Josef ff

Lehnt man sich nach dem Sturm ein wenig zurück, gewinnen folgende Eindrücke langsam Oberhand: Volumetrisch ist der Vorschlag der Stadt perfekt. Es gibt keine neuen Hochhäuser stadtseitig der Hardbrücke. Das hier vorherrschende Baumuster des urbanen Flachbaus wird respektiert und fortgesetzt und die neueren umliegenden und qualitätvollen Wohnanlagen mit hoher Dichte werden nicht von Hochhäusern bedrängt. Der Himmel bleibt offen.

Die Bauhöhen sind gut mitteleuropäisch und würden auf dem Areal interessantes und beziehungsreiches Wohnen erlauben. Der Vorschlag «ohne Hochhäuser» der Arbeitsgruppe «Josef will wohnen» muss unbedingt ans Tageslicht kommen, denn «lebenswert» ist eher im urbanen Flachbau zu realisieren, als gestapelt in Wohnsilos. Über die Nutzungsfrage – d.h. hier die von der Arbeitsgruppe verlangte Änderung des Zonenplans zugunsten von Wohnen muss diskutiert werden können. Nächsten Montag wird die Stadt an ihrer Veranstaltung informieren: 18.30, «Schütze», Heinrichstrasse 240, 8005 Zürich.

Josef ff

Die Veranstaltung «Josef will wohnen» war wegen der guten Besetzung sowohl auf Veranstalter- als auch auf Besucherseite eine Goldgrube für Städtebauer. Vieles kam auf den Tisch und bot ein interessantes Menu: «Inselurbanismus» wurde Zürich vorgeworfen – d.h. das Fehlen einer Gesamtsicht. «Viele einzelne Gestaltungspläne» und – weil sich immer die Grossinvestoren durchgesetzt hätten – das nach 20 Jahren doch eher enttäuschende Resultat in Zürich West. «Verfassungsmässige Mieten» seien gefragt, nicht die «Gentry-Burgen» im abgehobenen Hochformat. Keine Würfe, keine Vision – «jede Amtsstelle für sich». 

Vieles ist aus dem Umstand des konjunkturellen Darniederliegens um die Jahrhundertwende und der daraus resultierenden Panik erklärbar. Z.B. das verzweifelte Angeln nach Investoren mit dem Prime Tower als Galionsfigur (126, statt der erlaubten 80 Meter). Das verhinderte schon früh die Synthese aus privater Investition und dem Gestaltungswillen des Gemeinwesens. So ist es geblieben – das Gemeinwesen hat sich bis heute nicht erholt. Dieser aus der Versammlung resultierende Tour d’Horizon kann uns weiterhelfen. Wir müssen den Mut aufbringen, den von aussen (Energie/Klima/Treibhausgase) angestossenen Paradigmenwechsel (=Änderung der Leitsätze/Weltsicht) erstens in den Griff zu bekommen und zweitens umzusetzen. Ein Gehversuch: ab jetzt keine Fehler mehr bauen (low energy = low rise) und Fehlplanungen einstellen (z.B. Moratorium für Hochhausgebiete). Der in diesen Zeilen schon oft zitierte urbane Flachbau gewinnt Punkte, bauliche Kraftakte verlieren Terrain. Tiefwurzelnde Grossbäume müssen eine Rolle im Städtebau gewinnen. «zuerivitruv» setzt auf die kluge Bewältigung des Paradigmenwechsels.

Weiter mit Josef

Die vorerwähnte Veranstaltung ist als Diskussionsplattform von so grosser Bedeutung für Zürich, dass wir mit «Josef will wohnen» weiterfahren. Zwei Dinge werden immer klarer: Wir müssen uns schon aus Gründen von Energie und Treibhausgasen und auch der Wohnqualität vom Hochhauskonzept 2002 lösen und stattdessen gut gestaltetes Stadtgewebe anstreben. Hier hätte also der Vorstoss, der ja auch eine noch nicht gezeigte Flachbauvariante einschliesst, grosses Zukunftspotenzial. Das Geheimnis liegt im glücklich gestalteten Stadtgewebe, das dicht und durchgrünt Geborgenheit bietet. Das Gemeinwesen – die Stadt Zürich – sollte bauen lassen, was wir gerne bewohnen. 

