte und bezahlbare Normalbauweise und nicht technoide, verschwenderische und hochpreisige Hochhäuser. Das Hochhaus ist seit langem energetisch, ökologisch, sozial, stadtklimatisch und auch städtebaulich fragwürdig geworden. Es geht überall im Land am Bedarf vorbei.

Die Baubehörden und der Gemeinderat sind jetzt angehalten, Stärke zu zeigen und klar zu machen, welche Art von Bauleistungen für unsere Gemeinwesen erwünscht ist. Davon im nächsten Posting.

Die Baulöwen-Dampfwalze

Gewisse Baulöwen und anlagesuchendes Kapital haben sich gepaart und fallen über unsere Städte her. Seit 2001 realisierten sie ihre Projekte mit zunehmender Frequenz in den Zürcher Hochhauszonen. Ein ziemlich hässliches Gemisch ist entstanden: es poppt ohne jede Regel. Das Bild ist unerfreulich – einer guten europäischen Stadt nicht würdig. 

Jetzt wird der zweite Gang eingelegt; die Baulöwen bekennen sich öffentlich zu ihrer Hochhausgewalt. Die Hochhaus-Dampfwalze will jetzt ungebremst über unser Land rollen. Implenia, HRS und Halter sind die grossen Chauffeure. Sie lesen im Untertitel den Ausspruch des CEO von Halter. Konklusion: Wir – die Bevölkerung – sind ihnen im Weg. 

Es gibt einen Unterschied zwischen Liberalismus und Manchester-Liberalismus. Der erstere reagiert geschickt auf Bedarf, der zweite überrollt ohne Gnade das Land. Ursache?: Im  Anlagenotstand bevorzugen Investoren die 20-40% teureren Hochhäuser:  Mehr investiertes Kapital pro m2 Baumasse und Verkauf von Aussicht, solange sie noch besteht.

Dass das nur der «Gentry» (Gentrifizierung) dient und den landesweiten Bedarf an bezahlbaren Wohnungen ausser Acht lässt, interessiert sie nicht. Hier müssten die Stadtregierungen mit klugen Vorgaben formend eingreifen. In Zürich ist das jetzt einfach zu erreichen: durch Ablehnung des vorgeschlagenen Hochhausleitbilds. Am Hebel sitzt demnächst der Gemeinderat. Damit wird der Weg für bessere Stadtentwürfe frei.

HHLB 27: Offene Stadthorizonte

Sie sehen links stehen die Hochhäuser herum – alles ist über Augenhöhe hinaus blockiert. Rechts herrscht über Sitzhöhe freie Sicht. Diese Tram-Metapher veranschaulicht hautnah, was passiert, wenn eine europäische Stadt plötzlich Hochhäuser zulässt. Dann kommt das nächste Fremdwort «Bulk»: es ist in englischer Sprache die schiere blickverstellende Masse.

Städtebau ist Massenverteilung – wenn gekonnt, lässt sich Dichte mit freiem Blick und offenem Himmel kombinieren. Paris macht das mit 4-facher Einwohnerdichte von Zürich mit seinen 5 ½ Etagen seit Haussmann 1853 vor. Bekanntlich dürfen die wenigen Gebäude von öffentlichem Interesse sich aus dem Gebäudehorizont erheben. Das ergibt das wunderbare und für alle gut lesbare Stadtbild von Paris.

Zürich hat nicht aufgepasst und warf in leicht kindischem, pseudomodernem Eifer 2001Hochhauszonen über grosse Teile seines schönen Stadtbilds im offenen Gletschertal. Eigentlich eine städtebauliche Tragödie. Es hat lange gedauert, bis sie erkannt wurde. Jetzt, wo im erneuerten Hochhausleitbild zusätzliche quadtratkilometer-grosse 40 Meter-Zonen vorgeschlagen werden, ist es Zeit, aufzuwachen. Das geschieht auch zunehmend und vielleicht noch rechtzeitig. Die soeben mit über 4’700 Unterschriften eingereichte «Uferschutzinitiative» ist eines der Beispiele. Andere sind www.asaz.arch.ch mit seiner Petition und seinen Schriften und zuerivitruv als laufende Berichterstattung. Falls die Eingaben einiger Parteien zum Hochhausleitbild öffentlich gemacht werden sollten, zeigt sich auch da ein Wandel hin zu einer klimagerechten und ökologischen Art des Zürcher Städtebaus.

