Vektoren der Politik

Links sehen wir, was in der Politik zu oft vorkommt. Die Kräfte (Vektoren) wirken gegeneinander, das Resultat ist Null und die Zivilisation kommt nicht vom Fleck. Auch eingebrachte noch hinkende Vorschläge werden kaum je optimiert. Sie werden abgeschmettert. 

Da hilft ein Blick auf die Physik im Bild rechts: Stossen Vektoren im Winkel aufeinander statt sich platt gegeneinander zu richten, ergibt sich sofort eine Resultierende, die nach vorwärts zeigt: «Es bewegt sich». Das kennt jeder gute Segler bestens. Eine ausgezeichnete Chance zur Deblockierung und Vorwärtsbewegung bietet sich jetzt mit der allumfassend gewordenen Aufgabe des klimagerechten Städtebaus. Jede politische Partei kann auf ihre Art einwirken. Allen Parteien ist klar, dass etwas in diese Richtung geschehen muss. Eine schöne Aufgabe für das Parlament. Die Bevölkerung wartet und dankt dem Gemeinderat für konkrete Resultate.

Vertreibung der bösen Geister

Wir sehen Franziskus bei der Vertreibung der bösen Geister (Streitereien) aus Arezzo. Könnten damit böse Geister im Zürcher Gemeinderat gemeint sein? Christina Neuhaus schreibt in der NZZ vom 2. September: «Dass alle Bundesratsparteien gemeinsam eine Vorlage unterstützen, kommt heute nur noch in Ausnahmefällen vor» und: «dieses Signal der parteipolitischen Blockade ist fatal». Ist es uns Trost, dass es zur zeit in der Demokratie der USA noch viel schlimmer steht?

Der Klimagalopp schreitet unbekümmert vorwärts – letzte Woche gab es «Grandine» (übergrosse Hagelkörner) nicht nur in der Lombardei sondern auch bei uns in Locarno. Ist der Druck der Natur noch nicht gross genug um eine neue Aufgabe gemeinsam anzugehen? Angesichts der andauernden grossen Bauperiode und dem gleichzeitigen Paradigmenwechsel bezüglich Energie / Klima scheint Zürich zuerst einen Franziskus zu brauchen. Doch dann wäre der Weg für eine Zusammenarbeit im klimagerechten Städtebau frei. 

Wo ist die Organisation für klimagerechten Städtebau?

Wo ist die Organisation für Städtebau überhaupt? Wir leben nach der gut gestalteten grossen Bauperiode Ende des vorletzten Jahrhunderts jetzt in der zweiten. Im 19. Jahrhundert ging es um die Eroberung und Gestaltung des Aussenraumes am See (Quaianlagen) und den Wachstumszonen ausserhalb der Altstadt (u.a. Bahnhofquartier). Ähnliche Aufgaben stellen sich heute nach der Aufhebung der Industriezonen und deren Zurverfügungstellung als grosses Gebiet der Stadterweiterung erneut. Sie werden im gestalterischen Sinn kaum bearbeitet – die Führung fehlt. Dazu der bekannte Städtebauer Vittorio Lampugnani in der NZZ vom 1. September: «Ich hätte Zürich ein besseres Quartier gewünscht als das, was um die Pfingstweidstrasse in Zürich West entwickelt wurde. Das ist nicht die Stadt der Zukunft». Norbert Novotny in einem Leserbrief im Tages-Anzeiger: «Der Umbau von Zürich in ein Little Swiss Manhattan muss verhindert werden». Diese Äusserungen mögen das Ungenügen des Zürcher Städtebaus aufzeigen.  

Jetzt kommt noch der Klimawandel dazu. Das Pavé von Zürich überhitzt sich zunehmend. Es müsste über Durchlüftung und Grossbäume (Alleen) nachgedacht werden. Die Stadt Graz hat bereits im Jahr 2000 Klimakarten erstellt und darin unerwünschte Strömungshindernisse (Hochhäuser) festgehalten. Der Berg der offenen Fragen ist zu gross geworden, um nicht das Ganze visionär und neu zu organisieren. «Zuerivitruv» fragt: Wann organisiert sich Zürich für die Zukunft?