Das Stadtgewebe ist hier mit wertvollen Bauten schon vorgezeichnet: Industriehof 1929, KVZ 1974, Technopark 1993, Steinfelsareal 1996, Viaduktbögen 2010, Kulturpark 2015, Puls 5 2004 und das Geschäftshaus Schiffbauplatz 2017. Die damit schon «gewobene» Vorgabe ist ein starkes Argument, stadtseits des Balkens der Hardbrücke – diesem starken Gestaltungselement von Zürich West – keine Hochhauszone vorzusehen. «zuerivitruv» hat in der Vernehmlassung über das Hochhausleitbild im letzten Februar eine entsprechende Einwendung gemacht.

Bilder: Barcelona, Wettbewerbsbeitrag Ernastrasse Zürich, Beiersfeld Hamburg

Josef will wohnen

Die Architekturzeitschrift Hochparterre bringt im Themenheft dieses Oktobers Vorschläge für das Josef-Areal mit mehr Wohnungen als der städtische Gestaltungsplan, der sich an den geltenden Zonenplan hält (Zone für öffentliche Bauten, keine Wohnnutzung). Letzten Donnerstag haben Hochparterre zusammen mit der Hamasil-Stiftung einen gut besuchten Abend mit viel Prominenz organisiert. Zwischenbemerkung: Wie bei den qualitätsvollen Veranstaltungen des ZAZ (Zentrum Architektur Zürich) hat sich die Presse auch hier rar gemacht. Der Abend verlief mit Diversität von Äusserungen ruhig und am Schluss mit erkennbarem Meinungsprofil.

Bald zeigte sich, dass den vorgeschlagenen Hochhäusern aus verschiedenen Gründen (Soziales, Energie/CO2) keine Liebe entgegengebracht wurde. Ein Vorschlag ohne Hochhäuser bestehe zwar, wurde aber nicht präsentiert. Es ist zu hoffen, dass er bald ans Tageslicht kommt. Zeigt dies, dass die Änderung des Klimas (real in °C und in der Städtebauphilosophie) seit dem Erlass der Hochhauszonen von 2001 noch nicht überall Fuss gefasst hat? Und dass Zürich noch immer unkritisch im Hochhausfieber verharrt? Auf grosses Wohlwollen ist jedoch die Absicht der Veranstalter gestossen, dem Wohnen im wenig wohnlichen Zürich West mit einer Änderung des Zonenplans kräftig Raum zu verschaffen. Starke Durchgrünung und Bewegungsräume mit grosszügigen Alleen waren Worte der Podiumsteilnehmerin Brigitte Fürer. Das ging alles eher in Richtung Stadtgewebe als in den Bau von weiteren isolierten Türmen. Das Hochbaudepartement der Stadt Zürich wird nächstens mit einer eigenen Veranstaltung aufwarten.

Bilder: Hochparterre / Allen+Crippa Architektur

Folge 3

S z e n a r i e n

Eine Aussage ist interessant: Der Umzug aus einem high density / low rise -Gebiet in ein Gebiet mit high density / high rise resultiert in einer 140%-Zunahme der Treibhausgasemissionen. 

Gebäudehöhe hat einen entscheidenden Einfluss auf die Treibhausgasemissionen, während dem das für die Dichte nicht der Fall ist. Oder: In dichter Bebauung kann die selbe Bevölkerung bei low rise / high density zu drastisch geringeren Emissionen behaust werden.

I n t e r n e t a d r e s s e :

Decoupling density from tallness in analysing the life cycle greenhouse gas emissions of cities 

https://doi.org/10.1038/s42949-021-00034-w )

Oder: «Decoupling tallness from density» (im Internet eingeben)

Die Verfasser: Franco Pomponi, Ruth Saint, Jay H. Arehart, Niaz Gharavi, Bernardino D’Amico University of Cambridge UK & University of Boulder Colorado USA, 5 July 2021

Folge 2

R e s u l t a t e  /  I l l u s t r a t i o n e n 

Jedes urbane Gebiet ist in seiner Ausformung geografisch, ökonomisch und kulturell bedingt unterschiedlich. Doch die darin vorkommenden Bautypen und deren Dichte bilden eine gemeinsame bewertbare Grundlage. Um dem übergeordneten Kriterium des Totals der Treibhausgasemissionen näher zu kommen, wird die Dichte von der Gebäudehöhe getrennt und die Baumasse in vier Kategorien von urbanen Typologien unterteilt und gemessen: high density/high rise, low density/high rise, high density/low rise, low density/low rise (Fig. 1 der Studie). 

