Unser aller Aufenthalt

Unser Aufenthalt auf Erden dauert 50-100 Jahre. Zum grössten Teil in der Wohnung, dann im Quartier, dann am Arbeitsplatz und auf Reisen. Das Quartier und im Weiteren die Stadt ist also nicht zu unterschätzen. Noch vor der Jahrtausendwende stieg «zuerivitruv» in Genua an der Station Bringnole aus und bewegte sich in schönen Gebäudearkaden dem Zentrum zu. Gegenüber erblickte er in einem Torbogen unendlich viele Gladiolen, begab sich hin und stand in einem grossen Hinterhof inmitten eines Blumenmarktes. Ihm wurde klar: Das ist Europa! Wie auch immer die baulichen Gegebenheiten, man kann sich in der Stadt einrichten. In der Schweiz lesen wir dann in Magazinen, wo wir uns in fremden Städten hinbegeben sollen. Wir dürfen nicht vergessen, auch unsere eigenen «Musts» zu pflegen und zu erschaffen. Die Quadratkilometer neuer Stadtquartiere, die in Zürich aus der Aufhebung der Industriezonen entstanden sind, bieten Gelegenheiten. Dazu würden auch die bisher eher ab- als aufgewerteten Limmatufer von Zürich West gehören.

Es bleibt noch, am Haldenbachplatz den Bogen zu schliessen. Wir haben die Entstehung der zündenden Idee zur Schaffung von Lebensraum im Quartier erlebt. Dann den Zufall des Zusammentreffens von Persönlichkeiten aus Amt, Architektur und Quartier, der den Platzraum entstehen liess: talseits offen für die Novembersonne, bergseits mit acht Grossbäumen für sommerlichen Schatten. Diese Konstellation – es brauchte etwas Geduld – und «La Fontana», Comestible und Bistro und das Restaurant Haldenbach haben sich angelagert. Dazu kamen Coiffeur und Blumen. Wir haben gesehen, wie die europäische Stadt im kleinen auch in Zürich funktionieren kann.

Stadt lebenswert machen

Weil der «kleine Städtebau» die Stadt lebenswert macht, lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie es zu den vorgängig beschriebenen und vielen weiteren Werken – darunter auch der Röntgenplatz – kommen konnte. Das Thema hat in Paris den Namen «Embellissement du Quartier», wie wir aus dem Posting vom 1. Dezember 2023 wissen. Die Erklärung für die vorerwähnten Zürcher Fälle: Es ist das von einem Stadtrat gepflegte Bewusstsein, das alles in Richtung Aufwertung des Lebensraumes anzog und dann die Realisierung ermöglichte. Wer eine Idee hatte, war willkommen.  Der Stadtrat Ruedi Aeschbacher selbst war der Empfänger. Es wurden dazu keine speziellen Strukturen geschaffen. Stadtplanungs- und Tiefbauamt setzten die Ideen um. Man freute sich über die Erweiterung Arbeitsfeldes. Das offene Ohr und der gute Wille haben genügt. Das ist schon fast ein Vorgang, wie er in der Kunst zum gelungenen Werk führt: das Aufschaukeln der guten Kräfte. Und tatsächlich: es gibt in der Literatur den Begriff Stadtbaukunst (please google!).

Es ist das Verdienst Aeschbachers, die Stadt als Lebensraum wiederentdeckt zu haben. Die Pflege des Quartiers musste damals in Konflikt mit dem vieles bedrängenden Autorausch kommen. Das Stadtleben hat begonnen neben dem Verkehr seine Position wieder zurückzuerobern. 

Die oft vergleichenden und manchmal anspruchsvollen Betrachtungen von «zuerivitruv» sind immer auf das Ziel einer schönen, angenehmen und lebenswerten Stadt ausgerichtet.

Rückgrat im Quartier Stärken

Über Jahrzehnte ist die Hochstrasse zwischen den Quartierzentren Vorderberg/Kirche Fluntern und Rigiplatz lebenswerter geworden. Das Potenzial dazu wurde wie am Haldenbachplatz in der Quartierstudie Fluntern & Oberstrass entdeckt. Die Strasse stammt mit ihrem natürlichen Verlauf noch der «Dörflizeit» und schlängelt sich entlang einer Geländekante. Daher ihr Name. Der abgebildete Plan illustriert das Potenzial der Nutzungen und Freiräume und stellt es ins Spannungsfeld zwischen den beiden Quartierzentren. Im Zug von Kanalisationssanierungen wurden Trottoirs breiter, Fahrbahnen schmaler. Das bewirkte das Aufblühen des Quartierlebens durch vermehrte Nutzung von Fussgängerflächen durch Eltern, Kinder und Jugendliche. Für sie alle ist inzwischen ein Quartierforum hinzugekommen. Auch Hunden und Katzen geht es besser; es ist erstaunlich, was 1 Meter mehr Trottoir ausmachen – ab einer gewissen Breite können Kinder spielen und Kreidebilder auf den Asphalt malen. Durch gelassene Begegnung resultiert mehr Freude am gemeinsamen Aussenraum.