Wer ist für das Stadtklima zuständig?

Besonders seit diesem Jahr, doch schon zuvor, möchten wir wissen, wer für Stadtklima & Städtebau Konzepte entwickelt. Denn neben der Wohnungsproduktion (die mit dem ungeeigneten Mittel des Hochhauses gefördert wird) ist uns der Umgang mit der steten Erwärmung das nächst-wichtigste Anliegen. 

Wir müssen zusehen, wie das Hochbaudepartement entlang dem breiten und heissen Gleisfeld eine lange Hochhauswand fördert. Damit wird an einem «Hitzekanal» gebaut. Im Kleinen sehen wir zu, dass neben dem Wärmefänger der schweren Steinfassade des Erweiterungsbaus des Kunsthauses das überbreite Trottoir noch immer auf schattenspendende Grossbäume wartet. In der Klimafrage wird deutlich sichtbar, dass jedes Amt für sich trippelt und teilweise noch in die falsche Richtung. Der Gesamtstadtrat hat sich bisher nicht zu einem überzeugenden Konzept für die Weiterentwicklung unserer Stadt unter dem klimatisch/energetischen Paradigmenwechsel durchringen können. 

Das Bild lässt sich zweifach lesen: Erstens stellt sich die Frage nach der richtigen Medizin, zweitens nach der Koordination der Departemente und ihren vielen Amtsstellen.

Es fragt sich, ob die Stadt mitten in der gegenwärtigen grossen Bauperiode handlungsfähig ist. Der erwartungsvolle Blick der Bürgerschaft richtet sich auf das Stadthaus. 

Urbane Abenteuerreise 6

Das urbane Abenteuer geht nach den Ferien zu Ende; wir versuchen eine Landung in Zürich. «zuerivitruv» erlebte auf dieser rot gestrichenen Holzbrücke von Bassano del Grappa sehr schöne Momente. Ein brutaler Wolkenbruch hielt die Bevölkerung unter Dach. Das Rauschen von unten und oben dominierte, doch mit der Zeit brach eine kollektive Glückseligkeit aus: «geschützt dem Schicksal ausgeliefert». Unten die reissende Brenta, in der Mitte das Publikum und darüber das Dach. Die Stimmung ist unvergesslich. Der Ponte Vecchio von Bassano ist 1569 nach Plänen von Andrea Palladio errichtet worden – das Dach ist der Witz. 

Mit lateralem Denken überlegen wir uns, wie auch in Zürich Werte für die Bevölkerung zu schaffen wären. In Klammer: 1887 ist der Stadt mit den Quaianlagen ein ganz grosser Coup gelungen. Sehr bedürftig ist weitherum das neue Zürich West. Es ist nicht das erste Mal, dass «zuerivitruv» den neu geschaffenen Plastic-Zaun unter der Hardbrücke beklagt. Gemeint sind die Reihen von nicht querbaren Pföstchen. Wo neue Quartierteile zusammenwachsen könnten, wird getrennt. Der Grund: Das Tram, das selbst über ein Dach verfügt, fährt unter diesem formidablen öffentlichen Dach! Es könnte ein Festzone wie in Bassano hergeben, z.B. den anliegenden Restaurants als Erweiterung dienen, oder verschiedenen Märkten Schatten spenden. Im letzten Posting war die tolerante Grossform Thema, hier ist es die verbindende Geste.

