Das Zürcher Stoppelfeld: Abbild der amtlichen Baupolitik

Das ist die Karikatur der Zürcher Baupolitik seit Erlass der Hochhauszonen im Jahr 2002. Was herausragt, sind die wahllos erfolgten Sondergenehmigungen, die in der Regel an Immobilienkonzerne gingen. Wie sich über die Jahre zeigte, noch mit Ausnutzungsgeschenken, die den üblichen Bauherrschaften nicht zukommen. Dazu wird mit dem Mittel des «Gestaltungsplans» die Ausnutzungsziffer des Baugesetzes ausgehebelt, d.h. umgangen. Der Gestaltungsplan «Heinrichstrasse» kommt mit einer Verdoppelung der Ausnützung bald in den Gemeinderat. Diese «Geschenke» bilden sich fortlaufend und disruptiv in der Stadtsilhouette ab. 

Verdichtung Schritt für Schritt

An der Hochstrasse im Quartier Fluntern, einer historischen Strasse, die dem Gelände folgt erhob sich an dieser Kreuzung mit der Hinterbergstrasse für Jahrzehnte eine markante Scheune. Mit umlaufenden Balkonen hat die Architektin Gret Löwensberg hier noch vor der Jahrhundertwende einen freundlichen Akzent gesetzt. Die Verdichtung ist erheblich und mit grosszügiger Geste und einem sehr hohen Wohnwert verbunden. Durch solche Bauten gewinnt auch die Strasse und das Quartier.

Eberhard Gull, Sohn des Erbauers des Landesmuseums Gustav Gull, hat bereits um 1930 an der selben Einmündung drei Wohnbauten um einen grünen Hof gruppiert: Den Fehrenhof. Zu jeder Zeit kann Verdichtung mit Qualität verbunden sein und die Nachbarschaft aufwerten. 

Eigengoal an der Limmat

Die Tramdepothochhäuser wachsen jetzt gerade gegenüber dem Wipkingerpark auf dessen Nachmittagsseite in die Höhe. Sie stehen im Licht und rauben der Limmat den Glanz der Wellen. Der so begehrte und für das dicht bebaute Wipkingen so geschätzte wie notwendige Park erhält jetzt für alle Zeiten eine traurige Note. Im Gegenlicht wird sich eine schattige Drohkulisse erheben.

Nicht ohne Grund nennt man Hochhäuser in den europäischen Stadtbildern disruptiv. Dem Hochbaudepartement ist zugute zu halten, dass die Wettbewerbsbedingungen Hochhäuser ausgeschlossen haben. Doch die Jury setzte sich darüber hinweg und damit auch über die städtebauliche Gegebenheit des schon seit einigen Jahren bestehenden Parks am Wasser. «zuerivitruv» wird sich in nächster Zeit einmal mit der städtebaulichen Schwäche der Wettbewerbsjurys befassen müssen.

Zwei Seiten am Ampèresteg

Zwei Arten der Verdichtung treffen sich. Wir kennen die Liegenschaft rechts der Limmat vom letzten Posting und schauen sie auch noch von der Rückseite an. Wir sehen, dass nicht nur in der Höhe ergänzt wurde, sondern auch im Grundriss. Ganz im Sinn des urbanen Flachbaus schöpft das Ensemble aus Alt und Neu die Höhenteiligkeit in vollem Umfang aus: Sockelgeschoss – Mitte -Attika. Dass hier mit so grosser Sorgfalt und entsprechendem Erfolg verdichtet wurde, ist als Glücksfall für die Stadt Zürich anzusehen.

Wesentlich weniger Glück hat die Stadt mit der soeben begonnenen Überbauung «Wohnsiedlung und Depot Hard» auf der linken Seite der Limmat. Statt einen Beitrag zum speziellen Ort mit dem Wipkingerpark am Fluss zu leisten, kommt hier die Verdichtung mit voller Brutalität daher. Familien werden bis 60 Meter in die Höhe gestapelt und der Schattenwurf in der zweiten Tageshälfte nimmt der Limmat den Reiz und beschattet den neu geschaffenen Park. Das nächste Posting bringt mehr Information dazu.

Verdichtung beim Ampèresteg

Wir verdichten wieder im urbanen Flachbau. Dieses Mal beim Ampèresteg zwischen Wipkingerpark und Puls 5 an der Limmat. Für Zürich heisst das: Verdichten innerhalb der Bau- und Zonenordnung. Ein ganz toller Hybrid ist hier entstanden. Mit einem fantasievollen Konzept und hochgradiger Ästhetik. Hybride sind oft interessanter als reine Neubauten.

