Das Gletschertal geht zugrunde

Wir folgen den Vorschlägen des preisgekrönten Teams E2A/KPAC der Hochhaus-Leibildstudien und inszenieren die «Verclusterung» von Hochhäusern. Aus den Einzelstacheln des letzten Postings entsteht eine Stachelwand. «zuerivitruv» erlaubt sich, die uns verlustig gehenden Alpen durchscheinen zu lassen: «Wir sollen sehen, was wir verlieren».

Mit der vorgeschlagenen Höhe von 250 Metern werden die Hügelketten, die unser schönes offenes Gletschertal ausmachen, «erledigt». Die vorgeschlagene Megalomanie der Gebäude nimmt uns unsere Identität. 

Tödi reklamiert

Da tanzt die 250 Meter-Palisade durch Zürich. Zeichnerisch nimmt sie den Massstab am schwarzen Löwenbräu-Hochhaus und extrapoliert von 63 auf 250 Meter (der Teil der unten aus dem Bild läuft ist berücksichtigt). Dann ein Blick auf die Gebietskarte der Testplanung mit der 250 Meter-Zone. Das ergibt den Startpunkt der nach Westen weggaloppierenden Zone.

Schmerzfrei geht das nicht. Der Tödi reklamiert. «zuerivitruv» ist selbst überrascht und entsetzt beim Gedanken der möglichen Realisierung.

Wie konnte es so weit kommen? Da gibt es nur Vermutungen. Die Auswahl der Wettbewerbsteilnehmer, wie im vorletzten Posting beschrieben, liess keine Humanisten zu. Dann ist zu sagen, dass Planspiele heute elektronisch erfolgen. Das Gespür und die Realität sind nicht dabei. Die Verbindung ist gekappt: Science Fiction für jedermann. Dann der Eclat. Und dann die Aufgabe für «zuerivitruv», die Verbindung zur Realität wiederherzustellen. 

Das Rumoren in der Volksseele

1983 gelang es in Zürich eine europäisch geprägte Regung für ein bekömmliches  Stadtbild in einer Volksabstimmung durchzubringen: das Hochausausschlussgebiet in der Zürcher Innenstadt. Die Disruption, welche die damals schon mehrheitlich zufällig gestreuten Hochhäuser ins Stadtbild brachten, wurde weitherum gespürt.

Das Thema befand sich noch auf einer geringen Bewusstheitsstufe. «Amerika» rief über den Atlantik. Vermeintlicher Fortschritt brach den Hochhäusern, damals mit ausschliesslicher Büronutzung, die Bahn. Den Ausschlag für das Ausschlussgebiet gab das Hochhaus der Emser Werke am Schanzengraben. Stadtrat Farner sagte ja, dann nein und schlussendlich dann doch ja. «Herr Farner, sind Sie umgefallen?» fragte die NZZ. Die damals sehr progressive Stadtzürcher Vereinigung für Heimatschutz brachte es auf den Punkt: «Bürohochhäuser, die dermassen ins Stadtbild eingreifen, sind hohle Gesten». 

Dass die ganze Sache mit den herausragenden Klötzen einfach nicht stimmig ist, bewegt nach wie vor die Volksseele. Das beglückend schöne Gletschertal mit dem See spielt untergründig die Hauptrolle. Der Misserfolg des seit 2002 entstandenen «Stoppelfelds» steht uns täglich vor der Nase. Die grösste Kraft in Zürich, die Grossimmos, sind die Treiber. Selbstbindung gibt es für sie nicht. Mit dem Stadtbild als Allgemeingut sind wir alle die Opfer.

Als helfender Engel kommt die Ökologie dahergeflogen: Hochhäuser und SUV’s sind plötzlich out. «zuerivitruv» sieht eine grosse Chance für den verdichteten, urbanen   Flachbau.

Die Brille wechseln

Souverän baut Paris weiter und hat sich mit der ausgelagerten Défense schon 1967 organisiert und bewahrte damit seinen berühmten offenen Himmel. Damit blieb die Stadt punkto Beliebtheit an der Spitze der Welt. Paris weist 4-fache Einwohnerdichte von Zürich auf. Trotzdem meint Zürich in Hochhäusern dilettieren zu müssen. Bisher mit bis zu 80 Metern. Im Februar – durch Indiskretion offengelegt – ist in den Studien zur Revision des Hochhausleitbilds bereits konkret über 250 Meter «nachgedacht» worden. Das Team mit den 250 Metern erhielt den Zuschlag. 2019 – zu Beginn – wurden die Wettbewerbsteams auf Hochhaustauglichkeit geprüft. Die Frage «Ob überhaupt?» hatte keine Chance. Heute stellen wir fest, dass Hochhäuser alleine aus Gründen der Ökologie nicht mehr gebaut werden dürfen. 

Die Brille muss gewechselt und das Oberstübchen neu vermessen werden*. Es winkt der offene Horizont und die Befreiung aus der zunehmenden visuellen Einkerkerung. Ob das Amt für Städtebau den Mut hat, die neue Situation zu erkennen? Ob Stadtrat André Odermatt den Mut hat, jetzt das Steuer herumzuwerfen?

