Urbane Abenteuerreise 4

Kann es sein, dass wir in Europa eine Städtebausprache haben? In Hamburg und Paris sehen wir die selben Muster: Was von Bedeutung für die Öffentlichkeit ist, darf zur Geltung kommen und darf aus dem allgemeinen Horizont der Stadt herausstechen. Das gilt für Paris mit dem Grand Palais, dem Centre Pompidou und in Hamburg für die Elbphilharmonie. Grandpalais und Elbphilharmonie machen es beide besonders gut indem sie ihre Fassaden in massive Sockel und die überragenden Volumen in Glas aufteilen. Dass Kirchen herausschauten, entspricht Während Jahrhunderten ihrer Bedeutung. Seither hat sich die Szene gewandelt und andere Nutzungen von breitem öffentlichem Interesse dürfen sich ebenfalls im Stadtbild melden. Diese bewusste Wahl erhält uns die europäische Stadt weiterhin als gut lesbares und lebhaft kommunizierendes Gebilde. 

Kommerzieller Wildwuchs (mit Hochhäusern) ist dem gestalteten europäischen Stadtbild eigentlich fremd; genauso, wie er umgekehrt zu amerikanischen und inzwischen auch chinesischen Innenstädten schon fast zwingend gehört. Wir erleben jetzt gerade den Titanenkampf in München mit seinem nach wie vor offenen Horizont, wo ein Grossinvestor zusammen mit Herzog & de Meuron ein Hochhaus gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen will. Europäer müssen sich gut überlegen, ob sie ihre interessant gewachsenen Städte für eine «Verstoppelung» mit Hochhäusern hergeben wollen.

Urbane Abenteuerreise 3a

Wir haben im letzten Posting vom Talent der Weltstadt Paris gesprochen, Jahrhunderte zu verbinden, indem am bisher Erreichten weitergesponnen wird. Das ist nur mit hohem Bewusstsein der eigenen Geschichte möglich. Es lohnt sich deshalb, die Sache noch etwas zu vertiefen: Im Bild sind die zwei Achsen und ihr Schnittpunkt in der Défense (ausserhalb der Stadt) herausgehoben. Die untere Achse «Louvre» begann im späten Mittelalter mit einem Schloss ausserhalb der damaligen Stadtmauern. Für die Achse «Champ de Mars» ist es erst das späte 19. Jahrhundert. Die Achse des Louvre ist baulich durchlaufend und berührt heute die Glaspyramide des Louvre-Museums, die Tuileriengärten, Place de la Concorde, Arc de Triomphe und reicht bis ins Zentrum der «Défense» mit der bekannten «Ache de la Défense» als vorläufigem Schlussakzent.

Die neuere Achse nimmt im Champ de Mars und dem Eiffelturm Anlauf, überquert die Seine, wird dort von den offenen Armen des Palais de Chaillot (1937) mit Rundplatz du Trocadéro empfangen. Dann verschwindet sie völlig, wird imaginär bis sie bereits in der Défense angekommen ihre Kraft im Schnittpunkt der Achsen wieder entfaltet.  

Ob man von diesem intellektuellen Städtebau begeistert ist, oder nicht, er zeugt jedenfalls von hohem Selbstbewusstsein, grosser Sorgfalt und der Fähigkeit, die konstant wirkenden Entwicklungskräfte immer wieder zum Vorteil der Stadt zu steuern. Während dessen wurstelt Zürich mit formlosen Neubauquartieren und aus der Zeit gefallenen Hochhausleitbildern vor sich hin.  

Urbane Abenteuerreise 3

Um nicht allzu eurozentrisch zu bleiben, schauen wir einmal über den östlichen Zaun nach Persien. Links im Bild der «Maidan e Schah», um 1600 errichtet, im Zentrum von Isfahan. Läden, ein Gartenpalast und zwei Moscheen sind in die umlaufenden Arkaden des grossen Rechtecks integriert. Eine urbanistische Turnübung findet am entfernten Ende des Platzes statt. Mekka liegt nicht in der Platzgeometrie und verlangt von der Schah Moschee eine Drehung die überaus geschickt durch einen engen und abgewinkelten Zwischenbau bewältigt wird. Auf dieser Welt wohl einmalig ist die ästhetische Aufteilung der Stadt in matten Lehm für die profanen Häuser und glänzende blaugrüne Keramikoberflächen für die Sakralgebäude. 

