Nach den Herbstferien

«zuerivitruv» erlaubt sich, nach den Ferien nochmals die Dynamik im Stadtbild von Zürich aufzugreifen. Das hat nebenbei auch mit der Volksabstimmung über den Richtplan unserer Stadt Ende November zu tun. Die Abstimmungsunterlagen sind im Anmarsch.

Das Doppelbild veranschaulicht das physische Abbild der Baupolitik unseres Hochbaudepartements. Ein Blick zeigt: Nicht kompatibel mit dem natürlichen Wunsch in einer schönen Stadt zu leben.  Eine Stadt kann Freude machen und täglich aufmuntern. Dass es so weitergeht, mit dem ungeregelten «Stoppelfeld» garantiert die schon bald zwanzigjährige Bewilligungspraxis.

Im Richtplan versteckt sind zwei Anträge, die einerseits die Höhenlimiten der heutigen 40, 60, 80 Meter-Hochhauszonen aufheben und anderseits die Verclusterung (med.: Zellwucherung) erlauben. Das heisst in Somma: ganze Gruppierungen von Hochhäusern in unlimitierter Höhe. «zuerivitruv» wird noch im Detail auf diese beiden Anträge eingehen.  

Verdichtung mit Mass und Würde Nr. 4

Die Universität schreitet in diesem Jahrhundert mit der Verdichtung fort. Das Kollegiengebäude aus dem Jahr 1914 mit dem eindrücklichen Innenhof, um den herum alle Disziplinen auf einen Blick sichtbar versammelt sind, brauchte einen weiteren und grösseren Hörsaal. Im Inneren wurde er an den grossen Hof angedockt und im Äusseren in die Böschung am talseitigen Abhang zwischen die im letzten Posting erwähnte Mensa und das Kollegiengebäude gesetzt. Im Bild sind es die rot eingefärbten Betonkuben. Die Dachfläche dient als Vorplatz mit Reflecting-Pool. Im gleichen Zug erhielt auch die benachbarte Mensa eine öffentlich zugängliche Dachterrasse.

Das ist der zweite Erweiterungs- und Verdichtungsschritt. Beide brachten auch neben ihrer neuen Nutzfläche Gewinne für das Ganze. Am Wochenende ereignet sich – oft mit Alpenblick – Modefotographie und Skateboard.

Die Beispiele zeigen, wie Verdichtung – ohne die Kurzschlusshandlung eines Hochhauses – funktioniert. Mit Sorgfalt und Kultur baut die Universität an unserer Stadt weiter. Die beiden Bausteine lassen eine schöne Zeitdynamik über die Jahrhundertwende spürbar werden*. Tragisch ist, dass das Hochbaudepartement gleichzeitig und immer noch disruptive Hochhausprojekte von Grossinvestoren begünstigt.

* Vielleicht wird «zuerivitruv» einmal die positive Dynamik bei der Entwicklung des Louvre über die Jahrhunderte darstellen.

Verdichtung mit Mass und Würde Nr. 3

Die Universität hat es schon im letzten Jahrhundert vorgemacht. Die damals neue grosse Mensa wurde um 1970 so in den Hang terrassiert, dass der Hang respektiert wird und der würdige Universitätsbau aus dem Jahr 2014 die Dominante im Stadtbild bleibt.

Wir schauen über die Hecke des benachbarten Rechberggartens zur Universität. Dazwischen liegt ein gut gestalteter Treppenabgang, der die Wohnquartiere mit der Altstadt verbindet. Die Einbindung ist hervorragend gelungen, denn auch die Uni wird eingebunden und erhält Zugang zum Park. So kann sich in der Stadt Leben ausbreiten. 

Verdichten mit Mass und Würde, Nr. 2

So gemütlich, grün und ökologisch kann man es sich einrichten. Das Rennen unter den neuen Paradigmen Energie, Ökologie und Soziales ist offen. Hier wurde eine Wohnbau-Genossenschaft tätig: «Mehr als Wohnen» in Zürich Leutschenbach. 

In der Nachbarschaft enttäuscht ein Immobilienkonzern und will das leider schon übliche eiskalte «Placement» in Form eines Hochhauses auf der gegenüberliegenden Strassenseite erstellen. Die Ausnahmebewilligung kommt von unserem Bauamt. Sprechen Sie mit Stadtrat André Odermatt. 