Ein erster Test bringt bei konstanter Bevölkerungsdichte in Fig. 2 die Treibhausgasemissionen bei verschiedenen Bauhöhen (Grösse der Bubbles) zur Darstellung und Fig. 4 zeigt bei verschiedenen Bevölkerungsdichten die Zunahme der Emissionen mit den Gebäudehöhen (Orange und Rot für die höchsten Werte).

Dass es zu einer Neubewertung kommt, kann nicht verwundern. Ein paar Vergleichszahlen sollen einen Eindruck vermitteln: Für Midtown Manhattan ein Dichtefaktor von 54.5 und ein Schlankheits/Höhenfaktorfaktor von 54.2. Für den Zentrumsbereich von Paris ein Dichtefaktor von 62.6 und ein Schlackheits/Höhenfaktor von 7.5. Aussage: die Höhe braucht es nicht für die Dichte und die Höhe ist energetisch immer nachteilig.

Wissenschaftliches Forschungspapier

Gegenstand dieses wissenschaftlichen Forschungspapiers der Universitäten Cambridge und Boulder Colorado sind einerseits die weltweite Bevölkerungszunahme und anderseits die Erkenntnis, dass Städte die grössten Treibhausgasemittenten sind. Als Messkriterium gilt deshalb das Total der Treibhausemissionen – der treibende Faktor der Klimaerwärmung.

Erstmals wird Dichte von der Gebäudehöhe entkoppelt. Wenn, wie bisher geglaubt wird, grössere Höhen brächten mehr Dichte, wird die Energie- und Emissionsfrage ausser Acht gelassen, denn das bedrohendste Problem ist das Total der weltweiten Treibhausgasemissionen. Sie werden in dieser Studie deshalb zum Hauptkriterium erhoben. Wo liegt das Optimum im Städtebau? Die «Stachelstadt» aus Hochhäusern mit ihrer Energieverschwendung im Bau und Betrieb kann es nicht sein. Diese ursprüngliche Büro-Bauform hat zudem auch zu grosse Nachteile für das Wohnen. Die Studie zeigt, dass in Stadtteilen mit grossen Gebäudehöhen die Menge der produzierten Treibhausgase, ungeachtet der Dichte, höher liegt. Anzustreben ist eine Verdichtung ohne Zunahme der Bauhöhen: «high density / low rise».

Als Ergänzung der Zusammenfassung finden Sie unten den Link zum Original. Zur Zeit der vorgeschlagenen Revision des Zürcher Hochhausleitbilds können jetzt grundlegende Fragen erstmals wissenschaftlich beantwortet werden. Die Erkenntnisse der Studie erlauben es, die Vorlage kritisch zu beurteilen. 

E i n l e i t u n g

Wenn überbaute Gebiete die grösste Quelle von Treibhausgasemissionen sind, bringen optimale Nutzung des Raums und effiziente Bautypen grosse Einsparungen.  

Bisher wurde die Energiefrage zu eng gefasst. Nötig ist die Berechnung des Energiebedarfs über den ganzen Lebenszyklus von Bauten und Siedlungen: Vom Erz, der Gewinnung und Transport der Rohstoffe, den Bauprodukten, der Konstruktion, dem langjährigen Betrieb, dem Unterhalt und Rückbau. Entscheidend ist die CO2-Bilanz über alles. Auch die Bauform spielt eine grosse Rolle: erdnahe Kompaktheit ist günstig, schlanke Hochhaus-«Stacheln» sind ungünstig. Notwendig ist das Vorhandensein von ausreichend Tageslicht. Die Stadtgestalt kommt erstmals als Ganzes in den Fokus der Forschung. 

Was hat Städtebau mit CO2 zu tun?

Wie im letzten Posting angekündigt, kommt jetzt die Übersetzung und Zusammenfassung des bereits am 12. Und 14. Juni besprochenen Forschungspapiers «Decoupling tallness from density … » – aus Platzgründen in mehreren Postings.

Kein anderes als dieses Jahr macht bisher so klar deutlich, dass der Klimagalopp aufgehalten werden muss. Welches ist dabei das Schlüsselkriterium? Es ist das Total der Treibhausgasemissionen (CO2). Das Forschungspapier macht die Brücke zu den Städten als den grössten Emittenten. Dabei kommt der Bauform grosse Bedeutung zu. Werden die Erkenntnisse beachtet, wären wir schon auf dem richtigen Weg.