* der schöne Ausdruck stammt von Benedikt Loderer, dem bekannten «Stadtwanderer»

“ JEDESTADT „

Auf dem Doppelbild: Das kann jedermann auf dieser Welt – JEDESTADT. Auch die «billigste» Schnellaufbaustadt. Wollen wir nach Jahrhunderten von jeweils wohlgemeintem Wachstum plötzlich unsere guten europäischen Geister über Bord werfen? Die Zunftstadt des Mittelalters, die ummauerte Barockstadt, das 19. Jahrhundert mit seinen Prachtbauten und der Umarmung des Sees mit den grosszügigen Quaianlagen. Das meiste ist noch da und zu einem interessanten Gewebe verknüpft und äusserst erlebnisreich zum Durchwandern und bewohnen.

Jetzt erwarten wir, statt der Fortsetzung der unglücklichen Hochhausphase, den dichten urbanen Flachbau, zur Hitzeminderung stark durchgrünt, mehr Holz und nicht zuletzt mehr Umnutzung zwecks Erhaltung der gebauten grauen Energie. Transferierung von Büro zu Wohnen und vieles mehr. Das Feld ist offen. Noch fehlt die kluge Lenkung, denn der Hochbauvorsteher und seine Stadtbaumeisterin träumen immer noch von immer höheren Türmen. 250 Meter über Boden ist ihre neuste Planung – nun offengelegt durch die Publikation im Tages-Anzeiger vom 1. Februar 2022.

Zü-han? Züri-dorm? Zü-hattan? Shen-züri?

Turm ganz links «nur» 170 Meter.

Die aufragende Lamelle

Mit dem Franklinturm der SBB haben wir in Oerlikon ein ideales Beispiel für einen Baustein der energieverschwendenden «Stachelstadt»: Wenig Volumen in der dünnen Lamelle, aber viel Oberfläche. Dass bedeutet viel Energie zum Heizen, zum Kühlen zum Bauen und dann jahrzehntelang im Betrieb. Wie Autos mit energetischer Klassierung A, B, C, etc. sind die Energielabels für Gebäude im Kommen. Sie werden innert Kürze für die Bewertung und die Handelbarkeit der Immobilien Eckpunkte sein.

Die grosse Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site ist stolz auf ihre neue Geschäftsimmobilie «Yond» an der Albisriederstrasse – nicht zuletzt, weil sie einen günstigen Energiekoeffizient aufweist. Es handelt sich um vier würfelförmige Kuben im urbanen Flachbau – ein gutes Beispiel für Verdichtung in der Horizontalen.

Der urbane Flachbau «Yond» spart Jahr für Jahr.

Der aufragende Franklin-Turm verschwendet Jahr für Jahr.

Und wild Aufragendes passt nicht in eine europäische Stadt.

Vielleicht geht es den aufragenden Türmen wie den amerikanischen Strassenkreuzern: bald interessiert sich niemand mehr dafür. Bei der Lebensdauer eines Autos ist das verkraftbar, doch ein Gebäude «lebt» 50 – 200 Jahre.

Das Zürcher Amt für Städtebau sollte jetzt damit aufhören, unsinnige Bauweise mit Ausnützungsgeschenken unter Umgehung der Bauordnung zu fördern.

Stachelstadt: Physik macht Hochhäuser obsolet

Dünne Menschen frieren eher, rundliche weniger. Will man die Energie (für sich) behalten, ist die Kugel das Beste – man kugelt sich ein. Dann kommt der Würfel. Nimmt man noch unser Erdendasein mit Häusern, die der Schwerkraft unterliegen und bodengebunden sind dazu, dann werden daraus flach gedrückte ovaloide Kugeln.

Rippen und Stacheln hingegen sind Oberflächenvergrösserungen. Ein Quadratmeter erhält durch solche Strukturen eine mehrfache Oberfläche, was den Energiezu- und Abfluss begünstigt. Im Winter verlieren solche Stacheln rasch an Wärme und im Sommer heisst die poröse Oberfläche der Stachelstadt die Hitze willkommen. Stachlige Strukturen sind rasch erhitzt und kühlen sich rasch wieder ab.

Eine Stadt mit geduckten erdverbundenen Gebäudevolumen ist energetisch optimal, während dem ein stachliges Manhattan, Dubai oder Wuhan äusserst ungünstig dasteht. Eine «Stachelstadt» ist energetisch verschwenderisch. In unserer neuen Welt der Ökologie hat Hochhaus und Stachelstadt jegliche Berechtigung verloren.

Wir sollten in dieser Betrachtung auch die Flora nicht vergessen. Bäume erreichen Höhen um die 20 Meter. Intelligenterweise überragen Gebäude aus Gründen von Beschattung und Kühlung durch Verdunstung den Baumhorizont nicht. 

Ob unser Amt für Städtebau jemals davon gehört hat? Ob unser Amt für Städtebau weiss, dass es mit seinen Hochhausstudien die Fehlinvestition in eine Stachelstadt vorschlägt?

Clustecwünsche innerhalb der Volumeninvasion

Wie im letzten Posting angekündigt, befasst sich «zuerivitruv» mit den verschiedenen Aspekten der am 1. Februar durch den Tages-Anzeiger offengelegten Testplanung. Das obsiegende Team E2A/KPAC wünscht sich in der 250 Meter-Zone eine Verclusterung der ¼ Kilometer hohen Hochhäuser. «zuerivitruv» hat diesen Wunsch im Bild absolut massstäblich erfüllt.