Das Kind und der Richtplan

“zuerivitruv” wollte mit den europäischen Stadtbildern weiterfahren. Weil die Abstimmung über die Richtpläne läuft, muss sich noch dringender zuerst das davon betroffene Kind äussern können. Wir befinden uns dann auch gerade auf der Linie der Bücher des bekannten Schweizer Kinderarztes Remo Largo. Sein Leitspruch: «Sagen Sie mir doch, wie man im 24. Stock ein Kind aufziehen soll». 

Wir meinten, die verfehlten Wohn-Hochhäuser des letzten Jahrhunderts hinter uns zu haben und staunen über den in Zürich losgetretenen Hochhausboom, erst nur für Bürohäuser, jetzt und zunehmend für Wohnzwecke. Diese Fehlentwicklung würde durch die im Richtplan Siedlung enthaltenen Hochhausfreigaben noch kräftig gefördert. Gemeint ist die Aufhebung der heute geltenden Höhenbegrenzungen von 40, 60 und 80 Metern, und die neu zu schaffende Möglichkeit, ganze Ballungen zuzulassen.

Dazu zwei interessante Kurzvideos:

Europäische Städte: Lissabon

Links die Sicht vom Meer ins Land: Das Bellevue von Lissabon heisst «Praça do Comércio». Dann folgt ein Schachbrettquartier und nach dem Rossio ein Knick mit dem Beginn der langen ansteigenden Avenida da Liberdade. Man gibt sich europäisch und  lässt sich die Schönheit nicht durch Hochhäuser verderben.

In unseren grosszügigen grünen Quaianlagen (1887), und besonders schön am Zürichhorn, geniessen wir unser kleines Meer. Bei der Weiterführung gegen Westen hin haben wir nicht aufgepasst und Europa verlassen. Es geht dort in Richtung Kunming oder Wuhan. Wo ist der Stadtbaumeister geblieben?

Crème fraîche

Den Richtplan Siedlung zu verstehen und in den Griff zu bekommen, bedarf vielleicht einer Metapher. Da bietet sich die französische Crème fraîche an. Im Restaurant können Sie durch die Frage «comment la voulez vous?» überrascht werden. «Sucrée ou avec oignons?». Das sind Welten und nur das eine oder das andre ist geniessbar, jedoch nicht die Mischung. Der unausgegorene Richtplan enthält aber beides gleichzeitig. Einerseits die Sanftheit im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Anderseits aber auch die fatalen Freigaben für Hochhäuser: Die Aufhebung der Höhenlimiten und die Möglichkeit ganze Ballungen von Hochhäusern zuzulassen. Wird der Richtplan Siedlung angenommen, müssen diese Empfehlungen über kiurz oder lang in konkreten Baugesetzen Eingang finden. Dazu steht das Vehikel bereits in Wartestellung: Die Revision des Hochhausleitbilds, die Anfang 2022 abgeschlossen sein soll.

Angesichts der grossen Bauperiode, in der wir uns befinden und der auf Investition wartenden Milliarden, wäre eine solch enorme Freigabe für unsere Stadt viel zu gefährlich. Der Richtplan Siedlung hätte, wenn er zeitgemäss wäre, ein Moratorium für Hochhäuser enthalten müssen und nicht diesen absurden Freipass. 

Das kann uns allen passieren!

Ein Neubau, gemäss Bauzone? – bewegt sich üblicherweise im Rahmen dessen, was im Quartier schon da ist und war irgendwann einmal zu erwarten. Doch neuerdings müssen Nachbarn auf Überraschungen gefasst sein, denn das Hochbaudepartement bewilligt überall, wo ein Immobilienkonzern fündig wird, ein Hochhaus. Je nach Hochhausgebiet sind Höhen von 40, 60 oder sogar 80 Metern möglich. Man rechnet für Wohnen etwa mit 3 Meter pro Geschoss und ist in den Wohn-Zonen W3, W4, etc. auf 9 oder 12 Meter gefasst. Neueren Datums kommt das zurückgesetzte Attikageschoss von nochmals 3 Metern dazu. Das ist ein Massstabssprung, der für eine mitteleuropäische Stadt ungut ist: 15 zu 80 Meter. Der Quartiermassstab wird zerrissen, der offene Himmel gestohlen und erdrückende Baumasse vor die Nase gesetzt.

Es ist eine Zivilisationsfrage, ob wir das Hochbaudepartement mit seiner Praxis weiter gewähren lassen wollen. Doch zuerst kommt noch die Tagesordnung mit der Richtplanabstimmung. Wie in vorgängigen Postings gesagt, ist darin die totale Freigabe der Höhen für Hochhäuser über die oben genannten Limiten hinaus enthalten. Dazu kommt noch die Möglichkeit von Hochausballungen. Deshalb müssen wir zuerst einmal diesen «Richtplan Siedlung» am 28. November ablehnen. Dann muss im Zusammenhang mit den Wahlen vom nächsten Februar versucht werden, diese Bevorzugungspraxis von Immobilienkonzernen auf Kosten der Nachbarschaften, der  Quartiere und unseres Stadtbilds zu beenden. Wer macht mit?

Bild: Swiss Life-Turm in Altstetten.

Trojanisches Pferd

«zuerivitruv» hat die Abstimmungsunterlagen erhalten. Der Text zu den Richtplänen ist übersichtlich gegliedert. Doch sucht man vergebens nach den in 4 Postings zurück erwähnten Einträgen der GLC. Wie gesagt, erlauben sie die Höhen in den 40, 60 und 80m-Zonen aufzuheben und dazu noch Ballungen von Hochhäusern zuzulassen. Zum bereits hässlichen «Stoppelfeld» wären da ganz grosse Schäden für das Stadtbild von Zürich zu erwarten. Für eine Stimmrechtsbeschwerde ist es zu spät. Es kommt also nur noch ein Nein zum Richtplan Siedlung infrage. 

Ernüchterung

«zuerivitruv» denkt, dass sich ein Richtplan mit Horizont 2040 mit der Zukunft befassen sollte: Einen Kurs festlegen und dann laufend auf der Fahrt korrigieren. Eine Leitlinie, nicht kleine und kleinste Festsetzungen. Beim Zürcher Richtplan ist es sogar so, dass ein Kurs, der die neuen Erkenntnisse im Städtebau berücksichtigt, fehlt. Viele hatten nach 2002 noch Freude und waren stolz auf die ersten Hochhäuser der neuen Generation. Inzwischen haben wir das hässliche «Stoppelfeld» – Resultat einer Laissez-Faire-Baupolitik. Wir sind in einer Sackgasse, wollen es aber noch nicht erkennen und die Fehler nicht eingestehen. In diesem unglücklichen Stadium ist der bereits 2016-18 verfasste und letzten Frühling leicht ergänzte Richtplan stehen geblieben. Manche Partei hat in der Verhandlung noch Zugaben eingebracht. Damit hat der im Kleinen zu detaillierte Plan noch Gegensätzliches aufgenommen. 

Zum Beispiel: Statt Hochhäuser zeitgemäss zu disziplinieren, oder die Hochhauszonen gänzlich aufzuheben, wurde deren Förderung mit einer Höhenfreigabe und der Möglichkeit von Hochhaus-Ballungen beschlossen. Ein zeitlich veralteter Plan ist also noch rückständiger geworden. Auf der Strecke bleibet das Zukünftige: Ökologie, Energie, Soziales und damit verbunden das Stadtbild. 

Und: Das visionsarme Gerüst ist zu schwach um die auf Investition wartenden Millionen/Milliarden zum Nutzen der Stadt zu lenken (siehe letztes Posting).

Bild: NZZ 21.10.2021 (Ausschnitt)

Gestaltung der Milliarden

Das hässliche «Stoppelfeld» von Zürichs Westen und Norden befriedigt niemanden. Es rührt von städtebaulicher Führungsschwäche her. Seit dem Erlass der Hochhausgebiete im Jahr 2002 sind die Folgen immer deutlicher wahrnehmbar. 

Die Umstände der europäischen Städte Ende des 19. und Anfang des 21. Jahrhunderts sind verschieden. Doch gibt es – wie immer in der Geschichte – Parallelen. Was machte die Regierung im Paris von Haussmann mit Anlagedruck und was Zürich heute mit den investitionsbereiten Milliarden der Immobilienkonzerne?

Zürich lässt die Investitionen führungslos laufen; Paris hat sie zu Gunsten der Stadt gelenkt. Die Rendite bleibt die selbe. Paris ist mit und nach Haussmann zur schönsten Grossstadt der Welt geworden, währendem Zürich (wie übrigens auch London) jetzt den Pfad des Zufalls beschreitet und mit einem immer chaotischer werdenden Stadtbild bezahlt. Sollte der Richtplan Siedlung die Abstimmung passieren, wird dieser unerfreuliche Weg noch bestärkt, denn verborgen im grossen Konvolut des «Richtplans Siedlung» findet sich die Freigabe der Höhen für Hochhäuser (bisher 40, 60 und 80m-Zonen). Dazu soll noch die Möglichkeit geschaffen werden, Hochhäuser zu verclustern, d.h. Hochhausballungen zu ermöglichen. 

Die schöne Stadt ist eine tägliche Quelle von Lebenskraft. Das Lebensgefühl ist ein anderes, nicht nur wenn Besucher kommen. Im Fall von Zürich steht die Gestalt der Stadt im Gletschertal auf dem Spiel und der Ruf unserer Epoche: «Was wir fertiggebracht haben».

Wirtschaftlicher Erfolg mit oder ohne die schöne Stadt – Sie haben es in der Hand: legen Sie ein NEIN zum Richtplan Siedlung ein! 

Fataler Eintrag im Richtplan

Wenn wir uns darüber einig sind, dass infolge neuer ökologischer Erkenntnisse unser  Oberstübchen neu zu vermessen sei (siehe auch Posting vom 6. August), dann muss ein Beschluss des Gemeinderats bei der Verabschiedung des kommunalen Richtplans erstaunen: 

Die geltenden Höhenlimiten der 40, 60 und 80m-Hochhauszonen sollen ersatzlos aufgehoben werden. Zudem soll es möglich sein, Hochhäuser zu «verclustern», d.h. Gruppen zu bilden. «Cluster» aus dem Englischen bedeutet Bündel, Schwarm oder Ballung und in der Epidemiologie «Wucherung».

Der Richtplan, 2018 vorgelegt und in Jahren zuvor erarbeitet, ist unverschuldet nicht mehr auf dem neusten Stand. Er hätte in den vergangenen drei Jahren angepasst werden können. Die neuen Erkenntnisse aus Klima, Energie, Ökologie und der Wohnsoziologie verlangen eher die Widerabschaffung der Zürcher Hochhauszonen, als deren Ausweitung durch Ballung von Hochhäusern in unlimitierter Höhe.  

Die Grünliberale Partei hat den beschriebenen wenig grünen Vorschlag im Rat eingebracht und «zuerivitruv» hat den obigen Bildvergleich zur Veranschaulichung erstellt. Sie sehen die Gruppierung und eine Andeutung der unbeschränkten Höhen. 

Wollen wir das? Wenn nicht, muss der Richtplan Siedlung (es gibt noch den zweiten für Verkehr) abgelehnt werden.