Ideen für Zürich Nr. 2: Kühlende Alleen für das Kunsthaus

Wie ein gerippter Heizkörper bietet sich die Rämistrassenfassade des Chipperfieldbaus den horizontal auftreffenden Strahlen der aufgehenden Sonne dar. Den ganzen Morgen lang. Erst am Mittag kommt die Platzfassade dran. Auf dem breiten Trottoir der Rämistrasse findet – wer diese morgendliche «Saharazone» bewältigen will oder muss – ein paar Elektrohäuschen und gleissende Autodächer.

Im letzten Posting haben wir vom bekömmlichen Einrichten in der europäischen Stadt gesprochen sowie dem dazu gehörenden Schatten und Rauschen der Blätter. Warum kommen wir denn um den Chipperfieldbau des Kunsthauses herum so nackt, ungeschützt und trostlos daher? Lassen wir einmal die durch den Verkehr bestimmte Platzseite aus dem Spiel. Ungeschickt, aber unabänderlich ist die Tatsache, dass beide Seitenfassaden trotz sehr unterschiedlicher Bedeutung ihrer Strassen ähnlich breite Trottoirbereiche aufweisen. Doch das Museum lässt sich jetzt nicht mehr verschieben. Die Rämistrasse als die Zürcher Ringstrasse verdiente 1 – 2 Reihen von Alleebäumen. Auch die Kantonsschulstrasse könnte von Bäumen gewinnen. Weiter oben hat die ETH bereits vor etwa 20 Jahren ihr nobles Ringstrassendasein erkannt und die Bäume nachgeholt. Wenn die städtebauliche Logik und eine sommertaugliche Begrünung sich ergänzen, sollte jetzt in der Klimakrise gehandelt werden. 

Architektur & Natur in der Stadt

Europäische Zivilisation heisst immer auch, sich bekömmlich einrichten. Wir wollen an ihrem Nationalfeiertag «Quatorze Juillet» an die Franzosen denken. Was sich als Lebensart einst am Hof entwickelte, weitete sich nach der Revolution auf das ganze Land aus. Denken wir dabei an das Bild «Bal du Moulin de la Galette» von Renoir. Man hört als Synthese mit dem Vergnügen das Rauschen der Blätter. Wir gehen darum auch ans Meer. Ob Wellen oder Bäume, der gekonnte Einbezug von Natur in der Stadt, macht das europäische Stadtgehabe. Der Fächer ist breit; er reicht vom Strassenbaum, dem Boulevard über die kleine Anlage bis hin zum Quartier- und Stadtpark. 

Adolphe Alphand wurde im Paris von Haussmann mit dem Stadtgrün betraut. Er half die Stadt im Gleichschritt von Haus & Baum zu erneuern. Liebling von «zuerivitruv» ist der Parc des Buttes Chaumont (avec ses allées sinueuses). Das ist die geniale Schöpfung eines ausserordentlich interessanten öffentlichen Grünraumes, der aus einem ehemaligen Steinbruch hervorgegangen ist: Gebirge, eine Hängebrücke für Fussgänger, ein See. Ein wahres dreidimensionales Erlebnis erwartet Sie. Paris könnte bestens ohne sein Disneyland auskommen.

Wir brauchen dringend diese Poesie und «zuerivitruv» meint: Mit europäischen Qualitäten wachsen, weniger mit solchen von Dubai. Das ist natürlich als freundliche Aufforderung an das Amt für Städtebau gemeint, seine Hochhausfantasien, die bis 250 Meter gehen, fallen zu lassen. Der Hochhaus-Hype konnte 2001, im Jahr seines Beginns, gerade noch als Instrument des Aufbruchs halbwegs ernstgenommen werden.  Seit wir fast nur noch über Ökologie, Energie und Klima sprechen jedoch nicht mehr.

Sommerschatten

Nach Abschluss der Wertung des Hochhauses in der europäischen Stadt und der Konklusion von Jan Gehl, dass das Hochhaus nicht zum homo sapiens passt, befasst sich «zuerivitruv» mit dem stadtklimatischen Aspekt. Da sich Gebäudefassaden aufheizen und wie Heizkörper wirken, wird nach Beschattung gesucht. Die Stadt Paris hat bei ihrer Neuerfindung mittels Boulevards ab 1853 auf Alleen gesetzt. «Tant d’arbres!» rief ein Künstler aus, als er erstmals die Stadt besuchte. Ob damals schon daran gedacht wurde, dass die Grossbäume durch Blätterfall im Winter die schönen Steinfassaden den wärmenden Sonnenstrahlen aussetzen, ist nicht bekannt. Doch in unserer Zeit der Erwärmung ist die Kombination von Sommerschatten und winterlicher Freigabe eine Entdeckung erster Güte.

