1 HHLB (Hochhausleitbild)

«zuerivitruv» will sich dem noch in die Weihnachtszeit hinein publizierten Hochhausleitbild nicht entziehen. Eine durchnummerierte mit HHLB (Hochhausleitbild) bezeichnete Serie bringt Gedanken zur vorgeschlagenen Revision des Leitbildes von 2001. Da eine Vernehmlassung bis gegen Ende Februar läuft, steigen wir unverzüglich ins Thema ein und verschaffen uns mit der offiziellen Karte einen Überblick. Vergleichen wir mit dem durch Indiskretion im Tages-Anzeiger offengelegten Stand vom 1. Februar, sind Hochhauszonen zum Teil an am wenigsten sinnvollen Stellen, wie im Seefeld gestrichen worden. Geblieben ist der Hang von Albisrieden, der bislang nicht Hochhausgebiet war. Ebenfalls geblieben ist die «Dubai-Zone» von 3.5 Kilometer Länge zwischen Limmat und dem Gleiskörper. Zuvor war sie auf 250 Meter Höhe limitiert, jetzt ganz ohne Limite. Damit könnten Burj-Khalifas möglich werden. Wird Zürich damit noch mehr als bisher mit den Hochhauszonen von 2001 ein kleiner Möchtegern? Im Zeitalter der Ökologie gibt es in dieser Stadt offenbar keinerlei Überlegung über Sinn oder Unsinn eines Hochhauskultes.

Verspäteter Hochhauskult – Zürich verschläft den ökologischen Städtebau

«zuerivitruv» geht davon aus, dass wir uns geistig und kulturell bereits im ökologischen Zeitalter befinden. Die Praxis kann nicht kurzfristig folgen, die Weichenstellung jedoch schon. Die Rahmenbedingungen haben weltweit geändert, der Paradigmenwechsel ist erfolgt: Eric Gujer, der Chefredaktor der NZZ, hat in seinem Leitartikel um die Jahreswende der Lösung der Klimakrise die höchste Priorität eingeräumt. Doch in dieser Zeit sieht (erwischt) man die Stadt Zürich, wie sie sich immer noch vorwiegend mit dem aus der Zeit gefallenen Hochhaus beschäftigt. In einer Welt, die nicht mehr die selbe ist, hat sie nach 20 Jahren am letzten Mittwoch die 2. Stufe des Hochhausleitbilds gezündet. Die Ressourcen des Amtes für Städtebau sind dadurch blockiert. Es gab keine Energie, den längst fälligen Start des ökologischen Städtebaus auf die Beine zu stellen. 

Da wird mit viel Akribie ein Hochhauskult auf die Beine gestellt. Bald wird das Leitbild elektronisch zugänglich sein. Hochhäuser ragen in jedem Fall aus den Häusermeer heraus und in unserem offenen Gletschertal ist jeder neue Standort sofort spürbar. Deswegen schmerzt das bisher entstandene Stoppelfeld. Dieser Aspekt wird aber nicht therapiert; vielmehr geht die Akribie in Dachrestaurants und die Erdgeschosse. Die weitere Hochhausproduktion soll durch Anforderungen gerechtfertigt werden, die auch für jedes Gebäude im urbanen Flachbau gelten müssten, da jedes Gebäude seiner Stadt etwas geben soll. Fazit: Die Frage der Rechtfertigung des Hochhauses in unserer Zeit wird mit dem Mittel der genannten Akribie umgangen. Ist das elegant? – wird unser Gemeinderat diesen verspäteten Hochhauskult im Zeitalter der Ökologie durchwinken? 

Viva Europa – Rob Krier

Rob und Leon Krier sind Brüder – in den letzten drei Postings hiess es Leon statt Rob – ein aufmerksamer Leser meldet die Verwechslung – «zuerivitruv» dankt und entschuldigt sich.

