MVDRV gewinnt in Emmen (LU)

Dieses innovative, intellektuelle und international orientierte niederländische Architekturbüro gewann in Emmen (LU) einen städtebaulichen Wettbewerb für das Gebiet Feldbreite. Im guten Sinn radikal erkannte das Büro die Situation und schlägt ein Konzept im typisch europäischen Parzellenstädtebau vor. Innerhalb einer Blockrandbebauung entsteht ein urbanes Geflecht von Gebäuden, Höfen und Gärten. Die Qualität des Vorschlags ist hoch, der Pokal geht an die veranstaltende Gemeinde und Senn BPM AG mit ihren Architekten MVRDV.

Wenn Dörfer (oder Stadtquartiere) zu Städten werden, ist plötzlich Städtebau angebracht. In der Schweiz ist das Potenzial dafür zur Zeit unendlich gross, doch zu selten gelingt der Übergang. Dann spricht man abschätzig von «Agglomeration». Hier nimmt eine Gemeinde das Heft in die Hand und formt ihr Stadtgewebe. Tragisch: eine engstirnige Einsprache von «Hindernisfrei Bauen Luzern» brachte das innovative Projekt zu Fall. Der Beitrag von MVRDV zur Verdichtungsfrage bleibt für die Schweiz wertvoll.

Verdichten

Wir wollen einmal versuchen, unvoreingenommen in die Physik des Verdichtens einzudringen: 

  • Dubai heisst «alles mit dem Auto» – riesige Flächen fürs Auto – darum müssen Dubais Burj Khalifa & Co. in die Höhe gehen. Türme, ferne Einfamilienhaussiedlungen, Einkaufszentren und Stadtautobahnen heisst das Menu. 
  • Europa heisst jedoch Dichte im Stadtgewebe, fussläufig in Breite und Höhe der Quartiere und der Gebäude.

Mit CO2 im Visier – ab jetzt das Hauptkriterium des Städtebaus – ist «low rise / high density» der einzig gangbare Pfad, der in die Zukunft führt. «Dubai» fällt mit seinen Maximalwerten für Energie und CO2 ausser Abschied und Traktanden.

«thetransitguy» aus den USA kämpft in seinem Land auf Instagram auf schöpferische Art. Dazu vergleicht er verschwenderische amerikanische Parkplatzvorschriften mit dem Kolosseum in Rom. Der rot umrandete Bereich bezeichnet die Parkierungsfläche, die für die Besucher des Kolosseums US-gesetzlich nötig wäre: 17-fach. Es ist gut, wenn wir an den Turnübungen von thetransitguy teilnehmen und unser Gefühl für Autoverkehr & Stadt daran schärfen. So bequem das Autofahren ist, es verzettelt die Stadt enorm. Es dünnt sie aus, verhindert Dichte und macht die Städte auf Kosten der Landschaft viel zu gross. Ohne Reduktion des Anteils des Autos an der Stadtfläche bleibt «Dubai-Dichte». Das gerät mit dem verdichteten urbanen Flachbau (4-6 Etagen) in Konflikt, der zur Erreichung der CO2-Minderung die geeignete Siedlungsform ist. Die Zeit ist gekommen, das Optimum bei uns in Europa konkret anzusteuern. Das müsste auch in Zürich ankommen.

Urban Fabric

Man kann eine Stadt bauen – das wäre dann im engeren Sinne «Städtebau». Und wenn die Stadt, wie Zürich schon da ist? Dann ist es Urbanism/Urbanisme – der Umgang mit der gebauten Stadt. «Urban Fabric» heisst im Englischen Stadtgewebe – durch weben entstandenes Tuch. Der Begriff öffnet den Blick dafür, dass zusammenhängendes Gewebe bearbeitet werden kann. «zuerivitruv» kennt den Begriff aus der Londoner Planungsgeschichte. 

Im Hang des Uetlibergs liessen die Zürcher Ziegeleien Lehm stechen. Es begann 1865 mit der «Mechanischen Backsteinfabrik»; 1974 endete die Ressource. Es folgte dere Bau der Wohnsiedlung «Tiergarten» mit 700 Wohnungen. Das Luftbild zeigt neues und lebenswertes Stadtgewebe mit schönen diversen Aussenräumen. 

Nicht weit davon entfernt entstand um 1990 die dichte Einfamilienhaussiedlung «Gehrenholzpark», die Teiche, Wasserläufe und Wohnhöfe zu einem vielfältigen Gewebe verbindet.

Stadtgewebe

Aus dem Fächer der «Envol-Skizze» im ersten Postings dieses Jahres greifen wir das für Zürich neue Thema des «Stadtgewebes» heraus. Google erlaubt uns endlos, europäische Städte diesbezüglich aus der Vogelschau zu betrachten. Es sei an die Postings vom März und April 2023 über die beeindruckenden Londoner Wohnquartiere Kensington, Notting Hill und Chelsea von Anfang des 19. Jahrhunderts erinnert. Hat eine Stadt solche Stufen erreicht, bleibt die Errungenschaft für immer. Städtebau kann deshalb darin bestehen, solche Stadtgewebe zu evozieren. Daraus erwächst die Rollenteilung von Stadt einerseits und privaten / genossenschaftlichen Bauherrschaften anderseits. Zürich hat in dieser Hinsicht in der Vergangenheit einiges geleistet, wenn wir an Hottingen, Unterstrass, Seebach und die Gartenstadt Schwamendingen denken. 