Verdichtung mit Mass und Würde

Jetzt wird es konkret mit der erträglichen Verdichtung unter dem neuen Paradigma von ökologisch, energetisch und sozial. Es geht um Verdichtung mit Mass und Würde. Und es geht um Verdichtung unter den genannten zeitgemässen Kriterien.

Am Riehenring in Basel haben Jessenvollenweider Architekten für die Wohnstadt Bau- und Verwaltungsgenossenschaft 36 Wohnungen in den Innenhof einer Blockradbebauung eingefügt. Die bewegt polygonale Form und die isländischmoosgrüne Lasur der Holzfassade sorgen für unaufdringliche Beschwingtheit im streng definierten Hof.

Primitiv und ausserhalb der zeitgemässen Paradigmen wäre ein Hochhaus gewesen. Das Beispiel ist in dem Sinn wichtig, dass es sehr schön illustriert wie mit Weiterdenken statt einer Kurzschlusshandlung eine bessere Lösung resultiert.

Das Laissez-Faire beenden. Den Paradigmenwechsel gestalten.

Es gilt, eine neue Synthese zu finden. Die Entwicklung seit der Jahrhundertwende war leider ein Zuviel von Laissez-Faire zu lasten von Stadtbild, Stadtklima, Bevölkerung, Nachbarschaften und den Quartieren. Zu viel Stahl und Zement und zu viel Höhenstapelung von Familien in Wohnsilos, Auftürmung von Strömungshindernissen und Schaffung von Hitzeinseln. Die Zeit für die Ablösung dieser Leitsätze ist gekommen. Ein Paradigmenwechsel drängt sich auf.

Im Posting vom 5. Februar hat «zuerivitruv», zur Besinnung auf den Ursprung im Würm vor 20’000 Jahren, das «Glacier-Valley» eingeworfen, unser schönes Gletschertal. Wie wollen wir uns im menschengeformten Anthropozän ab jetzt einrichten?

Es braucht wohl eine neue Ästhetik, die Energie, Ökologie und Soziales zu einer Synthese bringt.

Das Laissez-Faire und sein Abbild

Dass man sich in einer anständigen europäischen Stadt einfach des Luftraums – für die Bürgerschaft ihr offener Himmel – bemächtigen kann, gehört auch zur Absenz des  städtebaulichen Gewissens in Zürich. Es mag ein Minderwertigkeitskomplex Ende der Ära von Ursula Koch gewesen sein, der ihren Nachfolger Elmar Ledergerber dazu bewogen hat, ein Hochhausnetz über Zürich West und Nord zu werfen. Ein Fanfarenstoss an Stelle von seriösem Städtebau. Genau so sieht jetzt unsere «Townscape» aus: zufällige Bauerei ohne Idee. Der Gedanke ans Resultat, wenn es so weitergeht, fehlt. Gouverner c’est prévoir. Besucher von Zürich könnten meinen, die Wucherung sei unser kollektiver Wille. Sind wir einverstanden, können wir uns identifizieren und stolz sein?

Starker Motor, doch niemand am Lenkrad

«zuerivitruv» nutzt die Herbstferien um philosophische Gedanken anzustellen und geht von der Karikatur der Zürcher Baupolitik im letzten Posting aus. Warum dieser Schaden? Es drängt sich folgende Frage auf: 

«Woher kommt die zunehmend manifest werdende Schwäche der Stadt Zürich im Städtebau?»

Zu den Wurzeln: Städtebau kann in der Verbreitung nur von einer Hochschule kommen. Camillo Sitte untersuchte Städte um 1900 und gab eine Zeitschrift heraus. Ohne diese ist z.B. die Anlage der neuen Strassen in Zürich zu dieser Zeit und in dieser Qualität undenkbar. Es ist auffallend und bekannt, dass die ETH sich stets qualifiziert um die Architektur kümmerte und dies noch immer tut. Doch der Städtebau sitzt stets im Seitenwagen. Langjährig durften die bezüglich Städtebau selbst ertüchtigten Männer wie Carl Fingerhut in den zwei grossen Zeitungen publizieren. Auch Vittorio Magnago Lampugnani, der Mailänder und gegenwärtig Jürg Sulzer.  

Die geringe Bedeutung des Städtebaus am Lehrstuhl hat verbreitet Folgen für Zürich und die ganze Schweiz:

  • bei den Architekten
  • in den Bauämtern
  • in den Fachpublikationen
  • in der Presse
  • bei den Bauherren

Wenn man bedenkt, dass wir uns in der grösste Bauperiode seit derjenigen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befinden, müssen wir Angstzustände bekommen.