HHLB 26: Man könnte uns auslachen

Ist Zürich eine Investorenwiese zum «Verhochhäuseln» geworden? Soll das 2001-2023 entstandene «Stoppelfeld» sich noch weiter ausbreiten? Sollen die jetzt vorgeschlagenen Quadratkilometer von 40 Meter-«Stumpen» noch dazukommen? Ist das Städtebau? Das scheint eher ein Versuch zu sein, dem Druck der Grossinvestoren passiv Raum zu geben und dabei auf Stadtgestaltung zu verzichten. 

Wenn die grosse Mehrheit der Bevölkerung bezahlbaren Wohnraum wünscht, hat die «Investorenpriorität Hochhaus» mit seinen 20-40% höheren Bau- und Mietkosten keinen Platz mehr auf der städtebaulichen Pendenzenliste.

In Europa könnte man uns auslachen – wegen des ruinierten Stadtbildes als Schwächezeichen der Stadtverwaltung. Denn Europa kann beides: Geschäft und Gestaltung. Das hat schon Paris / Haussmann vor über 100 Jahren gezeigt.

Nachverdichtung mit Qualität

Wie Sie sehen, schnuppern wir erneut in München. Die Bebauung Bray-Versaillerstrasse illustriert eine der vielen Möglichkeiten, im Bestand zu verdichten. Mit grosser Sorgfalt im Konzept und in der Materialisierung werden zwei grosse Mehrfamilienhäuser in eine Blockrandbebauung eingefügt. Das gibt es übrigens auch in Basel am Riehenring (untere Bilder / zuerivitruv 19. Oktober 2021). Dass hier nicht nur Masse geschaffen wird ist klar: Die Wohnungen stehen alle in Bezug zu ihrer Umgebung. 

Verdichtung ist Handwerk. Hochhäuser – oft eiskalte «Placements» von Investoren – sind im Vergleich eine Kurzschlusshandlung. Sie sind für ihre Nachbarschaft / für ihr Quartier eher Belastung als Beitrag. In München herrscht offenbar ein Geist, es gut zu machen. Investoren werden auf einen konstruktiven Weg geführt. Das ist nicht zuletzt ein bewährter europäischer Weg.

München setzt auf Flachbau

Wir sehen die neue Siedlung «Freiham» in Münchens Westen. Das entspricht etwa unserem Leutschenbach in Norden Zürichs Norden. In Freiham herrschen Reihenhäuser und offene Blockrandbebauung vor. Sie bilden ein vielfältiges Muster aus Alleestrassen und begrünten Höfen. Es ist was man sich heute wünscht: stark durchgrünter Flachbau. Alle wohnen mit Bezug zum Boden. Niemand im Hors-Sol-Zustand. Die Leute wohnen mit Qualität – es wird gelebt, nicht kaserniert.

Bis 2040 wird Raum für 25’000 Einwohner geschaffen. Das Ziel: ökonomisch und ökologisch bauen. Für beides wäre das Hochhaus nicht die geeignete Bauform.

München agiert im urbanen Flachbau – Zürich dilettiert immer noch in Hochhäusern. 

HHLB 25: Keine sinnvolle Lenkung der Bauinvestitionen …

… und das im Stadtbild der schönst gelegenen Stadt Zürich. Und dazu noch in Zeiten der Knappheit bezahlbaren Wohnraums. Das offene Gletschertal mit seinen Hügelzügen soll im Rahmen des neuen Hochhausleitbilds für weitere Jahrzehnte mit Hochhäusern überstellt und damit das bisherige «Stoppelfeld» erweitert und verdichtet werden.

Grossinvestoren gelingt es, die Stadt zu lenken, denn sie sind daran interessiert, im Überfluss vorhandenes Geld in 20-40% teurere Hochhauswohnungen für die Gentry (englisch: niedriger Adel) zu investieren. Sie wollen keine bezahlbaren Wohnungen bauen. Die Stadt lässt sich nach wie vor von den «Grossimmos» formen und breitet Hochhauszonen aus, statt ihnen aufzuzeigen, wo der Bedarf liegt: bezahlbare Wohnungen im verdichteten urbanen Flachbau. Auch das wäre eine Investition; etwas aufwendiger im Engagement für gutes Wohnen, aber viel nützlicher.

Ein ähnliches Versagen zeigt sich jetzt gerade in der Autoindustrie: Wegen Knappheit von Chips werden teure SUV’s mit überhöhtem Gewicht, Verbrauch und Preis forciert. Auch hier keine Lenkung durch die öffentliche Hand.