Die Volumeninvasion in Zürichs Westen

Wie Sie im letzten Posting sehen, gibt es ein hochrotes Filet südwestlich der Geleise und ein breiteres hochrotes zwischen Geleisen und dem Lauf der Limmat. Das sind die 250 Meter-Zonen der Testplanung für die Revision der Hochhausrichtlinien. Bisher waren 40, 60 und 80 Meter die Höhenlimiten. Der Prime Tower stand mit seinen 126 Metern schon immer ausserhalb der Vorschriften. 

Machen wir doch einmal eine Probe im Stadtbild (weil ja in Zürich der Städtebau stets vergessen geht). Spielregel soll dabei sein, dass nur bereits bestehende Hochhäuser auf die Höhe von 250 Metern gebracht werden. Dazu muss der Prime Tower, wegen seiner bereits illegalen Höhe, «nur» verdoppelt werden. Die anderen Kandidaten haben legale Höhen von 80 Metern – mal 3 ergibt gegen 250 Meter. Und jetzt vergleichen Sie mit dem Bestand im unteren Bild:

Es gibt bei diesen Dimensionen kein Hochhaus mehr, das unterhalb des Horizonts der Hügelzüge unseres Gletschertals bleibt. Sollten die Grossimmos zuschlagen, dürften sich die Horizonte schliessen und wir ertrinken orientierungs- und hoffnungslos zwischen den Monstern. Hier noch ein psychologischer Aspekt: Bis 5 spricht eine Zahl noch direkt zum Menschen. Doch bei 250 Metern würden es dann um die 83 Etagen werden. Die Massstabsfrage im Gletschertal würde auch zur Frage der Menschenwürde.

Diese Bemerkungen sind »Stadtbild-Einschätzungen». In weiteren Postings wird sich «zuerivitruv» auch mit den anderen Aspekten befassen. Da der Geist jetzt aus dem Glas ist, wird sich bald auch die Politik des Themas annehmen.

Volumeninvasion im Gletschertal

«Bulk» sagt man im angelsächsischen Kulturbereich für das schiere, verdrängende und erdrückende Volumen. 1983 hat Zürich in einer Volksabstimmung ein Hochhaus-Ausschlussgebiet in der Innenstadt beschlossen. Die vom Tages-Anzeiger offengelegte Planung hinter den Kulissen förderte unter vielem anderem den abgebildeten Plan zutage. Rot sehen Sie wer wo einen Volumenangriff auf seine Nachbarschaft zu erwarten hätte. Wo bisher keine Hochhäuser erlaubt waren, sollen sie vorgesehen werden. Das Ausschlussgebiet von 1983 würde zur Makulatur. Selbst die Nähe zu Gewässern würden nicht verschont. 

Ein paar Worte zu «Bulk» und den vorgeschlagenen Höhen: 250 Meter entsprechen 83 Etagen. Das «City-Haus» an der Sihlporte kommt mit seinen 14 Etagen auf 50 Meter. Der Prime Tower würde mit seinen 126 Metern zum Zwerg. Würden sie je erlassen, machten die vorgeschlagenen Hochhauszonen aus der flächigen europäischen Stadt Zürich eine «Stachelstadt» mit dem Gegenstück, das zum Hochhaus gehört, nämlich mit Strassenschluchten und der Löschung des Landschaftsbezugs.

All das geschieht in einer Zeit, da Hochhäuser nur schon aus ökologischen Gründen nicht mehr gebaut werden dürften.

Wer will aus Zürich eine Investitions-Deponie machen?

Ist Zürich in der Zange der Grossimmos? Ist die Baubehörde zu schwach? Ist sie zu hörig? Das gebaute Resultat seit 2002, das städtebaulich defizitäre «Stoppelfeld», ist gebauter Beleg dafür. Um nicht nochmals Haussmann mit seinem durch ihn gestalteten Paris zu bringen, können wir bezüglich einem erfolgreichen Umgang mit grossen Bauherren in Zürich selbst fündig werden: Da war der Kampf der Stadt gegen ein banales 500 Meter langes Bürogebäude des Generalunternehmers Karl Steiner an der Sihl. Die Stadt trat in der Ära von Frau Ursula Koch vor Bundesgericht und erhielt recht. Das öffnete den Weg für das heutige «Sihlcity». Erst wurde ein Architekt organisiert, der einer solchen Aufgabe gewachsen war: Theo Hotz formte ein Ensemble aus interessanten Bestandesbauten und kühnen Ergänzungen. Der starke Charakter resultiert aus der gekonnten Kombination von Alt & Neu. Herr Peter Steiner bezeugte an einer Veranstaltung im Cabaret Voltaire vor etwa 20 Jahren, dass der Zeitverlust zwar schmerzlich gewesen sei, die Wende jedoch für alle grosse Vorteile gebracht hätte, auch für seine Firma.

Im Magazin der NZZ am Sonntag 20. Februar 2022 schreibt Felix E. Müller: «Und Odermatt wird als Mittelpunkt des Zürcher Baufilzes die Stadt wie bisher fröhlich bis zur Unkenntlichkeit verdichten». Das Team bestehend aus Stadtrat Odermatt und Stadtbaumeisterin Gügler hat das Wachstum nicht im Griff.

Wachstum muss gestaltet sein, es darf nicht den Investoren überlassen werden.  

In Europa bedeutet «Stadt» schöpferische Zusammenarbeit.

