Kappeli Altstetten

Wir fahren auf dem Pfad der Stadterneuerung weiter. Nach dem «J» am Lommisweg folgt jetzt ein grosses «C «an der Baslerstrasse. Theo Hotz Partner sind 15 Jahre später am Werk. Die Geste wird grösser, die Baudichte höher. Es geht hier nicht um den gewöhnlichen Ersatz eines Zahns in einer Reihe, sondern um die Gestaltung eines ganzen Areals. Um das Jahr 2000 war das eine ganz neue Aufgabe: die Bebauung einer grossflächigen Industriebrache. Den Startschuss gab die Aufhebung der ursprünglichen Industriezonen. Die plötzliche Freiheit hätte ratlos machen können. Die Architekten brachten beides gleichzeitig zur Synthese: den passenden Auftritt an jeder der vier Kanten des Areals und ein stimmiges vielfältiges Konzept im Inneren. 

Nicht ein «Haus» resultierte, sondern eine Art Stadtplanung auf dem Grossareal und im gleichen Zug die Schaffung von neuem Stadtgewebe: Allee, mehrschichtiger Lärmrücken mit einer inneren Kaskadentreppe und eine Reihe von Punkthäusern zwischen den Enden des grossen «C». Zur Erinnerung: wir befinden uns mit dieser Reihe von Postings auf der Spur der Beweisführung, dass ein Stadtgewebe isolierten Türmen in fast jeder Beziehung vorzuziehen ist. Es macht die bessere Stadt.

Lommisweg Altstetten

Diese Siedlung haben die Architekten Baumann und Frey bereits 1985 für die Genossenschaft ABZ beim Bahnhof Altstetten erstellt. Schon früh wurde hier mit der Lärmlage bewusst und erfolgreich umgegangen. Im Winkel an der Hohlstrasse, wo Lärm herrscht, erheben sich von einer Allee begleitet Maisonettewohnungen an Laubengängen. An der ruhigeren Altstetterstrasse sind die Wohnungen terrassiert. Zusammen umschliessen sie einen grünen Hof mit Rasenflächen und Spielgeräten. Damit sind alle Wohnungen gut «geerdet», die Lärmfrage gelöst und die Umgebung erst noch gut gestaltet – ein Meisterstück!

Die Architekturszene brachte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts unter der anonymen Massenproduktion genügend innovative Beispiele hervor. Für vieles und hier für dem Umgang mit schwierigem Baugelände. So finden sich auch Projekte die uns vormachen, wie im bestehenden Stadtgewebe verdichtet werden kann.

Das Amt für Hocbauten verdichtet mit Erfolg

Währenddem das Wachstum von Zürich im Städtebau (Planung) wenig erfreuliche Resultate hervorbringt, leistet das Amt für Hochbauten (Realisierungen) – ebenfalls bei Stadtrat André Odermatt angesiedelt – in grosser Kadenz wertvolle Beiträge. Es organisiert Architekturwettbewerbe für anspruchsvolle Vorhaben, stellt aber sein enormes Wissen auch den Genossenschaften und sogar Privaten zur Verfügung. Auf diesem Weg entstehen in der heute zweiten grossen Bauperiode Zürichs (die erste gegen Ende des 19. Jahrhunderts) mehr als nur Einzelhäuser – es sind ganze Ensembles und sogar neue Nachbarschaften.

Diese beiden Verdichtungsprojekte geschehen ohne Zuhilfenahme von Hochhäusern im qualitätvollen urbanen Flachbau europäischer Prägung. Darum stehen die Wohnungen in einer glücklichen Beziehung zur Umgebung. In beiden Fällen weisen sie offene Innenhöfe auf. Solche Eingriffe bereichern das Stadtgewebe von Zürich.

Bilder: Wohnsiedlung Buchegg (Baugenossenschaft Waidberg) und Kronenwiese (Stadt Zürich)

Bernoulli und Limmat West

Wir setzen die Reihe von wertvollem Stadtgewebe fort. Prof. Hans Bernoulli erstellte ab 1924 die gleichnamigen Bernoulli-Reihenhäuser zwischen Hardturmstrasse und Limmat. Hof- und Gartenseite wechseln sich ab. Der Verbund zwischen Haus und Umgebung ist deshalb von hervorragender Qualität. Die Übergänge zwischen privat – halbprivat – halböffentlich und öffentlich sind optimal.

Denkt man, die Dichte sei heutzutage zu gering, bietet sich die Siedlung «Limmat West» gleich nebenan als Beispiel für verdichteten urbanen Flachbau an. Eine Reihe von dreigeschossigen Bauten wechseln mit Wohnhöfen ab. Darüber erstreckt sich über die volle Länge von 435 Metern ein 4 ½-geschossiger Brückentrakt. Ein vorgelagerter Riegel bestehend aus Büros und Läden wirkt als Filter zur stark befahrenen Hardturmstrasse. Den Zwischenraum bildet eine altstadtähnliche Gasse. Mit Limmat West ist ein wertvolles eigenes Stück Stadtgewebe entstanden.

Gedanken über glückliche Siedlungen

Das Titelblatt der Festbroschüre «100 Jahre Riedtlisiedlung» bringt uns zum Bewusstsein, wie gelungene und glückbringende Siedlungen durch die Ausbreitung eines eigenen Gewebes innerhalb des Stadtgewebes entstehen können. Stadtbaumeister Friedrich Wilhelm Fissler ist 1912 mit der Riedtlisiedlung ein Wurf gelungen. Stimmt ein Entwurf, kann er durch geschickte Renovation und Anpassungen an die Zeit über Jahrzehnte weitergezogen werden. Bei den englischen Siedlungen, die kürzlich gepostet wurden, sind es bereits Jahrhunderte. Geschaffene Werte und geschaffene Identität zahlen sich aus. Die Wohnzufriedenheit ist hoch.