«zuerivitruv» weiss nicht mehr über das Haus als Sie. Aus seiner langjährigen Erfahrung ist hier ein ehemaliges Fabrikgebäude umgenutzt und aufgestockt worden. Wer möchte hier nicht wohnen? Es wurde nichts abgebrochen, keine graue Energie vernichtet, vor allem nicht die Betonböden. Von selbst stimmt da schon vieles. Ist man auf der Bahn des Paradigmenwechsels, ergibt das eine das andere. Hier ein Kompliment an die Bauherrschaft und an den Dirigenten – den Architekten.

Das Beispiel zeigt: Zürich kann, wenn einmal das Oberstübchen neu vermessen ist, ganz gut im urbanen Flachbau verdichten. Das «Oberstübchen neu vermessen» hat «zuerivitruv» übrigens vom bekannten Stadtwanderer Benedikt Loderer gestohlen. 

Noch mehr Wohnsilos oder zeitgemässer Städtebau?

Im vorletzten Posting beschäftigte «zuerivitruv» die Frage: «Hat das Gemeinwesen das Sagen oder haben die Immobilienkonzerne freie Bahn?»

Und was ist, wenn das Gemeinwesen selbst Wohnsilos à la chinoise portiert, als ob es gälte, die grossen Immo-Konzerne Chinas zu konkurrenzieren? Dann ist es Zeit, den Paradigmenwechsel auf breiter Basis zu verlangen. Das stadtzürcher Hochbaudepartement läuft mit voller Kraft immer noch in die falsche Richtung: gegen die Ökologie des Bauens, gegen das Wohnen in einer guten Nachbarschaft, und gegen das Klima und den Luftaustausch in der Stadt.

Bilder:

Oben Swiss Life: Leutschenbach und Letzi-Turm am Gleisfeld

Unten Hochbaudepartement: Tamdepot-Türme und Projekt Thurgauerstrasse

Die Zukunft gehört dem urbanen Flachbau

Wer im Hochhaus wohnt, wohnt nicht im Quartier.

Wer im Hochhaus wohnt, kennt keine Nachbarschaft.

Wer im Hochhaus wohnt, nimmt nicht Teil.

Wer im Hochhaus wohnt, dessen Kinder haben fürs Leben Nachteile.

Zürich ist rückständig: Immer noch Wettbewerbspreise für Wohnhochhäuser, sogar wenn sie in den Bedingungen ausgeschlossen sind. Beispiel dazu: Die Tramdepot-Hochhäuser an der Limmat.

Die Zukunft gehört dem urbanen Flachbau!

Bilder: Links Swiss Life Baslerstrasse, rechts «Swing Out» Stöckacker Nord, Bern

Evergrande

Der grösste Immobilienkonzern Chinas – Evergrande – wankt und lässt weltweit die Börsen zittern. «zueriviteruv» nimmt diese Publizität wahr, um über die Form der chinesischen Immobilien im Verhältnis zu Zürich nachzudenken. Schon lange sind in diesen Postings die rücksichtslosen «Placements» der Immobilienkonzerne in unserem Stadtbild ein Thema. Obwohl sich die Wirtschaftssysteme unterscheiden, gleichen sich die Bilder der in der Vertikalen ausgerichteten Wohnsilos. 

In China wird alles geschluckt, wenn es nur einige Quadratmeter gibt, die zu   

kaufen sind. Wohnkultur und die Soziologie des Wohnens, die sich bei uns über Jahrhunderte entwickelt haben, gibt es nicht mehr. Die Reste der vorrevolutionären Hofhaustradition wurden laufend dem Boden gleichgemacht.

Ist die Behauptung falsch, dass immer mehr Leute die Zürcher Hochhausbesessenheit hinterfragen? Der einseitig rationale Fortschrittsglaube – wie er nach dem Krieg herrschte – sollte nach all den Abbrüchen von gescheiterten Siedlungen in Deutschland, DDR und Frankreich inzwischen überwunden sein. Gutes urbanes Zusammenleben oder abgefüllt werden? – das ist die eine Frage. Die andere: Hat das Gemeinwesen das Sagen oder haben die Immobilienkonzerne freie Bahn? 

Was wir uns wünschen, sind menschengerecht geplante Siedlungen, die auch den neuen Anforderungen von Ökologie und Klima genügen. Die hier laufende Reihe des urbanen Flachbaus illustriert dies mit Beispielen.