Sie bauten ein sinnliches Stadtgewebe

Aus der Luft sieht das Londoner Viertel Notting Hill etwas gar grün aus, um als Beispiel für dichtes Bauen herangezogen zu werden. Doch das Luftbild täuscht, denn es handelt sich nicht um Einfamilienhäuser, sondern durchwegs um 3–5geschossige Bauweise. Wie wir es von den Briten nicht anders erwarten, wollen sie auch bei Dichte noch den direkten Bodenbezug. 

Das drückt sich so aus: Auf der öffentlichen Seite zur Strasse hin erheben sich gepflegte Fassaden mit Säulen-Porches. Die hintere Seite ist freier, individueller oder gar nicht gestaltet und steht in Beziehung zu den Gärten. Der jeweilige Quartierplan hat schon vor der Parzellierung Bögen und Gegenbögen eingebaut bekommen, was die Fassaden mit ihren Porches noch besser zur Geltung bringt. «Pembroke Crescent» (Gipfeli) heissen dann solche Adressen. Wir sehen: Viele Aspekte wurden zur Synthese gebracht. Damit ist eine hohe Stufe von Zivilisation erreicht worden. Städtebau ist eine Kunstform, die kluge Köpfe verlangt.

Die Dichte des urbanen Flachbaus

Im Zusammenhang mit der Paris-Zürich-Message des letzten Postings befassen wir uns jetzt mit weiteren Eigenschaften des Stadtgewebes europäischer Prägung. Nach den Klimaaspekten kommt die Dichte ins Visier. Hier muss ein für allemal der weit verbreitete Fehlschluss, dass es für lebbare urbane Dichten Hochhäuser brauche, ausgeräumt werden: Paris und auch Barcelona haben eine etwa 4-fache Einwohnerdichte von Zürich – ohne Hochhäuser. Wenn Sie an die Défense dachten: sie liegt ausserhalb.

Vergessen wir also die Hochhäuser und wenden wir uns künftig dem klimagerechteren urbanen Flachbau zu. Wir erhalten europäische Wohnlichkeit, Bodenbezug in schönen Quartieren und Überblickbarkeit der Stadt. Mit Haus und Baum in ähnlicher Höhe bekommen wir das angenehme Stadtklima und den ungehinderten Luftaustausch über der Stadt.

Bilder: Helvetiaplatz Zürich / Stadtgewebe Kensington / Notting Hill London

Haus / Baum / Verkehr

Wir sprachen im letzten Posting über das Baum-Haus. Kehren wir jetzt auf das für Zürich Machbare zurück und schauen bei Paris über den Hag. Grossbäume ziehen sich auf volle Länge entlang der Seine (jetzt immer an Zürich denken!), und entlang der Boulevards. Dann gibt es Spektakelzonen zwischen dem Park der Tuilerien und der Rue de Rivoli (Vordergrund). Rechts die offene Place de la Concorde gefolgt von den Mehrfachalleen der Champs-Elysées. Die erste Querachse führt als Grünachse vom Grand Palais (Glasdach) über den Pont Alexandre zum Dôme des Invalides, gefolgt von der zweiten mit dem Eiffelturm. Im Hintergund der unendlich grosse Bois de Boulogne.

Was wir in Paris erleben, ist die in die Stadtsubstanz eingeschriebene und auf lange Sicht angelegte und stets fortlaufende Pflege eines europäischen Stadtgewebes. Haus / Baum / Verkehr (unsichtbar die Kanalisation) waren und sind ohne Unterbruch die Elemente. Der nächste Schritt, den die Stadtpräsidentin Anne Hidalgo anstrebt, ist Concorde und Champs-Elysées verkehrsfrei zu gestalten. Die Place erhält konzentrisch angeordnete Alleen. Damit verschwindet die bisherige Hitzekammer. Mit intelligenter Vergrünung und Einhaltung des Gebäudehorizonts (um die 5 Etagen) geht Paris in die (Klima-) Zukunft. Dabei ist der Grossbaum und das ähnlich hohe Haus die grundlegende Partnerschaft.

Baumhaus – Haus & Baum

Sie sehen ein Haus, das den Baum zum natürlichen Bauteil macht. So weit geht Prof. Ferdinand Ludwig an der Technischen Universität München mit seiner Forschung. Wollen wir aus der Epoche der energetisch und klimatisch ungünstigen Zementburgen in Hochhausform ausbrechen, brauchen wir einen neuen Kompass. Es ist die Verbrüderung von Baum und Haus und damit verbunden die Bodennähe des Wohnens. Wir müssen nicht so weit gehen, wie Prof Ludwig mit seinem Platanenkubus.

Es geht vielmehr darum, Baum und Haus zusammenzudenken. Das beginnt auf dem Grundstück, wo sich Bäume durch Beschattung der Hitze entgegenstellen, aber im Winter – nach dem Blattfall – die Fassaden von der Sonne temperieren lassen. Dieser Sachverhalt ist ein noch kaum erkanntes Geschenk der Natur. Damit die Symbiose funktioniert, sollten die Partner ähnliche Höhen erreichen. Das sind dann 4-6 Etagen. Und im öffentlichen Grund – im Strassenraum – gibt es die klassische Allee. Es gibt aber auch schon bewachsene Gerüste, wie der MFO-Park in Oerlikon zeigt.