Bilder: Tibor Joanelli, Zürich / Roberto Pozzi, Bassano / zuerivitruv

Urbane Abenteuerreise 5

Die heute bewundernswerten Leistungen im Städtebau geschahen innerhalb des allgemeinen Stadthorizonts. Hier die Place des Etats von Dijon, der Hauptstadt des Burgunds – durch die Schlacht von Nancy 1477 mit Hilfe des Zürchers Hans Waldmann in die Hände von Louis XI gefallen. Frankreich geduldete sich bis 1668 und drei Louis später um diesen Platz des einverleibten Burgunds mit der halbrunden Place Royale und dem gegenüberliegenden Mäander der Paläste zu gestalten. Zwischen diesem und der grossen Chapelle ist noch der Turm (Quadrat) aus der Zeit von Karl dem Kühnen und seiner Vorfahren zu erkennen – das einzige Bauwerk, das aus dem Stadthorizont ragt.

Es ist schon bemerkenswert, wie es Jules Hardouin-Mansart gelungen ist, die Grossform ins mittelalterliche Stadtgewebe einzuordnen: Wo immer eine Gasse daherkommt, wird mit einem dekorierten Pfeilerpaar für Durchlass gesorgt. Kleinere Zufahrten erhalten einen unauffälligen Torbogen. Von Erstarrung keine Spur: Die Grossform beherbergt heute querbeet alle Nutzungen. Agence de Voyages, Immobilier, Café. Die beiden diagonalen Reihen im Pavé sind Springbrunnen. Man könnte das «die tolerante Grossform» nennen.

Wann erstickt eine Stadt?

Die Gefahr ist gross, wenn die Stadt schwachwindig ist. Das ist in Zürich der Fall und als Schicksal hinzunehmen. Weiter schädlich sind jedoch die menschengemachten Strömungshindernisse, wie hier im Gebiet der Hohlstrasse. Je mehr aufragende Gebäude, desto mehr wird der ohnehin schon klägliche Luftstrom noch zusätzlich gebremst. Je zugänglicher die Baumasse für die Sonne ist, desto mehr wird sie aufgeheizt – und desto mehr wird die Wärme gespeichert. Kommt noch dazu, dass Hochhäuser den kühlenden Schatten von allfälligen Alleebäumen bei weitem überragen. Hochhäuser sind beides: Wämefänger und Windbarrièren.

Fazit: Die 2002 erlassenen Hochhausgebiete haben das ohnehin schon heisse Pavé der Stadt Zürich vollends zur Hitzeinsel gemacht. Das Ganze zeigt uns die Notwendigkeit, die Steuerung der städtischen Baustruktur gründlich zu revidieren und den neuen klimatischen Bedingungen anzupassen.

Urbane Abenteuerreise 4

Kann es sein, dass wir in Europa eine Städtebausprache haben? In Hamburg und Paris sehen wir die selben Muster: Was von Bedeutung für die Öffentlichkeit ist, darf zur Geltung kommen und darf aus dem allgemeinen Horizont der Stadt herausstechen. Das gilt für Paris mit dem Grand Palais, dem Centre Pompidou und in Hamburg für die Elbphilharmonie. Grandpalais und Elbphilharmonie machen es beide besonders gut indem sie ihre Fassaden in massive Sockel und die überragenden Volumen in Glas aufteilen. Dass Kirchen herausschauten, entspricht Während Jahrhunderten ihrer Bedeutung. Seither hat sich die Szene gewandelt und andere Nutzungen von breitem öffentlichem Interesse dürfen sich ebenfalls im Stadtbild melden. Diese bewusste Wahl erhält uns die europäische Stadt weiterhin als gut lesbares und lebhaft kommunizierendes Gebilde. 

Kommerzieller Wildwuchs (mit Hochhäusern) ist dem gestalteten europäischen Stadtbild eigentlich fremd; genauso, wie er umgekehrt zu amerikanischen und inzwischen auch chinesischen Innenstädten schon fast zwingend gehört. Wir erleben jetzt gerade den Titanenkampf in München mit seinem nach wie vor offenen Horizont, wo ein Grossinvestor zusammen mit Herzog & de Meuron ein Hochhaus gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen will. Europäer müssen sich gut überlegen, ob sie ihre interessant gewachsenen Städte für eine «Verstoppelung» mit Hochhäusern hergeben wollen.