Auf der parallel verlaufenden Gladbachstrasse wird noch genug gefahren – auf der Hochstrasse ist jetzt die Bewohnerschaft König. Das ist die Bilanz von mehreren Jahrzehnten Evolution, die ohne den anfänglichen Zwick nicht in Gang gekommen wäre. Der «kleine Städtebau» macht die Stadt lebenswert und könnte Gleiches in allen Quartieren von Zürich bewirken.

Ein Fall von kleinem Städtebau

Im letzten Posting haben wir die Wichtigkeit von Brennpunkten im Stadtgewebe erkannt. Gutes europäische Gewebe hat viele davon, ob zufällig entstanden, oder geplant. Hans Marti, der prominente Planer der Schweiz im letzten Jahrhundert, lancierte unter Kollegen des Zürcher Ingenieur- und Architektenvereins Quartierstudien. Der mit Fluntern und Oberstrass betraute Verfasser schlug «Wohninseln» vor und darin die Förderung von Zentren und Subzentren der Quartiere. Die Idee: Versorgung und Begegnung dort wo man lebt. Man muss sich diese Idee in Zeiten der Quartierflucht über den Zürichberg ins Glattzentrum vorstellen! Er suchte – wie ein Quartierdoktor – geeignete Stellen. Sehen Sie dazu seinen Plan. Der Vorschlag des Verfassers löste die Aufwertung des kleinen vom Verschwinden bedrohten Ladenstandorts und die Verkehrsberuhigung in einem Zug. Die Anwohner und ein Gemeinderat verhalfen der Idee des kleinen Quartierplatzes zum Durchbruch. Die Schliessung eines Strassenabschnitts ermöglichten Baumdach und Quartiersofa. Bild oben rechts im letzten Posting.

Es kommt nichts von selbst. Es braucht eine Art «Quartierdoktor», der sich mit dem Stadtgewebe befasst. In diesem Fall von ausserhalb der Verwaltung, wie beschrieben. Mit dem Haldenbachplatz gebar ein grosses Konzept über zwei Stadtquartiere das das Kleine. Als schöne Konsequenz der Pflege des Ortes möge dieser Flyer des jährlich stattfindenden Haldenbach-Fests gelten.

Der kleine Städtebau: „Wo ist es *schön*?“

Gegen das Jahresende lockern sich die Gedanken und wir sehen vermehrt, was schön ist und wollen diese Grundpfeiler unserer europäischen Zivilisation feiern. Vergessen wir die vier letzten Postings, deren Bilder es nie auf eine von Zürichs Postkarten schaffen würden. Besinnen wir uns lieber darauf, wo es uns gefällt. 

Wir machen jetzt ein Experiment und überfliegen die kommenden paar Zeilen mit dem geistigen Finger, träumen den urbanen Items entlang und beobachten, wo es funkt:

Stadelhoferplatz, Hohe Promenade, die Quais am See, Bürkliplatz, Polyterrasse, Rigiplatz, Neumarkt, Bellevue, neue Fischerstube, Bullingerplatz, unterer Letten, Idaplatz, Gleisbögen, Josefswiese.

Und wenn wir uns fragen, wo «Wohnen&Leben» Spass machen würde, käme sicher neben dem Ida- auch der Hottingerplatz samt Umgebung heraus. Es ist nicht das Einzelhaus – es ist die Baugruppe mit dem zugehörigen öffentlichen Raum, die das Stadtleben interessant machen. Es bräuchte einen Begriff für diese Keimzelle der guten europäischen Stadt, wo Wohnen, Läden, Schulen, Vegetation ein beglückendes Gewebe bilden.

Müssten wir nicht mehr an die bewusste Pflege dies urbanen Gewebes denken? Das scheint uns etwas verloren gegangen zu sein. Könnte man was fehlt «den kleinen Städtebau» nennen? Gegenwärtig hat sich das kalte «klonken» der Bauinvestitionen zu stark in den Vordergrund gedrängt. «zuerivitruv» setzt deshalb auf die Einführung des «kleinen Städtebaus» in Zürich.