Die Ausnützungsziffer – das Dichtemass auf dem Grundstück – beträgt 144%. Würde die dreistöckige Siedlung heute mit vier Etagen neu konzipiert, ergäben sich daraus 192%. Bei dieser Aussenraumqualität ein sehr guter Dichtewert. Wir sprachen in den letzen 7 Postings über den urbanen Flachbau und sehen, dass sich Wohnqualität und Dichte ohne das sozial und energetisch ungünstige Hochhaus erreichen lassen.

Grafik: Idee und Gestaltung pechmaria.ch

Urban Fabric

Die Stadt ist mehr als nur simple Aneinanderreihung von Häusern; sie ist kunstvolles «Gewebe». Strassen, Flussläufe, Ufer etc sind Kette und Schuss. «Urban Fabric» war zu Zeiten des GLC (Greater London Council) das grosse Thema – «Fabric» als Lehnwort für Stoff aus der englischen Textilindustrie. Wenn es gut geht, bildet die Stadt ein für alle lesbares Gewebe, in dem Bauten und Anlagen, die für die Öffentlichkeit von Bedeutung sind, herausstechen. Das GLC hat u.a. «Factors of Character» in einem Plan festgehalten. Das sind emotionale Eigenschaften. Stadtplanung darf nicht nur technokratisch betrieben werden – denn die im Gewebe eingebauten kulturellen Werte blieben auf der Strecke. Margaret Thatcher hat das wertvolle Gremium zertrümmert und das Feld für starke Fäuste freigemacht. Der Wildwuchs in Londons Stadtbild ist bekannt. 

Ein gut-europäisches Stadtgewebe wird von seiner Bürgerschaft gepflegt. Wie im Umgang zwischen Menschen helfen geeignete Regeln. Werden aber, wie jetzt für Zürich geplant, Quadratkilometer von 40 Meter Hochhauszonen vorgeschlagen, bricht die Ordnung zusammen, die schöne Party ist vorbei. Ein ausuferndes Stoppelfeld von Hochhäusern erzeugt im Stadtbild Chaos und kann kein Spiegel von Bedeutungen mehr sein. Zürich – das muss hier klar gesagt werden – würde sich zu einer billigen Schnellaufbaustadt, wie Wuhan oder Hanoi, entwickeln. Das in Jahrzehnten aufgebaute Tafelsilber würde in Frage gestellt und das Erbe der prägenden Geister wie Bürkli, Escher, Klöti, Herter, Steiner bliebe ohne Fortsetzung.

Bilder: Blockrandgebiet Wiedikon und Hardau / Letzi Türme 

Im Stadtgewebe verankert

Nach der längeren Exkursion in die Wohnszene des 19. Jahrhunderts von London stellt «zuerivitruv» die provokative Frage: Sind wir in Zürich im 21. Jahrhundert ebenfalls in der Lage, eine hohe Stufe von Bau- und Wohnkultur zu schaffen? – oder nur noch amtlich unterstütztes Silowohnen in isolierten Türmen?

Sie sehen das neue «Flurhaus» im Quartier Albisrieden – ein Holzbau lasiert in der schönen Farbe «Barn-Red». Der Holzbau in der Stadt befindet sich in der Aufbruchphase. Ebenso der gute Bezug zur Umgebung mit den über alle Etagen offenen Zugängen zu den Wohnungen. An jedem Ende des Langhauses gibt es ein offenes Treppenhaus. Zusammen mit den Laubengängen ergeben sich Spielmöglichkeiten für Kinder und Katzen. Kaum ein Laubenganghaus kommuniziert so gut mit der Umgebung wie das «Flurhaus». Die Nachbarschaft ist übrigens die Überbauung «Freilager» – ein Beispiel für Verdichtung und eine Synthese aus Alt & Neu. So entsteht Verbesserung und Verdichtung im bestehenden Stadtgewebe.

Umgebungsbezug im Stadtgewebe

Grosse Weidelandbesitzer, die Thornhill-Familie verkaufte nicht – sie wurde, hier im Fall des Thornhill Square um 1850, zum «Developer». In einer Wachstumsphase von London entwickelten sie ihr Weideland zu einem wertvollen Beitrag, der das Stadtgewebe interessant macht: Ein «Crescent» verbindet sich mit einer konischen Dattelschachtelform. Wie im letzten Posting gesagt: «Städtebau ist eine Kunstform, die kluge Köpfe verlangt». Hier sogar von privater Seite. Die Landbesitzer stellten sich vor, was der Käuferschaft gefallen könnte. Sie schafften Identität, um gut zu verkaufen zu. Im grossartigen Gesamtkonzept sind die Fassaden zu Strasse und Nachbarschaftspark hin streng und auf der Rückseite «casual». Das Beste von allem: Das gute Leben im intensiven Bodenbezug – vor und hinter dem Haus!

Sind wir in Zürich im 21. Jahrhundert auch in der Lage, eine hohe Stufe von Zivilisation zu schaffen? eine eigene Baukultur? oder nur noch amtlich unterstütztes Silowohnen in isolierten Türmen?