Und jetzt kommt ein schwerverständlicher Satz: «Wenn das menschliche Dasein sinnvoll sein soll, müsste es einem gefallen können». Simpler Sommerschatten ist gut, doch wenn er durch Grossbäume noch flirrend fürs Auge ist und durch schönes Rauschen gesteigert wird, ist das Dasein beträchtlich angenehmer. Sind wir in Zürich noch fähig für solche Lebenskunst? Oder sehen wir uns durch Dubai-Stream genötigt, die lindernde Baumzone um das zehnfache zu übersteigen und ungeschützt in der Hitze zu gleissen?

Der neue Tessinerplatz, 1993 geplant, bis 2004 verhindert, kommt nach fast 20 Jahren schon als ausgewachsene Baumanlage daher. Er entspricht der Idealvorstellung von «zuerivitruv» indem er das Prinzip ähnlicher Höhe von Haus und Baum verkörpert. Das kann im grösseren Massstab ein Stadtgewebe aus Beschattung und beschattetwerden ergeben. Bei weiterer Überlegung wird klar, dass die tiefwurzelnden Grossbäume Erdfeuchte in die Stadt hinein verdunsten und damit durch diesen physikalischen Prozess kühlende Wirkung entfalten.

Nr. 13: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

«zuerivitruv» schliesst mit diesem Posting die Reihe des weltbekannten dänischen Städtebau-Experten «Jan Gehl» und dankt der Leserschaft für die etwas anstrengende Lektüre seiner etwas klein geratenen und farbig unterlegten Textabschnitte. Dass es nicht die Bevölkerung ist, die nach Wohn-Hochhäusern verlangt, ist seine schöne Schlussbemerkung oben im roten Bildtext. Und wenn die neuen Welt-Kriterien von Klima und Ökologie ernstgenommen würden, müsste das Hochhaus längst Schachmatt sein.

Stellen Sie sich im stickigen Pavé von Zürich West neben der Hitzezone des 200-300 Meter breiten Gleisfelds das gigantische Stömungshindernis der vom Amt für Städtebau vorgeschlagenen 250 Meter-Zone vor. Eine Staumauer gegen Stadtdurchlüftung von 3 Kilometern Länge. Die Österreichische Stadt Graz hat bereits im Jahr 2000 – also vor 22 Jahren! – eine Klimakarte erstellt und dort Strömungshindernisse eingezeichnet. Es waren «nur» grosse Gebäude, die sich gegen die Durchlüftung der Stadt stellten, nicht ganze Wände von Hochhäusern, wie es uns das Amt für Städtebau vorschlagen will. Was beide Städte aber verbindet, ist die Schwachwindigkeit besonders in den Sommermonaten.

Wann wollen wir mit der Aufhebung der Hochhausgebiete von 2001 beginnen? – die Entsorgung der jüngsten Planungen zu deren Intensivierung natürlich eingeschlossen!

Bild rechts: Wohnüberbauung «Vulcano» in Zürich-Altstetten.

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr. 12: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Der Hochhaus-Wildwuchs auf dem Globus findet sich vor allem dort, wo sich über Jahrhunderte kaum eine hohe Wohnkultur entwickeln konnte. In Europa ist das Wohnhochhaus eine oft wieder abgebrochene Fehlleistung. Doch hat es, einer globalen Mode folgend, Zürich erneut erreicht – als Rückschlagswelle aus Asien und den Emiraten, die wieder den Westen trifft. Für die Zürcher Wohnszene ist das tragisch, weil die Konstruktion von Hochhauswohnungen teurer zu stehen kommt und die nutzbare Wohnfläche wegen Schächten, Nottreppen, Liftbatterien kleiner ausfällt. 

Warum plant und erstellt Zürich überhaupt Hochhauswohnungen? Die Möglichkeit wurde mit entsprechenden Zonen 2001 geschaffen, dann turnten sich Investoren und ihnen zudienende Architekten und Ingenieure im entstandenen Hype. Stadtbild, Quartier und Nachbarschaft wurden beiseite gewischt. Bis das chaotische «Stoppelfeld» manifest wurde, feierte die Presse jeden Turm. Doch kamen in den letzten Jahren ganz ernsthaft die Fragen der Energie und der Ökologie aufs Tapet. Da sich für die Soziologie im Wohnen auf dem jahrzehntelangen Anbietermarkt niemand wehren konnte, bringen erst diese neuen Energie- und Ökologiefragen das Hochhaus ins straucheln.  

Die Frage, ob das Hochhausleitbild revidiert werden soll oder muss, ist jetzt ganz schnell, aber sehr deutlich hinfällig geworden. Dessen neue Planungen können archiviert und die Hochhauszonen wieder aufgehoben werden, damit der ökologische urbane Flachbau umgehend beginnen kann. 

Bild: Letzitürme, SBB Immobilien

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr. 11: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Wir hörten im letzten Posting von Jan Gehl die Klage von der egozentrischen Bauform des Hochhauses und den dafür vorgeschlagenen Zonen in unserer Stadt und dass wir damit den städtebaulichen Absturz planen würden. 