Paris hat das Talent, Jahrhunderte zu verbinden und mit jeder weiteren Kombination eine neue städtebauliche Stufe zu erringen oder gar zu zünden: Das «Champ de Mars» entstand um 1780 als militärisches Exerzierfeld ausserhalb der Stadt. Kurz danach fanden mehrere Ereignisse der Französischen Revolution hier statt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts folgten die Weltausstellungen mit dem Eiffelturm. 1967 wurde nach dem Misserfolg der Tour Montparnasse entschieden, die Hochhäuser der Geschäftswelt ausserhalb der Stadt im Quartier de la Défense zu errichten. Wie aus dem Bild rechts ersichtlich, liegt dieses Geschäftsquartier in der Achse des Champ de Mars. Warum?: Die Hauptachse, auf dem die Défense liegt, wird von Louvre – Champs Elysées gebildet. Diese wurde solange verlängert, bis sie zum Schnittpunkt mit der ersterwähnten Achse des Champ de Mars kam. In diesem Schnittpunkt ist die Arche de la Défense als Fokus der sich darum herum ausbreitenden Bürohochhäuser platziert. Esprit Français: Ein brillantes behördliches Konzept und private Bebauung bilden eine Synthese.

Urbane Abenteuerreise 2

Die begonnenen Abenteuerreisen in den Städtebau haben zwei Motive: Einerseits wollen wir uns in der andauernden Ferienzeit noch etwas vergnügen und anderseits gilt es der jahrzehntelangen zürcherischen Städtebauschwäche zu begegnen.

Für lange Zeit störte in Rom eine hässliche Halde zwischen zwei Ebenen der Stadt. Im Rom des Barocks hatten die Päpste die Hoheit über den Städtebau. 1726 war die Treppe mit ihren konkaven und konvexen Elementen nach Plänen des Architekten Francesco De Sanctis fertiggestellt und damit das Haldenproblem beseitigt. Die geschwungenen Linien tragen wesentlich dazu bei, sowohl die Bewegung als auch den Aufenthalt zu begünstigen. «zuerivitruv» stellte selbst fest, dass die Treppenabschnitte so angenehm proportioniert sind, dass beim Aufstieg nie ein Gefühl eines unüberwindbaren Hindernisses aufkommt. Die Popularität ist verdient, der geschaffene Stadtraum stupend, doch der heutige «Overtourisme» ein Unglück. Eine glücklichere Zeit hält der Film «Roman Holiday» aus dem Jahr 1953 fest. Die Schauspieler: Audrey Hepburn und Gregory Peck. Einer der besten amerikanischen Filme bediente sich dieser Kulisse Europas.

Eine schon oft gestellte Frage für die Zürcher Gegenwart: Wann wird die hässliche Trambarrière unter der Hardbrücke beseitigt und wann können die neuen Quartierteile von Zürich West endlich zusammenwachsen? (siehe auch Postings 14. und 31. Dezember 2022).

Urbane Abenteuerreise 1

Erfreulich ist, wenn verschiedene Wege (siehe Paul Klee im letzten Posting) in eine positive Richtung führen. Einer der Wege besteht darin, zu schauen, woher wir kommen. Das ist in Europa äusserst ergiebig. Der beste Erdteil für Urbanität? Durch die lange Geschichte wird klar, dass wir an schönen und beeindruckenden Orten leben wollen, die uns bestätigen. Mit der Demokratie hat sich das Bedürfnis auf die ganze Bürgerschaft erweitert.

Auf unserem Kontinent haben alle alle beeinflusst. Die Rolle von Italien ist herausragend – gemeint ist nicht nur das alte Rom, sondern, was später in der Renaissance und dem Barock daraus gewachsen ist. Mit Vitruv, Alberti, Serlio und Palladio ist die Theorie präsent und die Praxis mit Städten wie Rom, Venedig und Florenz überwältigend. Man kann nicht darüber hinweggehen – wir wollen diese Schätze behalten. Tabula Rasa kommt für Europa nicht infrage. Das Bisherige ist Teil der Städte und wird es bleiben. Die Synthese von Alt & Neu ist das europäische Dauerthema. 

Giovanni Battista Nolli hat seinen berühmten Plan so gezeichnet, dass öffentlich zugängliche Gebäude nicht ausgefüllt, sondern mit ihren Grundrissen erscheinen. Z.B. von links nach rechts 605 Piazza Navona (auf Grundriss eines römischen Stadions), 799 Sant’ Ivo alla Sapienza, 837 das Pantheon (125 n.Chr.).

