Nr. 4: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Da kommt der bekannte Kinderarzt Remo Largo mit seiner Bemerkung daher: «sagen sie mir, wie man im 24. Stock ein Kind aufziehen soll». Fazit: für die Familie kommt das Hochhaus nicht in Frage. Und für die andere Bewohnerschaft spielt die selbe «Mechanik», dass mit der zunehmenden Entfernung vom Boden die Lust abnimmt, zu kommunizieren. Die (fragile) Spontanität ins Quartier, die Umgebung oder die Stadt zu gehen, nimmt höhenbedingt ab. Einzig offen ist noch die Frage, in welcher mathematischen Kurve. Hat man sich einmal platziert, bleibt man.

Die «Garagierung» in der Höhe ist nicht natürlich. Die gute Stadt unternimmt alles, die Behausung im urbanen Flachbau (in Paris bis 6 Etagen) zu bewältigen. Denken wir dabei auch an die Engländer, die z.B. in London grosse Dichten mit dem Reihenhaus (mit Garten) erreicht haben. «zuerivitruv» hat das bereits ab 19. März 2021 in vier Beiträgen thematisiert – vom Stadtbild bis zur Soziologie des Wohnens. Die Stadtteile Kensington, Notting Hill und Chelsea werden herangezogen; auch deren städtebauliche Figuren: Groves, Mews und Crescents. Wenn es sein muss, lassen sich Reihenhäuser auch stapeln: «There is no excuse for a high rise!».

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr. 3: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Was Jan Gehl macht, ist tätige und konkrete Stadtforschung. Nicht vermeintlichen Sachzwängen erliegen, wie in Zürich mit sener Hochhaus-Besessenheit und dem diffusen Druck von einigen Architekten und Immobilienkonzernen. Wenn sich der Mensch selbst ins Forschungsfeld hineinbegibt, fördert er auch brauchbare Resultate zutage. Die menschliche Dimension ist bei der seit 2019 andauernden Testplanung für das Hochhausleitbild von Zürich gar nie ausgelotet worden. Darum auch das nervöse Geständnis nach der unverhofften Offenlegung der verfehlten Planung, dass jetzt noch mit Soziologie und Ökologie nachgelegt werden müsse. «zuerivitruv» und andere Gruppierungen fordern deshalb glaubwürdige und international anerkannte Experten. Das Amt für Städtebau will es jedoch intern «erledigen».

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr. 2: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Kompatibel heisst übereinstimmen, verträglich, vereinbar und wenn man die Stimme in Betracht zieht: Hör- und Rufdistanz. Wir sind weder Vögel noch Würmer. Kindern will man rufen können. Besonders sie, aber auch Erwachsene möchten gerne ohne allzu grosse Mühe oder Komplikation spontan zwischen Innen und Aussen wechseln können. Geht das wegen zu grosser Höhendifferenz nicht, kommen Gefühle von Käfighaltung auf. Die vertikale Distanz braucht bald einmal Schächte, wo das Abgenabeltsein im anonymen Hochregal generiert wird. Im klassischen New York des 20. Jahrhunderts wurden für Büronutzung die Schächte zur Auftürmung von Geschossfläche hingenommen, führte aber oft zu einem Sandwich-Lunch und Eingeschlossensein für 8 lange Stunden. «zuerivitruv» hat das im damaligen World Trade Center im 64. Stock selbst zu ertragen gelernt. Daher auch der Spruch «Water Tight Closet».

In einer gewachsenen europäischen Stadt müsste anständigerweise noch das Stadtbild angefragt werden, denn Stadtbild ist Allgemeingut.

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr. 1: Jan Gehl / Hochhaus & Stadt

Wie im letzten Posting angekündigt, starten wir mit Abschnitten aus dem Interview, die hier als grün unterlegtes «Bild» erscheinen. Jan Gehl öffnet in diesem Abschnitt als Wissenschaftler im Stadtbauwesen seine Erkenntnis, dass das In-die-Höhestapeln von Menschen irgendwo eine Grenze des Guten überschreitet. Ein gewisses Stapeln ist notwendig um Dichte zu erzeugen. Geht es aber zu hoch, kommt es zur Entfremdung von der Bezugsebene der Stadt und es läuft den Instinkten des Menschen zuwider.

In Paris – und das sollten wir auch heute nicht vergessen – kam es bereits 1863 zu Regelungen, die genau diesen lebbaren Bereich optimal gestalten wollten. Das ist eine Zivilisationsstufe, die bei uns weitherum immer noch nicht errungen wurde. Sie funktioniert so: Erdgeschoss und Mezzanin bilden eine sehr durchlässige Sockelzone im Austausch mit der Strasse – dem urbanen Bewegungsraum. Pfeiler statt Mauern erlauben diesen Austausch. Darüber kommt das Wohnen mit konventionellen «Lochfassaden» (Fensteröffnungen). Und darüber gibt es noch ein zurückgesetztes Attika und die prägenden in Zink gedeckten Dächer. C’est tout! Alle Baustile seither haben dieses wertgebende Muster auf ihre Art interpretiert. Die Gebäude sind übrigens unten rechts mit Architekt und Baujahr bezeichnet.

Damit hat Paris mit Würde und Vielfalt vierfache Einwohnerdichte von Zürich erreicht. Warum meint Zürich mit seiner geringen Dichte in wild gestreuten Hochhäusern dilettieren zu müssen?

