Schweizer Architekten gewinnen im Ausland

«Es ist uns gelungen, eine hohe Dichte bei niedriger Bauweise zu erreichen» das ist eines der Statements der Gewinner des Wettbewerbs für die Überbauung Lerchenauerstrasse/Feldmoching in München. Die Architekten kommen aus der Schweiz: Ammann Albers StadtWerke, Zürich. Das Projekt schöpft die Möglichkeiten des urbanen Flachbaus gleichmässig und vollständig aus. Die Stichworte sind folgende: 

  • Hohe Dichte mit möglichst niedrigen Bauten
  • Wohnbauten kommunizieren mit dem öffentlichen Raum
  • Randbebauungen
  • Höfe, Wohnstrassen und Wohngassen
  • Durchgehender Anger nord-süd
  • Dachgärten

Die preisgekrönte Qualität liegt in der Optimierung von gleichzeitig mehreren Aspekten, die alle dem Wohnen dienen. Im Fokus steht der Bewohner. Das bedarf grosser Sorgfalt und Umsicht bei der Planung. Das Resultat ist ein Beitrag zu Stadt. Und das ist der grosse Unterschied zu den kalten «Immobilien-Placements» mit Hochhäusern, die in Zürich immer noch realisiert werden.

Bild: Ammann Albers StadtWerke

Urbaner Flachbau in Mannheim

Auf dem Gelände der ehemaligen «Turley Barracks» der US-Armee werden Baufelder vergeben. Das Architekturbüro «motorlab» schlägt Bauten mit wunderbarer Höhenteiligkeit und grossem Holzanteil vor. Schon die «Haussmannienne» von Paris punktete ab 1853 mit einer klugen Höhenteiligkeit. Nach Jahrzehnten des «blöden Blocks» wird das Potenzial des urbanen Flachbaus weitherum entdeckt.

Wann folgt Zürich? Wann sieht Zürich den Irrweg des Wohnsilos ein, der sich in die Höhe flüchtet, der Nachbarschaft und dem Stadtbild schadet? 

Das Projekt «Evergreen» in Mannheim bildet die Sockelzone mit Gartenzugang, die Mitte mit geräumigen durchlaufenden Balkonen und die Attikazone je optimal aus. «Evergreen» weckt das Potenzial des urbanen Flachbaus. Solche Bauten, die sich innerhalb der Bau- und Zonenordnungen bewegen, sind im Gegensatz zu Hochhäusern in sich ökologisch, für die Nachbarschaft positiv und lassen, da sie nicht aus dem Häusermeer ragen, den immer wichtiger werdenden Luftaustausch gewähren. Hier zeigt sich sehr anschaulich eine Möglichkeit zur Bewältigung des anstehenden Paradigmenwechsels.

Bild: motorlab Mannheim

Urbaner Flachbau an der Hochstrasse

Zurück von Paris / Marrackech an die Hochstrasse in Zürich. Dieses Dreifamilienhaus verdichtet, indem es ein Einfamilienhaus ersetzt, das in der sich wandelnden Umgebung bereits klein aussah. Es ertrank ohne Aussicht. Die Eigentümer wollten etwas quartiergerechtes. Der Architekt wollte noch mehr: einen Prototyp für Einfamilienhausersatz – sollte auch für Villen weiter oben im Hang gelten – am Zürichberg. Die üblichen kleinen Balkone kamen nicht infrage. Jede Wohnung sollte über  50 m2 Aussenfläche verfügen. Das liess sich durch kluge Kombination einer Gartenwohnung mit zwei darüber liegenden Maisonettewohnungen mit je einer grossen Dachterrasse bewerkstelligen. «Stadtvilla» hiess das Modell, das damals in Berlin im Tiergartenareal verwirklicht wurde und Berühmtheit erlangte. Dem Architekten in Zürich stand nur eine kleine Parzelle zur Verfügung, doch übernahm er den Takt aus dem benachbarten Strassengeviert mit seinen zehn villenartigen Mehrfamilienhäusern aus der vorletzten Jahrhundertwende. Das Haus hat seinen 30. Geburtstag bereits hinter sich.

Sowohl als auch

In der Wohnstruktur, die wir schon von aussen und im Schnitt kennen, lässt es sich gut leben. Die Seite hat Anstoss am Stadtraum, die andere an einem geräumigen Hof. Das bringt die Wohnung in einen interessanten Bezug. Man ist für sich, hat aber trotzdem Anteil an der Nachbarschaft: Vielfalt des Wohnens durch sowohl als auch. So könnte das gute Wohnen im Paradigmenwechsel aussehen.

Die Baustruktur zeigt nachwachsendes Holz. Es sind ganz verschiedene Aspekte, die die neue Bauwelt schaffen. Bald wird die Zürcher Hochhauspaukerei der Gegenwart alt aussehen. Je schneller deren Ende kommt, desto besser für Bewohner, Quartier, Ökologie und Stadtbild.

Bild: Studio Belem Architects Paris

Une Haussmannienne d’aujourd’hui?