1889 publizierte Camillo Sitte in Wien «Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen». Er legte damit das Fundament für einen wertvollen europäischen Städtebau. Diese Ideen hat Rob Krier in der Postmoderne wieder aufgenommen und mit den beschriebenen Realisierungen in Berlin und Potsdam umgesetzt. Und das nach der lange dauernden Epoche der Moderne. Das sind architekturhistorische Stränge, die nebeneinander und gegeneinander existieren und vergehen. Es ist denkbar, dass der neue Vektor der Ökologie eine hoffentlich erbauliche Synthese unter Einbezug der besten Teilen macht.

Rob Krier hat grosse Verdienste in der menschlich und ästhetischen Leere der auslaufenden funktionalen Moderne wieder raumbildenden Städtebau eingeführt zu haben. Darin lässt sich das Leben besser einrichten als zwischen monströsen Kolossen die in die Breite, in die Höhe oder beides zugleich gehen. Nach diesen disruptiven Tendenzen denkt er wieder an die Stadt als Gewebe. 

Wird ans Ganze gedacht, müsste der einseitige «Investorenstädtebau» mit willfährigen Behörden (Zürich mit seinem Hochhaus-Stoppelfeld) zu einem Ende kommen. Ökologie ist mit dem Muster des europäischen Stadtbilds (verdichteter urbaner Flachbau, wie z.B. in Paris) besser umzusetzen als ein Stoppelfeld von Hochhäusern und bietet zudem noch die bessere Lebensqualität. Auch für die Investoren ergäbe sich dann ein sinnvolleres Betätigungsfeld.

Viva Europa – es lebe das Stadtgewebe!

Leon Krier hat seine Vision vom europäischen Städtebau im Aquarell künstlerisch festgehalten. Vergleichen Sie mit den Grafiken des letzten Postings, sehen Sie, dass es sich um das Kirschteigfeld bei Potsdam handelt. 

Alle guten Errungenschaften des europäischen Städtebaus sind enthalten. Die Gebäude sind raumbildend angeordnet. Die Stadt ist gegliedert und aufgelockert; Wohnhöfe und fassbare Strassenräume verbunden mit baulichen Aktzentsetzungen führen zu einem Lebensraum der das Paradies auf Erden zumindest ansteuert.

Kommt, wie zum Beispiel in Zürich, noch ein See, ein Fluss und Hügelzüge mit Fernblick zu den Alpen hinzu, könnte ein Paradies auf Erden in Reichweite geraten.

Kirschteigfeld Potsdam

Leon Krier, der im Charakter eminent europäisch plant und baut, kennen wir vom Bauprojekt Tiergarten / Berlin. Mit dem Konzept für das Kirschteigfeld in Potsdam bei Berlin konnte er noch grösser anrühren. Der Namensliste entnehmen Sie, dass er, nachdem er das Gesamtkonzept für die Grosssiedlung Kirschteigfeld verfasst hat, von den 57 Baufeldern einige wenige selbst realisieren konnte. Zwanzig Kollegen bauten die übrigen Teile. Es ist das selbe Prinzip: Ein europäisch gesinnter Kopf macht den Städtebau und Kollegen die Einzelbauten.

Das Gesamtkonzept gibt sich mit seinen Baufiguren europäisch: alles interessante Stadträume im urbanen Flachbau zusammenhängend. Der Witz der europäischen Stadt ist, dass sie aus einem urbanen Gewebe besteht, nicht aus Einzelbauten im Zufallsprinzip oder gar isoliert herumstehenden Türmen. Es gibt das Haus, die Häusergruppe die sich im Stadtgewebe zusammenfinden. Es ist nicht banal additiv, sondern es sind Einzelteile, die sich zu einer Gesamtform, zu einem Stadtgewebe fügen.

„Tiergarten“ Berlin 1987

Eine Bemerkung zur Abrundung des Themas «Gentry» der letzten Postings: Der eminent europäische Urbane Flachbau nimmt jede Art von Bewohnerschaft auf. Vier Postings zurück wurde die «Stadtvilla» als villenähnliches Wohnhaus mit mehreren Partien definiert und auch der Ort seiner Wiedergeburt: Das Tiergartenareal 1987 anlässlich der internationalen Bauausstellung in Berlin. Im Bild sehen Sie eine axonometrische Darstellung davon. Jedes der neun Mehrfamilienhäuser konnte ein bekannter Architekt entwerfen – den Gesamtplan dazu und das Portalgebäude rechts im Bild stammt von Leon Krier. Krier ist ein ganz grosser Vertreter des Bauens im europäischen Stadtgewebe – das, was wir hier auf «zuerivitruv» den (verdichteten) Urbanen Flachbau nennen.