Limmatuferpolitik

Diese Uferkeule die die Depôt Hard-Hochhäuser der Limmat versetzen, müssten aufschrecken. Sie machen es noch schwieriger, diese Ufer endlich in einer freundlicheren Art zu gestalten. Ein Stück in die falsche Richtung ist jetzt auf alle Zeiten betoniert worden. Das ist städtebauliche Tragik mitten in Zürich! Sprechen Sie mit Ihren Gemeinderätinnen und- Räten, denn diese sind am Drücker. Sie heissen gut oder lehnen ab, wenn im Januar oder Februar das neue Hochhausleitbild in die Kommission des Gemeinderats kommt. Verlangen Sie die Sistierung aller Hochhausleitbilder- und Zonen. Sowohl die bisherigen wie auch die geplanten. Verlangen Sie, dass stattdessen (endlich) die Formulierung eines zeitgemässen klimagerechten und sozialen Städtebaus für Zürich vorgelegt wird. 

Bilder: Der offene Himmel über den neu gestalteten Uferzonen in Paris und der verdorbene Wipkingerpark in Zürich

Limmatufer vor Hochhausplanung

Wir erinnern uns an die groteske Beeinträchtigung des Wipkingerparks durch Hochhäuser wie in den Postings vom 15. Und 17. November dargestellt. Das hat direkt mit der Hochhausplanung der Stadt Zürich zu tun. Der Hochhausplan zeigt, dass weitere solche Katastrophen an den Limmatufern ermöglicht werden sollen. Gebiete von 60 Metern Höhe am Ufer (braun), 80 (blau) und etwas zurückversetzt und in der Höhe unbegrenzt (schwarz gestreift). Benutzen Sie den Massstab ganz unten rechts im Bild. Es ist schon fast tragisch, dass die städtischen Planer Hochhauszonen an einem Südufer vorsehen. An Stelle von fröhlichen, hellen und lichten Uferzonen wird hier eine traurige Schattenwand am Wasser gezüchtet. Nur genaues Planlesen bringt hier die Düstere Zukunft an den Tag. «zuerivitruv» glaubt, dass es dazu nicht Fachperson sein muss; das ist jedermann gegeben. Eine übergeordnete Bemerkung: Die Aufhebung der grossen Industriezonen Ende des letzten Jahrhunderts weckten Hoffnungen auf einen schönen neuen Stadtteil. Statt das Ganze mit dem grossen Potenzial der Uferzonen an der Limmat zu sehen, ist man einseitig, engstirnig und rücksichtslos mit Hochhauszonen dreingefahren. 

Wir – die Bevölkerung dieser Stadt – können deshalb von Glück reden, dass letzten Februar die Uferschutzinitiative mit 4’772 Unterschriften eingereicht worden ist. Die gemeinderätliche Kommission hat die Initianten bereits zu einer Präsentation eingeladen. Sprechen Sie mit Ihrem Gemeinderat oder Ihrer Gemeinderätin! Der Entscheid ist 2024 zu erwarten. Link: www.uferschutz.ch

Von den Investitionsbrocken zum lebenswerten Stadtgewebe

Beton, Stein und Asphalt, das steht für verlorenen Sinn in der Stadtgestaltung. Der Anlass des Bauens besteht hier im Umfeld der Turbinenstrassse – wenige Meter vom Maagplatz des letzten Postings – einzig in der Erstellung von hochformatigen «Containern», die vermietbare Quadratmeter stapeln. Auch die Stadt hat nicht hingeschaut und dieses eindimensional ausgerichtete Denken zugelassen. Das macht unter anderem den schlechten Ruf von Zürich West aus: die Bebauungsart mit wild herumstehenden Hochhäusern. Das Publikum hat die Öde bemerkt und ist verstimmt. Die Verstimmung wird wie die Bauten permanent sein. Man spricht nicht nur von einem verlorenen Jahrzehnt, sondern auch von einem missratenen Quadratkilometer innerhalb der Grenzen der stolzen Stadt Zürich. Die Fotos sind Abbilder des seelisch verkümmerten Stadtteils.

Wenn neue Quartiere für wohnen und arbeiten in den grossen ehemaligen Industriezonen so aussehen, darf damit nicht weitergefahren werden. Bestehende und geplante Hochhausleitbilder sind beiseite zu legen. Auf die weitgehend gescheiterte Planung (das kann in jeder Stadt passieren) muss nach dem Marschhalt eine neue Philosophie folgen. Eine lebenswerte Stadtentwicklung muss das eiskalte Platzieren von «Investitionsbrocken» ersetzen. Der durch das Klima hervorgerufene Paradigmenwechsel erleichtert die Arbeit: Die CO2-Logik hat den Vorrang – klimagerechter Städtebau ist das neue Ziel. Das heisst: «dichte und stark durchgrünte Stadt ohne Hochhäuser». Für das Stadtbild und für die Soziologie des Wohnens sind das gute Nachrichten. Kommt noch das Denken in möglichst selbstgenügsamen Nachbarschaften dazu, geht die Mobilität im gleichen Zug zurück.