Grosses Bild: Tages-Anzeiger 6. März 2023, kleines Bild: Zementburgen in Zürich West

V.L. Lampugnani

Der Mailänder Architekt Vittorio Magnago Lampugnani unterrichtete an der ETH und verfasste Bücher über Städtebau. In seinem NZZ-Artikel vom 4. März lobt er die ehemaligen Zürcher Stadtbaumeister Fissler und Herter, die den Wachstumsphasen der Stadt zwischen 1910 und 1940 eine Form gaben, indem Entwürfe den Bedarf und dessen Erfüllung in Einklang gebracht haben. Dazu gehörte 1915 der Wettbewerb für Gross-Zürich und konkret die Stadterweiterungen um den Milchbuck und die Gartenstadt Seebach.

Heute fehlen solche Grundleistungen, doch müssen wir dankbar sein, dass es die Bau- und Zonenordnung (BZO) gibt und die darin vorgesehenen Zonen in Nord und West, die eine substanzielle Verdichtung ermöglichen werden. So weit so gut. Sorgen machen jedoch die 2001 über grosse Teile der Stadt gestülpten Hochhauszonen. Der entstandene Wildwuchs kann nicht befriedigen und nagt zunehmend am Stadtbild und damit der Identität von Zürich. Wollen wir diese «Wuhanisierung»?

Lampugnani wünscht sich von den Stadtverwaltungen eine übergreifende Planung im Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatinteresse. Grossmassstäbliche Entwürfe sollen Stadträume und deren Charakter definieren. Die fast alleinige Fixierung auf Hochhauszonen einschliesslich deren Überarbeitung können dem Anspruch auf eine Stadtgestaltung im Wachstum nicht genügen. 

  • Befinden wir uns jetzt in der Epoche der städtebaulichen Vernachlässigung? der einseitigen Ausrichtung auf die Geschäftsmodelle von Grossinvestoren?
  • Wäre ein Zurück zur BZO ein Weg? Verbunden mit mehr konkreter Stadtgestaltung und energetisch-klimatisch gedachten Konzepten von Baum & Haus?

Grobes Besteck für die Schweiz

«zuerivitruv» erfüllt gerne den Wunsch aus der Leserschaft, den ganzen NZZ-Artikel (2. März S. 22) des letzten Postings sehen zu können und hofft, die Leserlichkeit sei noch gegeben und der Spreitzgriff auf die Scheibe des Handy nicht zu ermüdend. 

Sie sehen, dass da eine Maschinerie aufgefahren wird, die jede gut europäische Nachbarschaft oder Stadt erzittern lässt. Die Maschinerie zielt auf komplexe und hochpreisige Hochhäuser und Wohnungen. Die Demokratie unserer Gemeinwesen wird uns retten.

Mit grobem Besteck in die falsche Richtung

Ist es Zufall, dass die abschätzigen Bemerkungen des CEO von Halter über vernünftige und engagierte Bürger (im letzten Posting) mit einer Meldung über die neue Geschäftspolitik des Baukonzerns Implenia zusammentreffen? Implenia hat letzte Woche im Wirtschaftsteil der NZZ den Willen dargetan, in den urbanen Räumen – das heisst in unseren Schweizer Städten – Hochhäuser zu bauen. Unter anderen weil es sich um «komplexe Bauaufgaben» handle. Ausgerechnet das komplexe und teure Hochhaus soll zum lukrativen Geschäftsmodell werden. 

Wir nehmen zur Kenntnis, dass da unter Ausnützung der Wohnungsnot mit allen Mitteln und im ganz grossen Stil in die falsche Richtung «gepusht» wird. Denn gefragt ist eine sanfte und bezahlbare Normalbauweise und nicht technoide, verschwenderische und hochpreisige Hochhäuser. Das Hochhaus ist seit langem energetisch, ökologisch, sozial, stadtklimatisch und auch städtebaulich fragwürdig geworden. Es geht überall im Land am Bedarf vorbei.

Die Baubehörden und der Gemeinderat sind jetzt angehalten, Stärke zu zeigen und klar zu machen, welche Art von Bauleistungen für unsere Gemeinwesen erwünscht ist. Davon im nächsten Posting.

Die Baulöwen-Dampfwalze

Gewisse Baulöwen und anlagesuchendes Kapital haben sich gepaart und fallen über unsere Städte her. Seit 2001 realisierten sie ihre Projekte mit zunehmender Frequenz in den Zürcher Hochhauszonen. Ein ziemlich hässliches Gemisch ist entstanden: es poppt ohne jede Regel. Das Bild ist unerfreulich – einer guten europäischen Stadt nicht würdig. 

Jetzt wird der zweite Gang eingelegt; die Baulöwen bekennen sich öffentlich zu ihrer Hochhausgewalt. Die Hochhaus-Dampfwalze will jetzt ungebremst über unser Land rollen. Implenia, HRS und Halter sind die grossen Chauffeure. Sie lesen im Untertitel den Ausspruch des CEO von Halter. Konklusion: Wir – die Bevölkerung – sind ihnen im Weg. 

Es gibt einen Unterschied zwischen Liberalismus und Manchester-Liberalismus. Der erstere reagiert geschickt auf Bedarf, der zweite überrollt ohne Gnade das Land. Ursache?: Im  Anlagenotstand bevorzugen Investoren die 20-40% teureren Hochhäuser:  Mehr investiertes Kapital pro m2 Baumasse und Verkauf von Aussicht, solange sie noch besteht.

Dass das nur der «Gentry» (Gentrifizierung) dient und den landesweiten Bedarf an bezahlbaren Wohnungen ausser Acht lässt, interessiert sie nicht. Hier müssten die Stadtregierungen mit klugen Vorgaben formend eingreifen. In Zürich ist das jetzt einfach zu erreichen: durch Ablehnung des vorgeschlagenen Hochhausleitbilds. Am Hebel sitzt demnächst der Gemeinderat. Damit wird der Weg für bessere Stadtentwürfe frei.