Diese Nachbarschaft aus dem Jahr 1987 bringt hohe Qualität ins Berliner Stadtgewebe  ein. Die Gebäude sind originell und individuell und das Areal bietet einen Aussenraum von höchster Qualität. Mit der zentralen Allee ist es mehr als nur das übliche Abstandsgrün. Wer möchte nicht hier leben – welches Kind nicht hier aufwachsen? Solche Beiträge sind in jeder europäischen Stadt willkommen – auch in Zürich.

Neu-Gentry?

Will die Gentry jetzt tatsächlich abgehoben in Hochhäusern leben? Angesichts des Booms könnte man das meinen. Effektiv ist das aber vor allem ein lukrativer Sport der Grossimmos. Sie haben gesehen, dass über der 7. Etage mit einem nach oben zunehmenden Zuschlag Aussicht teuer verkauft oder vermietet werden kann. Sie haben auch bemerkt, dass jedes Hochhausprojekt – ob es ins Stadtbild passt oder nicht – vom Amt für Städtebau und dem Segen des Baukollegiums gutgeheissen wird. Das führt natürlich zu einer Art «Torschlusspanik solange es noch geht». 

Da Hochhäuser 20-40% teurer sind kann sich das nur die «Gentry» leisten. Es können auch Expats sein, denen die Company die (unerschwingliche) Miete zahlt. Ob die Gentry (die Gutsituierten) so isoliert und abgehoben wohnen will, ist – wie die letzten Postings zeigen – überhaupt nicht erwiesen. Sie wurde auch nicht gefragt. Die Grossimmos setzen ihnen – solange die Behörden bewilligen – nichts anderes vor. Das geht natürlich nur so lange bis die nächsten Türme die lukrative Aussicht zubauen. Dieses Schachmatt für die Spekulation ist gleichzeitig auch Schachmatt für unser Stadtbild. Das müsste einer verantwortungsvoll vorausschauenden Behörde eigentlich bewusst sein.

Wir haben da einen Selbstläufer, der Stadtbild und Nachbarschaften zunehmend zerstört. Dazu kommt noch das Zuviel an Grauer Energie und Betriebsenergie des Hochhauses. Wie lange schaut der Zürcher Gemeinderat noch diesem Spiel unserer Behörden zu?

Alte und neue „Schlösser“ im Stadtbild

Im Blockrandgebiet der Enge – Typus von europäischen Strassencarrés – sind am See vorne die schon erwähnten Wohn-Schlösser sichtbar, rechts am Bildrand das Weisse und in Bildmitte das Rote. Ein Carré weiter in die Stadt zurück das Wohn- und Geschäftshaus «Neues Schloss» als weiteres C im Hofrandgebiet. In der Lücke erhebt sich auf volle Höhe ein Torbau zum Hof. Vorne Mitte der Stockerhof, der nach einem Kampf die grosse Rotbuche respektiert hat. Der strenge Fassadenraster und die schön gegliederte Attikazone ergänzen sich. Auch dieser Baustein darf als «wertvoll» im Stadtbild gelten.

Bilanz: Die «Gentry» kann sich bestens in der geltenden Bau- und Zonenordnung einnisten, sich ausdrücken und zum Stadtbild beitragen – statt, wie heute immer noch vom Bauamt unterstützt – sich abzusondern und mit wild gestreuten Hochhäusern die Identität von Zürich zu schädigen. 

Damit ist klar, dass unsere Stadtbehörde (Hochbaudepartement und Finanzdepartement) – obwohl in Europa schon lange der ökologische Städtebau angesagt ist – weiterhin schädigende Bauformen fördert. Wie lange noch?