Mit der «Haussmannienne» schuf das 19. Jahrhundert in Paris 1853 einen Bautypus mit Bestand bis zum 1. Weltkrieg und weit danach. Ein Klassiker, der die meisten urbanen Probleme löste und mit seiner Höhenbeschränkung (le gabarit) zum einmaligen Stadtbild mit seinem offenen Himmel beigetragen hat. Das war u.a. auch eine der Ursachen, die Paris zu einer der meistbesuchten Städte der Welt machte. 

Die offene Baustruktur von Belem Architects mit intensivem Bodenbezug hat das Zeug zum Anwärter auf den Bautypus, den der gegenwärtige Paradigmenwechsel verlangt. Hier folgt der Querschnitt des Gebäudes aus dem letzten Posting. Gefragt sind die folgenden Eigenschaften: Wenig Energie bei Bau und Betrieb, bewohnerfreundlich, Beitrag und Bezug zur Nachbarschaft und: kein Strömungshindernis, das aus dem Gebäudehorizont ragt. Damit bewegen sich Grossbäume und Gebäude auf gleicher Höhe und die stark durchgrünten Stadtquartiere werden möglich. Freundlich und in erträglichem Mass dicht – das ist ein schöner Ausblick in unsere Zukunft.

Bild: Studio Belem Architects Paris

Schöne Projekte im urbanen Flachbau

Mit dem 7. Posting auf dem Pfad des Paradigmenwechsels zeigt «zuerivitruv» wie der «urbane Flachbau» ins Spiel kommt. Das Beispiel stammt dieses Mal – Gedanken sind frei – von Studio Belem aus Paris und ist für Marrakech gedacht.

Schon der Auftritt ist gewinnend. Wir haben hier einen kommunikativen Beitrag zur Stadt (und nicht, wie in Zürich gegenwärtig Usus, schon wieder ein disruptives Hochhaus). «Ornamento alla Città» war die Forderung des grossen Europäers Andrea Palladio im 16. Jahrhundert.

Alles ist überschaulich, die Dimensionen und die Anzahl der Etagen im menschlichen Massstab. Weiteres im Inneren mit den nächsten Postings. Das Wohnensemble bietet nicht nur hohe Wohnqualität; es spricht auch mit seiner Umgebung.

Die Architekten offerieren eine tolerante offene Struktur, die Wohnen und Arbeiten und im Erdgeschoss Läden und Gastronomie aufnehmen kann: Eine mehr oder weniger nutzungsneutrale Struktur mit Bezug zur Nachbarschaft.

Der urbane Flachbau bietet noch viel unausgeschöpftes Potenzial für vielfältige und urbane Lebensqualität. Der in die Höhe gestapelte Wohnsilo kann das nicht. Es wäre jetzt an der Zeit, dass Zürich die Flucht ins anonyme Hochhaus aufgeben würde um den Weg im qualitätvollen urbanen Ensemble zu suchen. 

Seien wir smart, verlassen wir die ausgefahrenen Geleise. Werfen wir jetzt das Steuer lustvoll herum, bevor wir durch die Umstände dazu gezwungen werden und bevor wir weiteren Schaden anrichten.

Bild: Studio Belem Architects Paris

Sozialaspekt im Paradigmenwechsel

Auf dem Pfad des Paradigmenwechsels streifen wir den Sozialaspekt des Wohnens und gehen dazu nach Holland. Die Bildbeschreibung sagt schon alles:

  • Sehr klug sind im Erdgeschoss Maisonettewohnungen mit eigenem Garten angeordnet. Sie regeln die Sockelzone der Blockrandbebauung.
  • Die Obergeschosse verfügen über durchgehende grosse Wohnbalkone.
  • Wohnungen mit Dachterrassen machen den Kopf der Wohnzeile.
  • Der reich begrünte Hof dient allen und allen Generationen.

Das ganze Wohnensemble ist überschaubar: «man kann sich kennen». Jede der drei Höhenzonen – unten / mitte / oben – optimiert ihre Lage.

Bilanz:

Der urbane Flachbau bietet viel Potenzial für vielfältige urbane Lebensqualität. Der Wohnsilo kann das nicht.

Stadtbauqualität

«zuerivitruv» erinnert: Wir befinden uns auf dem Pfad des Paradigmenwechsels, der vor 6 Tagen begonnen wurde. «FIGUGEGL» hiess die wohl erfolgreichste Reklame für Schweizer Fondue. «Bau- und Zonenordnung genügt und garantiert die grundlegende Qualität» ist das Gegenstück für den Bereich des Städtebaus. Wir verzichten auf die Abkürzung und schauen auf das Bild. Ortsangabe unnötig. Der urbane Flachbau macht den «tapis de Paris». Die Identität kommt durch das Herausragen der Monumente. Die Stadt kann wachsen oder schrumpfen, die Identität und Lesbarkeit als Merkmal bleiben erhalten. Dazu ist es noch sehr nobel, Bauten von öffentlicher Bedeutung zu bevorzugen. Stolz zeigt die Stadt ihr Bild der Welt.

Ganz anders in Zürich: Seit Erlass der Hochhauszonen im Jahr 2002 wächst das Chaos im Stadtbild monatlich. Gefördert von den Behörden. Sie lassen zu, dass Unwichtiges im Gesicht der Stadt dominant wird und Wichtiges zugedeckt. Das lässt auf eine niedrige Zivilisationsstufe schliessen.