Wie wir am 18. und 20. Juli gesehen haben, tun sich Kopenhagen, Paris und vor allem Barcelona darin hervor, ihre Gewebe für heutige Bedürfnisse und klimatische/energetische Bedingungen zu transformieren. Quartiere werden lebenswerter gemacht und im gleichen Zug klimagerechter. Damit sind wir wieder bei ETH-Prof. Werner Jaray, der um 1965 seinen Architekturstudenten sagte, dass es ihre Aufgabe sei, das Ambiente des Menschen zu verbessern. Es geht nicht ums Haus allein, es geht um alles gleichzeitig. Das sind Glücksmomente, die nicht allen Regierungen gelingen. Heute sind sie weniger im Neubau als in der Transformation in den Quartieren zu suchen.

Die Ballone für 2024 steigen lassen

Wenig tätige, wenig lenkende «Schockstrarre» war das letzte Wort in der Skizze des Jahres 2023. Das Eingepferchtsein zwischen zunehmenden sich auch der Schweiz annähernden Klimafolgen, der zu oft schädliche Investorenwille infolge fehlender Statur und die Zersplitterung in Amtsstellen. Noch kein Stadt-Wille, der der neuen Situation im grossen Paradigmenwechsel gerecht wird. Beat Metzler hat die abhängende Stimmung im Tages-Anzeiger vom 3. Januar auf seine Weise beschrieben. Bezahlbare Wohnungen stehen auf dem ersten Platz. Die SP kämpft gegen ihren Bauvorstand André Odermatt. Die Baupolitik sei zu investorenfreundlich. Teure Hochhauswohnungen sind keine Antwort auf unser Wohnungsproblem. 

Wir könnten der Verwüstung des Stadtbilds Anfang «24» auch einmal mutig in die Augen sehen. Das bisherige Stoppelfeld, das niemandem wirklich gefällt, wird fast auf alle Ewigkeit an den schwachen Städtebau der letzten Jahrzehnte erinnern. Lassen wir es hinter uns.

«Envol» ist gefragt – Aufbruch. Sogar ein gebündelter Multi-Aufbruch, der etwa so aussehen könnte:

  • Das Amt für Städtebau zeigt uns auf wo Verdichtung möglich ist und wo nicht. Es lässt die Erneuerung der Hochhausrichtlinien fallen («keine Gehege mehr für schädliche Tiere im urbanen Zoo von Zürich»).
  • Mehr örtliche Verbesserungen im «kleinen Städtebau»: Rämistrasse/Kunsthaus, unter der Hardbrücke und im ganzen Limmatraum auch atmosphärische Qualitäten ins Wachstum einbauen.
  • Pflege eines wohnlichen Stadtgewebes an Stelle von isolierten Türmen. 
  • Klares Stadtbild: Offener Horizont in unserem grosszügigen Gletschertal – nur  Bauten von allgemeinem Interesse dürfen aus dem Gebäudehorizont ragen.
  • Städtebau entsprechend der gegenwärtig grossen Bauperiode grösser denken.
  • Jetzt das grosse Einlenken auf Energie / CO2 (Hochhäuser gehören nicht mehr zum Besteck) – und Formulierung des klimagerechten Städtebaus.

Eigentlich sehen wir es alle ähnlich: dem neuen Willen Gestalt geben.

Für die Stadtbelange freuen wir uns auf die Initiative des Stadtrats.

Mit dem Bild aus dem Grand Palais Paris 1914 wünscht «zuerivitruv» allseits ein gutes neues Jahr!

2023 – was hat bewegt?

Das kann kaum eine Aufzählung werden – zuviel hat sich in diesem Jahr ereignet. Wir zupfen Punkte heraus. Die unkritische Hochhaus-Förderung durch die Bauämter wird im Stadtbild endgültig manifest. Die Bauherrschaften sind zunehmend «Grossimmos» auf Basis von Marktmiete. Die bevorzugte Form ist das 20-40% teurere Hochhaus. Das Ganze entspricht damit nicht dem Bedarf an «bezahlbaren» Unterkünften. Akteure und Opfer schälen sich heraus. Es geht nicht um Bauen und Nachbarschaft, sondern um Investition: Zürich als Playground für «Immobilien-Placements». Der in den Dezember-Postings erwähnte (liebevolle) «kleine Städtebau» in der Nachbarschaft fehlt.