Schon lange sinnieren kritische Geister darüber, warum das Hochhaus in unserem europäischen Kontext immer wieder gegen dessen Wesen durchschlägt. René Furer, einst Professor an der ETH, stellt in Nr. 11 seiner Hefte fest: «Inzwischen ist es schwer nachvollziehbar, wie die Schweiz um 1950 vom Hochhaus dermassen eingenommen war». In Zürich wird das Hochhaus gegenwärtig durch die vom Bauamt angebotenen Ausnützungsgeschenke noch speziell getriggert.

«zuerivitruv» vermutet neben der ursprünglich kriegsbedingten Amerikaverehrung heute ein Möchtegern-Gehabe, das von einem Minderwertigkeitskomplex herrührt. Jan Gehl wird oben in seinem Text deutlich und fragt, ob wir in Zürich einen solchen Minderwertigkeitskomplex hätten, dass wir mit Dubai konkurrieren müssten. Zu Recht bringt er die flach gebauten Städte wie Paris, Barcelona und Kopenhagen ins Spiel. Wir scheinen in Zürich «im Gestürm» vergessen zu haben eine schön angelegte europäische Stadt zu bewohnen.

Sowohl für unser Stadtbild als auch in Bezug auf die angebrochene Epoche der Ökologie stellt sich die 2001 verordnete Hochhauskur heute als Fehler heraus. Das macht einen umgehenden Stopp mit Nachdenken und Umschwenken erforderlich. Das Hochbaudepartement schlägt aber eine Verstärkung der Hochhauskur von 2001 vor. 

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr 11: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Wir hörten im letzten Posting von Jan Gehl die Klage von der egozentrischen Bauform des Hochhauses und den dafür vorgeschlagenen Zonen in unserer Stadt und dass wir damit den städtebaulichen Absturz planen würden. 

Schon lange sinnieren kritische Geister darüber, warum das Hochhaus in unserem europäischen Kontext immer wieder gegen dessen Wesen durchschlägt. René Furer, einst Professor an der ETH, stellt in Nr. 11 seiner Hefte fest: «Inzwischen ist es schwer nachvollziehbar, wie die Schweiz um 1950 vom Hochhaus dermassen eingenommen war». In Zürich wird das Hochhaus gegenwärtig durch die vom Bauamt angebotenen Ausnützungsgeschenken getriggert.

«zuerivitruv» vermutet neben der ursprünglich kriegsbedingten Amerikaverehrung heute ein Möchtegern-Gehabe, das von einem Minderwertigkeitskomplex herrührt. Jan Gehl wird oben in seinem Text deutlich und fragt, ob wir in Zürich einen solchen Minderwertigkeitskomplex hätten, dass wir mit Dubai konkurrieren müssten. Zu Recht bringt er die flach gebauten Städte wie Paris, Barcelona und Kopenhagen ins Spiel. Wir scheinen in Zürich «im Gestürm» vergessen zu haben eine schön angelegte europäische Stadt zu bewohnen.

Sowohl für unser Stadtbild als auch in Bezug auf die angebrochene Epoche der Ökologie stellt sich die 2001 verordnete Hochhauskur heute als Fehler heraus. Das macht einen umgehenden Stopp mit Nachdenken und Umschwenken erforderlich. Das Hochbaudepartement schlägt aber eine Verstärkung der Hochhauskur von 2001 vor. 

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr. 10: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Jan Gehl spricht im blauen Abschnitt vom Hochhaus als egozentrische Bauform. Dafür hat das Amt für Städtebau in seiner neusten am 14. Juni gezeigten Version für die Revision der Hochhauszonen einen sehr speziellen Streifen vorgesehen. Sie sehen das Gebiet mit schwarzer Schraffur im dunkelblauen Feld – eine etwa 3 Kilometer lange Zone für Gebäudehöhen bis zu 250 Meter. Darin könnte sich mit der Zeit eine ganze «egozentrische Wand» erheben:  Eine Trennwand längs mitten im schönen offenen Gletschertal. Sie würde sich übrigens aus einem noch längeren Sockel mit Bauhöhen von 80 Metern erheben.

Die Menschen wären künftig in eine südwestliche und eine nordöstliche Spezies geschieden. Die einen hätten ihren Uetliberg mit dem heissen Gleisfeld, die anderen ihren Käferberg mit der kühlen Limmat.

Die Limmat wäre nicht «frei», sie würde von einem schmalen Streifen mit 60 Metern Bauhöhe gefasst, eng sekundiert von einer breiten Wand von 80 Metern Höhe, aus der sich dann der 250 Meter hohe Kamm erhöbe. Wie an der East Side von Manhattan wäre auch in Zürich für eine lange Zone des traurigen Schattens auf dem Fluss gesorgt. In New York ist das vor Jahrzehnten einfach «passiert», wir aber planen den städtebaulichen Absturz. 

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens