Kühlende Fallwinde

«zuerivitruv» machte heute in den Hanglagen und im Pavé von Zürich einen Rundgang. Sofort fällt die kleinste Erleichterung in der feucht-drückenden Hitze angenehm auf. Hier im Bild der Häldeliweg, der mit plötzlichem Luftzug und niedriger Lufttemperatur überraschte. Geheimnis: Er liegt in der Falllinie der Hanglage. Wie im Talboden einmündende Flussarme haben wir in der Schweiz die durch die Waldkuppen gespeisten Fallwinde, die nicht nur auf ihrem Weg sondern auch in den Pavés der Städte spürbare Erleichterung bringen. 

Das alles steht nicht in unseren Lehrbüchern, denn unerträgliche Hitze ist neu. Statt der Förderung von schutzlos in der Sonne gleissenden Zementburgen, die die Luftzirkulation beeinträchtigen, müsste der Stadtrat seinem Hochbaukollegen freundlich bedeuten, klimaschädliche Hochhausleitbilder beiseite zu legen und den Grundstein zum klimagerechten Städtebau von Zürich zu setzen. Zu früh wäre das nicht – die im Sommer ebenfalls schwachwindige Stadt Graz hat damit vor 23 Jahren begonnen.

Warum nicht Air Conditioning, wie in “Amerika»? Diese Apparate erzeugen nach aussen einiges mehr an Wärme als sie innen kühlen. Macht das die ganze Stadt, wird z.B. Manhattan 15°C wärmer als die Umgebung. Ein solcher «Sisyphus» ist vermutlich / hoffentlich nicht der europäische Weg.

Learning from Unterstrass

Eine kleinere Hitzewelle ist dran, uns zu überfallen. Glücklich, wer in einer solchen Strasse – hier im Quartier Unterstrass – wohnt. Dass tief wurzelnde Grossbäume nicht nur Schatten, sondern durch Verdunstung auch Kühle bringen, ist in diesem Newsletter eine bekannte Tatsache. «Moderner Städtebau in Zürich 1900 bis 1940» heisst das Buch von Daniel Kurz. Darin sind diese um den 1. Weltkrieg bebauten Quartiere als dicht bezeichnet. Für uns interessant ist die Einfügung der Bäume zwischen den Gebäuden nahe am Trottoirrand. Selbstredend sind schlanke und aufragende Bäume, einschliesslich Thujas und Tannen gewählt worden. Ein Teil des Erscheinungsbilds ist also durch das Gesetz entstanden – das ist die grossen Dichte durch kleine Gebäudeabstände und grosse Bautiefen – der andere Teil durch Baumpflanzung und die Jahrzehnte des Wachstums. Was noch vor wenigen Jahren ein Zuviel war, wird heute als Hitzeminderung hoch geschätzt. Bei dieser Dichte finden die Spielplätze bei spitzwinklig einmündenden Strassen in Restdreiecken des Parzellierungsplans statt, vor allem aber in den erst kürzlich sowohl freigegebenen als auch optimierten Schulhausarealen. Dieses wertvolle Stück Stadtgewebe, in dem Haus und Baum gleich hohe Partner darstellen, steht heutzutage als dicht und lebenswert da. Was für ein Kontrast zu den im letzten Posting gezeigten, der Sonne ausgelieferten «Zementburgen» von Zürich West.

Die Zürcher Schockstarre

Die Zürcher Version der Schockstarre ist in der Beschäftigung «mit anderem» zu finden; zum Beispiel mit der Hochhausthematik. Das passte in die Zeit nach dem (z.T. vermeintlichen) Stillstand der Stadt um das Jahr 2000, als Hochhauszonen (fälschlicherweise?) als städtebauliche Medizin gesehen wurden. Das ist heute nicht mehr der Fall. Zürich ist in die Zeit des Klimawandels geraten und benötigt jetzt ein ganz anderes Konzept. 

Angesagt ist eine Denkpause zusammen mit der Sistierung der falschen aus der Zeit gefallenen Hochhausleitbilder. Wie u.a. das Papier «Decoupling Density from Tallness …» vom 12. Und 14. Juni 2023 zeigte, benötigt Zürich die Denkpause zur Formulierung einer klimagerechten Stadtentwicklung. Es hat keinen Sinn, jetzt noch die Grundlage für eine jahrzehntelange Produktion von energieintensiven und das Stadtklima schädigenden Zementburgen zu schaffen.

Bilder: «Zementburgen» Zürich West und Grafik zu Stadtdurchlüftung

Prof. Hayhoe überwindet Schockstarre

Vielleicht können wir doch wieder einmal von der anderen Seite des Atlantiks lernen: Die Hemdsärmligkeit und das Anpacken, statt weiter zu studieren. Das heisst auch das Steuer herumreissen können, Ballast abzuwerfen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Das geschah bereits gedanklich mit dem wissenschaftlichen Papier «Decoupling Tallness from Density …» 5 und 6 Postings zurück – Sie erinnern sich. Mit dem Total der Treibhausgasemissionen wurde dort das Hauptproblem in den Fokus gerückt. Es ist das selbe, das Katharine Hayhoe bewegt.

Wir können in unserem eigenen Umfeld damit beginnen, die Empfehlungen des letzten Postings umzusetzen. Doch wie können wir die Baubehörde von ihrer manischen Beschäftigung mit den aus der Zeit gefallenen Hochhausleitbildern abbringen? Wie können wir sie dazu bringen, den aktuellen Ball aufzunehmen und den klimagerechten Städtebau in Angriff zu nehmen? Eine herausfordernde, spannende Aufgabe mit grossem Einigungspotenzial.