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Endlich klarer Wein über Hochhaus und Stadt

Am 2. Februar erfolgte, wie der Leserschaft von «zuerivitruv» bekannt, dank Indiskretion die Offenlegung der lange geheim gehaltenen Studien für die Revision der Hochhausrichtlinien. Das hätte hoffnungsvoll als berechtigtes Zögern angesichts der ökologischen Wende gedeutet werden können. Das ans Tageslicht gekommene Resultat zeugte mit dem Vorschlag von u.a. Hochhauszonen bis 250 Meter Höhe und der Ausdehnung von Hochhausgebieten über fast die ganze Stadt leider vom Gegenteil. 

Der Tages-Anzeiger wurde dazumal schon auf der Titelseite graphisch sehr deutlich. Die NZZ berichtete wenig sagend. In den grossen Blättern kam keine weitere Debatte mehr zustande. Diese Leere füllte am 3. Juni die Zürcher Wochenzeitung P.S. durch ein Interview mit dem auf dem ganzen Globus bekannten und tätigen dänischen Stadtplaner und Architekten Jan Gehl. Zürich braucht in diesem Jahr dringend Kriterien für die Diskussion der Hochhausfrage als Teilaspekt des Städtebaus.

«zuerivitruv» unternimmt es deshalb, in einer Folge von Postings seine Erkenntnisse über Stadt und Hochhaus uns allen zugänglich zu machen. Als Grundlage dazu dienen diverse Abschnitte des Interviews das die Redaktorin Nicole Soland mit Jan Gehl geführt hat. 

Das Original:

P.S. Nr. 22/22 vom 3. Juni 2022, Seiten 12-14

P.S.-Verlag Hohlstrasse 216, 8004 Zürich, Tel. 044 241 07 60

Hinter den Kulissen: das Baukollegium

Die Mitglieder des Baukollegiums – einer Beratungsinstanz der Stadt Zürich – werden vom Amt für Städtebau ausgewählt. Das Amt für Städtebau betreibt seit 2002 die unglückliche Hochhauspolitik, die das hässliche «Stoppelfeld» in Zürich West und Nord hervorgebracht hat.

Hat eine Grossimmobilienfirma ein Grundstück erworben, hat sich in diesen Kreisen herumgesprochen, dass auf dem Verhandlungsweg erstens ein Hochhaus erreicht werden kann und zweitens die zu dessen Realisierung notwendigen Ausnützungsgeschenke, die zum Teil weit über den geltenden Ansatz hinausgehen. Dazu muss der Gestaltungsplan herhalten, der zur Umgehung der in der Bau- und Zonenordnung festgeschriebenen und für alle geltenden Ausnützungsziffern missbraucht wird. Die Zustimmung des Baukollegiums ergibt sich dann aus der hochhausfreundlichen Auswahl der Teilnehmer durch das Amt für Städtebau.

Aktuelles Beispiel: Das Heinrichareal der Investitionsforma TELLCO. Lage: im Winkel zwischen den Gleisbögen und Limmatstrasse. Sie Ausnutzungsziffer beträgt in diesem Gebiet hohe 230%. Die TELLCO erhielt 450% zugesprochen. Diese Hong-Kong-artige Dichte ist nur mit einem Hochhaus erreichbar und wurde durch Abnicken des Baukollegiums möglich. Wie Sie im rechten Bildteil sehen, kragt das Hochhaus sogar über den öffentlichen Raum entlang den Gleisbögen aus. Der Fall kommt in diesem Jahr in die gemeinderätliche Kommission und dann in den Rat.

Ist Zürich investorenhörig?

Investitionsobjekte können – wenn eine Stadt nicht aufpasst – zum Problem werden. Die Grossinvestoren sind gezwungen gegenüber ihren Shareholdern Profit zu liefern. Das was Gebäude den Bewohnern und der Stadt oder dem Quartier bringen sollen, liegt nicht in ihrem natürlichen Interesse. Die Stadt muss ihnen deshalb sagen, was sie von ihnen erwartet. Der Anlagedruck ist gegenwärtig so gross, dass gute Städte, die von Investoren gesucht werden – und Zürich gehört dazu – den Anlagedruck mit Leichtigkeit zum Nutzen der Stadt kanalisieren können. Obwohl von Grossinvestoren gesucht, ist Zürich – aus welchem Grund auch immer – ihnen nicht gewachsen. Gefördert werden in dieser Stadt teure Neubauten in Form von Hochhäusern. Im Stadtbild tritt das als «Stoppelfeld» in Erscheinung. Teuer und nicht zu bezahlbaren Wohnungen führend ist zuerst einmal der Bautypus des Hochhauses. Die Kosten liegen zwischen 20 und 40% höher als für ein Gebäude im urbanen Flachbau. Dieser entspricht den Regeln der für alle gültigen Bau- und Zonenordnung: im Zentrum bis zu 7 Geschosse, gegen den Rand abnehmend.

Für ein Hochhaus braucht es eine spezielle Genehmigung. Eine grössere Ausnützung des Grundstücks gegenüber der Regelbauweise ist dabei nicht erlaubt. Diesen Grundsatz umgeht die Stadt Zürich laufend, indem sie den «Gestaltungsplan» für Ausnützungsgeschenke an Grossimmos nutzt. Damit werden diese marktbeherrschend und engagierte Private sowie Genossenschaften haben auf dem Grundstückmarkt das Nachsehen. Im Bild die Vulcano-Türme, Zürich Altstetten.