Das Stadtbld leidet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gewann die Stadt im Wachstum an Statur. In der gegenwärtigen grossen Wachstumsperiode ist das Gegenteil der Fall. Das Hochhaus-Stoppelfeld tendiert gegen Chaos, breitet sich aus und dringt in die Quartiere ein. Das Stadtbild wird zum «Birchermüesli». Den grössten Schaden richten 2023 die Tramdepôt Hard-Türme gegenüber dem Wipkingerpark an der Limmat an. Dazu kommt die Besorgnis über die sich beidseits des Gleisfelds aufreihenden «Zementburgen» und den daraus hervorgehenden «Hitzekanal».

Zürich scheint den Puck nicht zu sehen und will mit der Erneuerung der Hochhausrichtlinien quadratkilometer grosse Zonen hinzufügen und sogar einen Teilbereich ohne Höhenbeschränkung einführen. Gefragt wären hingegen Gedanken und Konzepte für den klimagerechten verdichteten urbanen Flachbau. Wir haben ein Jahr hinter uns, das weltweit durch brutale Auswirkungen des Klimawandels auffiel. Wir haben alle das Forschungspapier «Decoupling tallness from density … » gelesen (4 Postings zuerivitruv vom 10. Oktober). Es stellt CO2 als Kriterium in den Vordergrund und sieht als einzig noch vertretbare Bauweise «high density / low rise». Medien, Stadtrat und Gemeinderat haben das Papier erhalten. «zuerivitruv» hofft auf die Auflösung der Schockstarre und dankt ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit im vergangenen Jahr.

Der Röntgenplatz mutiert

Im beginnenden Eisenbahnzeitalter entstanden erste Strukturen, die ins flache Sihlfeld ausgriffen. Nach Ersatz eines steilen Bahndammes durch die ausholende und deshalb flachere Grosskurve des Aussersihlerviadukts (heute Gleisbögen mit eingebauten Läden) wurde ein Strahl des heute sechsarmigen Röntgenlatzes frei. Um die vorletzte Jahrhundertwende liebten es die Ingenieure, möglichst viele Strassen in einem Punkte sich kreuzen zu lassen. Fern von südlichen Raumerfahrungen nannten sie diese später neuralgischen Verkehrs-Knoten «Plätze». Der Rigiplatz soll hier als weiteres Beispiel angeführt sein. Nach verschiedenen Stufen des sozialen Abstiegs, verursacht durch reinen Durchgangsverkehr, nahmen sich energische Bürger der Situation an und im Zusammenwirken mit den Bauämtern entstand der in der Mitte verkehrsfreie Röntgenplatz mit Regenpavillon und anderen Annehmlichkeiten für den Aufenthalt der Bewohnerschaft. Stichstrassen und Strassenschleifen machen die Häuser (Läden, Handwerksbetriebe) für das Auto zugänglich. Doch den zerstörerischen Durchgangsverkehr gibt es nicht mehr. Man kann das die Schaffung von urbanem Lebensraum nennen – vitale Punkte, die ausstrahlen.

Die Mutation gelang auch hier durch den Anstoss aus dem Quartier. Periodisches Bauen gehört zum Leben der Stadt. Im Unterschied zum Haldenbachplatz stellt der Röntgenplatz eine grössere Operation dar. Das könnte man den «mittleren Städtebau» nennen. 

Unser aller Aufenthalt

Unser Aufenthalt auf Erden dauert 50-100 Jahre. Zum grössten Teil in der Wohnung, dann im Quartier, dann am Arbeitsplatz und auf Reisen. Das Quartier und im Weiteren die Stadt ist also nicht zu unterschätzen. Noch vor der Jahrtausendwende stieg «zuerivitruv» in Genua an der Station Bringnole aus und bewegte sich in schönen Gebäudearkaden dem Zentrum zu. Gegenüber erblickte er in einem Torbogen unendlich viele Gladiolen, begab sich hin und stand in einem grossen Hinterhof inmitten eines Blumenmarktes. Ihm wurde klar: Das ist Europa! Wie auch immer die baulichen Gegebenheiten, man kann sich in der Stadt einrichten. In der Schweiz lesen wir dann in Magazinen, wo wir uns in fremden Städten hinbegeben sollen. Wir dürfen nicht vergessen, auch unsere eigenen «Musts» zu pflegen und zu erschaffen. Die Quadratkilometer neuer Stadtquartiere, die in Zürich aus der Aufhebung der Industriezonen entstanden sind, bieten Gelegenheiten. Dazu würden auch die bisher eher ab- als aufgewerteten Limmatufer von Zürich West gehören.

Es bleibt noch, am Haldenbachplatz den Bogen zu schliessen. Wir haben die Entstehung der zündenden Idee zur Schaffung von Lebensraum im Quartier erlebt. Dann den Zufall des Zusammentreffens von Persönlichkeiten aus Amt, Architektur und Quartier, der den Platzraum entstehen liess: talseits offen für die Novembersonne, bergseits mit acht Grossbäumen für sommerlichen Schatten. Diese Konstellation – es brauchte etwas Geduld – und «La Fontana», Comestible und Bistro und das Restaurant Haldenbach haben sich angelagert. Dazu kamen Coiffeur und Blumen. Wir haben gesehen, wie die europäische Stadt im kleinen auch in Zürich funktionieren kann.