Drei Jahre „zuerivitruv“

«zuerivitruv» dankt allen die abonnieren und lesen herzlich für die geschätzte Aufmerksamkeit. Im August 2021 ist zuerivitruv einfach einmal aus Überzeugung der Notwendigkeit «dreingeschossen». Doch die städtebaulichen Fragen in unserer Stadt dauern an und die Themen gehen nicht aus. Nicht zuletzt, weil wir neben den alten von neuen Fragestellungen bedrängt werden. Darunter die inzwischen notwendig gewordene Umstellung der Stadt auf die Klimawende. Es genügt nicht mehr, nur ans Jetzt zu denken, wir sind aufgefordert uns eine Zukunft auszumalen. Das macht «zuerivitruv» zu einer Diskussionsplattform. «zuerivitruv» möchte dazu beitragen, den Städtebau neu auszurichten und sieht darin eine schöne und interessante Aufgabe für alle: die Bevölkerung, die Privatwirtschaft, den Gemeinderat und die Regierung unserer Stadt. Mit Talent ist eine schöne und angenehme Stadt zu gewinnen, die am Bisherigen klimagerecht und nach humanistischen Grundsätzen weiterbaut. Der grosse Europäer Jan Gehl: “You get in each city what you invite for”.

Zur Erinnerung: Vitruv verfasste vor 2000 Jahren seine zehn Bücher über Architektur. Städtebau hatte darin grundlegende Bedeutung: Zuerst der Städtebau, erst dann die Architektur. 

Bild: Paul Klee – Haupt- und Nebenwege

Städtebaulicher Kulturkampf in der Schweiz?

Nach der urbanen Flachbau-Perle «Casa Milà» der Grossstadt Barcelona müssen wir uns zwischendurch auch einmal mit der Frage auseinandersetzen, ob in der Schweiz gerade ein städtebaulicher Kulturkampf woge. Ein früherer Regierungsrat des Kantons Zürich sagte aus: «Was nicht messbar ist, gibt es nicht». In diesem technokratischen Sinn wird z.T. die Verdichtungsfrage angegangen. Die obigen Bilder sind der Website von «Resilientsy» entnommen. Die Sprache aus den Bildern ist klar: das Hochhaus soll das Heilmittel sein. Die Verfasserin, Stadtökonomin Dr. Sibylle Wälty, propagiert diese Medizin seit längerem. 

Die Qualität unseres Lebensraums ist infrage gestellt und wir – Bewohner und Humanisten im Städtebau – können dankbar sein, dass es das hier schon oft zitierte wissenschaftliche Papier «Decoupling Density from Tallness …» der Universitäten Cambridge (UK) und Boulder Colorado (USA) gibt, dass die Schriften des Städtebauexperten Jan Gehl seit langem vorliegen und dass es in Zürich die «asaz-arch.ch» gibt und auch «zuerivitruv». Wie der Kampf in der neu gegründeten Vereinigung für Städtebau «URBANISTICA» ausgeht, ist noch nicht entschieden. Am konkretesten gegen die Notwendigkeit des Hochhauses in unseren europäischen Gefielden spricht die Tatsache, dass Zürich erst einen Viertel der Dichte der flachen Städte Paris und Barcelona erreicht hat.  

Casa Milà

Sechs Postings zurück hörten wir vom urbanen Quadratraster Barcelonas aus dem Jahr 1860. Im letzten Posting ging es darum, dass sich Zürich aus Klimagründen von den Investorenzwängen (Hochhaus) löst und auf den dichten urbanen Flachbau umstellt. Hier ein Beispiel, wie sich in der wohl dichtesten Stadt Europas Beeindruckendes machen lässt, wenn die städtebaulichen Regeln (Baulinien / Höhenbeschränkung) einmal klar sind. Vernünftige Städtebauregeln können einen guten Nährboden für die Entfaltung der urbanen Fantasie bieten.

Im Rand eines der Gevierte («Illa» = Insel) erwarb die Familie Milà eine Parzelle und beauftragte Antoni Gaudi mit einem Wohnhaus. Was er 1912 aus dem Auftrag machte, ist längst weltbekannt. Nicht nur die undulierende Fassade und die bewegte Dachlandschaft geriet exaltiert, die Grundrisse waren fliessend und im Untergeschoss wartete schon damals eine kreisförmige Tiefgarage. 

Die Stiftung der Caixa de Catalunya (die ZKB von Katalonien) hat die Liegenschaft übernommen, renoviert und macht eine Wohnung, den Estrich und die ganze Dachterrasse dem Publikum zugänglich (Weltkulturerbe seit 1984).

Bilder: Casa Milà als Teil einer Barceloneser «Illa»