Die Illusion der Aussicht

Wenn wir schon bei den Hochhäusern sind: Manhattan brachte bereits Ende des 19. Jahrhunderts solche hervor. Prominent: Das Singer Building des gleichnamigen Nähmaschinenherstellers. Dann Woolworth (Warenhauskonzern) bis zum Empire State Building (Rockefeller). Alle waren Bürohochhäuser, denen das auf-den-Leib-Rücken des nächsten kaum etwas anhaben konnte. Am Bildbeispiel des Flatiron Building sehen wir, dass der nächste Kandidat das Ende der Aussicht bedeutet. Im Falle einer Wohnnutzung ist das fatal und für die getätigte Investition ein grosses Risiko. Die erfahrene Zürcher Kantonalbank hat das bereits erkannt und ist schon auf Projekten ausgestiegen.

Alles spricht heute gegen das Hochhaus: Energieverbrauch, Ökologie, hohe Miete, Soziologie des Wohnens und das Stadtbild. Es bleibt nur die gefährdete Aussicht als Risiko des Investors. 

Kommen ebensolche Nachbarn – das zürcher Amt für Städtebau spielt mit dem Gedanken von Hochhausballungen – ist die entscheidende Aussicht dahin. 

     Bilder: Links Flatiron Building heute, rechts 1902. 

Auch besten Köpfen ist Städtebau ein Fremdwort

«zuerivitruv» hat einen der härtesten Jobs und weiss es: «Städtebau» ist weitherum ein Fremdwort und wird an einschlägigen einheimischen Ausbildungsstätten kaum unterrichtet. Als «zuerivitruv» 2020 eine Architektursemester an der ETH besuchte, hatte jeder Student sein Hochhaus auf dem Pult.

Der Text im Bild ist einem Interview des Tages-Anzeigers aus Anlass der Pensionierung eines prominenten Bankiers entnommen. Da spricht Investorensicht, falsch verstandene Modernität und die Absenz von (europäischer) Baukultur. Auch in den besten Köpfen segelt der Städtebau nur auf ganz dünnem Eis.

Ist Zürich nur noch Dépôt für Immobilieninvestitionen? 

Oder will Zürich eine schöne Stadt zum Leben sein?

Die triste East Side von New York

Der Verein «Pro Limmatraum» gibt in seiner im vorgängigen Posting behandelten Medienmitteilung der Befürchtung Ausdruck, die Limmatufer könnten mit Hochhäusern verbaut werden. Das ist begreiflich, denn in städtebaulicher Hinsicht gibt es kaum eine grössere Sünde als die Sonnenseite eines Gewässers mit einer Hochhauswand zu verstellen. Wer New York kennt – und «zuerivitruv» tut es – weiss, dass es nichts Tristeres gibt, als die dem East River zugekehrte Seite von Manhattan. Die Hochhauswand taucht das Ufer in einen traurigen Schatten. Auf dem Wasser gibt es kein Glitzern. Nur der grelle Himmel darüber sagt, dass die Sonne scheint. 

In Zürich wird der beliebte Wipkingerpark mit seinen Sitzstufen am Wasser das erste Opfer sein. Grotesk ist der Umstand, dass im Programm des Architekturwettbewerbs Hochhäuser ausgeschlossen waren, der 1. Preis dann aber doch an ein Projekt mit zwei Hochhäusern ging. Die Häuser befinden sich im Bau. 

Guter Städtebau eines Gemeinwesens ist die Suche nach Glück und einem schönen Ambiente für die Bevölkerung. Die in Gang gesetzten Planungen zeigen, wie weit entfernt von Realität, menschlichem Empfinden und Lebenskunst die Planungen des Amtes für Städtebau und seiner von ihm ausgesuchten Auftragnehmer sind.

Departementswechsel

Die Hochhausbesessenheit des Hochbaudepartements im Spiegel der Bevölkerung: «Pro Limmatraum», ein neu gegründeter Verein wendet sich erneut mit einer Medienmitteilung an die Öffentlichkeit. «zuerivitruv» pflückt ein pikantes Detail: Pro Limmatraum fordert in Kenntnis der bisher geheim gehaltenen Hochhausplanungen «dass der Hochbauvorsteher sein Departement an ein anderes Mitglied des Stadtrats per sofort abgibt».

Kontakt:  

 info@pro-limmatraum.ch

Schlussbericht zur Aktualisierung der Hochhausrichtlinien auf:

www.pro-limmatraum.ch

Es gibt nichts tristeres, als Hochhäuser am Wasser. Das belebende Element glitzert nicht und die Ufer liegen im Schatten. «zuerivitruv» gibt zu bedenken, dass Pro-Limmatraum nur einen Teil von Zürich, etwa zwischen Migros-Hochhaus und Werdinsel beidseits der Limmat abdeckt. Die hier in 3 Beiträgen ab 27. Januar 2022 bereits veröffentliche Stellungnahme der «Allianz lebenswerte Stadtentwicklung» zeigt, dass sich Widerstand regt gegen die hinter den Kulissen vorbereitete «Wuhanisierung» unserer Stadt. 

Paradebeispiel für das Zürcher Stoppelfeld

Die drei schwarzen Vulcano-Türme in Altstetten sind 2019 in Betrieb genommen worden. Geplant und bewilligt mussten sie schon Jahre zuvor sein, obwohl sie im Nirgendwo stehen und jede städtebauliche Begründung fehlt. Im selben Jahr startete auch die Testplanung zur Revision der Hochhausrichtlinien. Und im Bild sehen Sie das Lob der Stadtbaumeisterin Katrin Gügler: «gute Einfügung in die Umgebung und gelungenes Gesamtkonzept». 

So funktioniert Schritt um Schritt das Wachstum des unerfreulichen zürcher «Stoppelfelds»: konzeptlos und getrieben durch Zufall und das OK der Behörden. Gebautes Bild und Vorgehen kommen zur fatalen Deckung. Noch fragwürdiger ist die Absicht mit einem neuen Hochhausleitbild die zweite Stufe auf dem falschen Weg zu zünden.