Die ETH erhält Besuch aus Texas

Am 26. Juni sprach Prof. Katharine Hayhoe, Texas Tech University, zum Publikum im voll besetzten Audi Max. der ETH Zürich. Ihren Besuch in Zürich verdanken wir ihrer neuen Beschränkung auf 1 Flug pro Jahr. Sie wurde quasi aus dem europäischen Flughimmel gefischt. Von ihr erwarteten alle im Saal Wissenschaft. Sie schrieb uns aber deren Umsetzung, deren Anwendung für das ganz breite Publikum ins Heft. Die Klimakrise ist der ungeheure Elefant im Raum und noch mehr wissenschaftliche Berichte machen ihn nur noch grösser. Wie Sie in der Graphik sehen, beschreibt sie die weltweite Schockstarre vor der sich dauernd verstärkenden Klimakrise. Sie behauptete, dass es niemanden mehr gebe, der Zweifel habe, dass aber fast alle in Starre und Verdrängung feststeckten. Die Folge: kollektive Handlungsunfähigkeit. Sie praktiziert selbst den Beginn in der Nachbarschaft, in Freundeskreisen, in Arbeitsgruppen und mit Newslettern, wie hier mit «zuerivitruv».

Um Sie nicht zu stark zu erschrecken: Die Temperaturen auf der Karte der USA sind in Fahrenheit und nicht in °C angezeigt.

Auch die Bauherrschaften in der Aufwärmphase

Im öffentlichen Raum hoffen wir auf Massnahmen zur Hitzemiderung durch die öffentliche Hand, wie zum Beispiel Baumreihen neben den Kunsthaus an der Rämistrasse. Doch was können die privaten Bauherrschaften tun? Da ist einmal die Begrünung zwischen den Gebäuden. Das bringt aber nur etwas, wenn sich Keller und Tiefgaragen auf die Gebäudegrundfläche beschränken, damit tief wurzelnde Bäume ihre kühlende Wirkung entfalten können. Ein paar Büsche bringen klimatisch gar nichts.

Da die Bauzone, in dem sich ein Grundstück befindet, die mögliche Ausnützung begrenzt, ist es nicht sinnvoll, das teure Hochhaus wählen, denn dieses übersteigt den schattenspendenden Baumhorizont. Der überragende Teil des Hochhauses fängt über den Tag aus allen Richtungen die Hitze, die er dann nachts wie ein Radiator an die Nachbarschaft weitergibt.

Wenn Baum und Haus die gleich hohen Partner sind, führt das zu einem Stadtgewebe. Man nennt das «durchgrünten urbanen Flachbau». 4-6 Etagen, wie im haussmannschen Paris. Der Haldenbachplatz des letzten Postings ist ein Zürcher Beispiel dazu. 

Lebenskunst in der Aufwärmphase

Noch ist der Erinnerungsfaden zu den Fünfzigerjahren nicht ganz abgerissen. Da zirkulierte der FIAT Topolino, das Mäuschen. Selbst dieser Zwerg verfügte über eine Sonnenschutzeinrichtung ab Werk: eine gestreifte Stoffbahn auf einem Drahtgestell. Damals drangen die Topolini von Italien her am Capo San Martino vorbei nach Lugano und wir bewunderten heimlich die federleichte und intelligente Lebenskunst aus dem Süden.

Um 1980 wurde auch am Haldenbachplatz in Zürich Unterstrass ein Sonnendach konzipiert. Schon lange ist das Dach ausgewachsen. Der Architekt des Platzes verlangte Bäume mit 40%-Schattenbild. Das sind zum Glück inzwischen mehr Prozent geworden. Bäume können so ausgewählt werden, dass sie fast blätterlos wachsen bis sie die Dachkanten der umgebenden Gebäude erreichen und dort oben Schirme bilden. Wir sehen: jetzt sind ganz neue Talente gefragt.

Wenn wir es uns bei Hitze erträglich machen wollen, braucht es in Zürich an allen Ecken und Enden solche Sonnendächer – ob natürlich oder künstlich. Jeder Balkon verfügt über Sonnenschutz – auch jeder Platz soll eine Schattenzone erhalten. Eine schöne und nützliche Aufgabe für die Stadtverwaltung.

Energie und Kinder

«zuerivitruv» sitzt im Büro und schreibt bei offenem Fenster an diesem Posting. 

Er hört die Kinder. Eine muntere Melodie. Sie sind frei und doch von den Eltern, die in der Nähe im Garten oder auf dem Balkon sitzen, «leicht und unmerklich beobachtet». Das sind die optimalen Bedingungen, die Wohnungen im urbanen Flachbau bieten können. Auch in dicht bebauten Wohnquartieren der Stadt. Das ist das Resultat des über die Jahrzehnte optimierten Wohnungsbaus in Europa – England eingeschlossen. Die Stadtstrukturen gibt es schon lange, doch die Soziologie, die das Beschriebene ermöglicht, ist Nachkriegswissen. Die Philosophen heissen Remo Largo (Schweiz), Lucius Burckhardt (Schweiz), Oscar Newman (USA), Jan Gehl (Dänemark) und Christopher Alexander (England/USA). 

Wir sollten dieses grosse Wissen nicht vergessen. Dazu gehört u.a. die Aussage von Remo Largo: «sagen sie mir einmal, wie man im 24. Stock ein Kind aufziehen soll?». Das Hochhaus scheidet aus, weil es sich nicht darum kümmert. Nur Technokraten können es wollen. Das gilt auch für Zürich, wo sie kräftig am Werk sind.

Die Energie / die Summe der Treibhausgas-Emissionen des in den letzten beiden Postings beschriebenen «decoupling-Papiers» ist das eine. Das andere ist das Wohlergehen aller Bewohner: Kinder, Familien und Erwachsene. Für einmal deckt sich das Resultat bezüglich der Schädlichkeit für die Städte: Je höher die Gebäude, desto schlimmer.