Urbaner Flachbau in Odessa

Damit wir für die Darstellung des urbanen Flachbaus nicht immer Paris strapazieren müssen, werfen wir einen Blick auf Odessa, die ukrainische Hafenstadt am Schwarzen Meer. Das Luftbild zeigt uns dreidimensional, was unter einer «stark durchgrünten Stadt im verdichteten urbanen Flachbau» zu verstehen ist.

Die Durchgrünung gibt es in Odessa schon lange bevor der Baum in diesem Jahr auch bei uns zur rettenden Maxime aufgestiegen ist. Asphalt und Fassaden akkumulieren keine Wärme – die Strassen sind kühle Baumhallen, wie wir sie drei Postings zurück schon in Brooklyn (NY) erleben konnten. Mit der Blockrandbebauung ist die urbane Dichte gegeben. Baum und Haus sind etwa von gleicher Höhe und leben in einer Symbiose. Der Energiebezug in Form von grauer Energie ist für Bau, Renovation und – wenn nötig- sogar für einen Ersatzbau gering. Das Stadtgewebe ist flexibel und liegt in «low energy» entspannt in der Landschaft.  

Das sagt uns der Grand Palais

Sie sehen im Bild den schönen Naturstein von Paris, der sich bis auf eine gewisse Höhe hinauf entwickelt. Darüber ist alles Stahl und Glas. 1853 etablierte Haussmann in Paris seine Bauregeln mit einem Höhenplafond («le gabarit») von 5 Etagen plus 1 Attikageschoss. Fast 50 Jahre später wurde die immer noch grösste Ausstellungshalle der Welt – der Grand Palais – errichtet. Zu den haussmannschen Regeln gehört auch die Ausnahme: Wichtige Gebäude von allgemeinem Interesse dürfen sich über das Häusermeer und den Höhenplafonds massvoll erheben. Der Grand Palais tut es mit Manieren: Seine «Überhöhe» kommt – durch Kontrast kenntlich gemacht – in Stahl und Glas daher.

Vor dem Grand Palais beanspruchten die Bourse du Blé (heute Collection Pinault), viel später das Centre Pompidou und die neue Bibliothèque Nationale (François Mitterrand) dieses begründete Privileg. Das Resultat dieser städtebaulichen Disziplin ist das hervorragend lesbare Stadtbild von Paris.

Zur Zeit der grandiosen Quaianlagen 1887 und des Geschäftshauses Metropol am Stadthausquai – und für lange Zeit danach – hat das auch für Zürich gegolten. Jetzt schämen wir uns für das chaotische «Stoppelfeld» der wild wuchernden Hochhäuser in Zürich West und Nord. Ein Pfusch im Vergleich zu Paris.

Zuerivitruv macht die Handdrücke zum Thema

Es ist nicht das erste Mal, dass «zuerivitruv» an dieser Nahtstelle der Stadt eingreift. Weil breite Betonbrücken ebenfalls wertvollen Schatten generieren, sei es erlaubt, in der Reihe der Postings unter dem Thema «Haus & Baum» darüber zu sprechen. Schatten ist durch die Klimaerwärmung wertvoll geworden, ist also nichts mehr zum verschenken. 

«Unter der Hardbrücke» ist nicht irgendwo. Durch die Auflösung der ursprünglichen Industriezonen, den neuen Büro- und Wohnbauten und dem Bahnhof Hardbrücke ist dieser Strassenabschnitt unter der Brücke zum geographischen Zentrum eines neuen Stadtteils aufgestiegen. Hier müsste ein attraktives Zentrum sein wo man sich trifft. Die ungeschickte Verlegung einer neuen Tramlinie unter das grosszügige Dach, statt auf eine der beiden Seitenstrassen vergibt eine grosse Chance. Dass die Trams noch zwischen Plastik-Palisaden und Parkplätzen fahren, macht die Separation vollkommen. Das Dach, das verbinden könnte, wird zur Trennung. Mit der reinen Ingenieurlösung hat Zürich das «Kunststück» fertiggebracht, durch öffentlichen Verkehr einen Quartierschwerpunkt zu zerstören. 

Das Fest unter der Brücke der Métro Aérien in einem Arrondissement von Paris zeigt uns das Potenzial «unter der Brücke».

Die Baumhallen von Brooklyn

Mit dem Verlassen der Südspitze von Manhattan über die Brooklyn Bridge (1883), gelangt man in den Stadtteil Brooklyn. Wie in Manhattan ist der Strassenraster weit über 100 Jahre alt. Genug Zeit, sich einzunisten. Im gealterten Bild aus den siebziger Jahren (Automodelle!) sehen Sie, wie das geht. Die Stämme stehen schräg und bilden eine veritable Baumhalle. Häuserzeile und Bäume finden sich in einer Synthese. Der Asphalt auf Strasse und Trottoirs hat keine Chance, sich aufzuheizen. Vielleicht trauen wir eine solche Zivilisierung des Stadtlebens Amerika nicht zu. Doch mit Überheblichkeit würden wir uns den Weg zu Erkenntnissen, zu denen andere Zivilisationen bereits gekommen sind, verbauen. Bedenken wir auch, dass New York / Brooklyn auf dem selben Breitengrad liegen, wie Neapel. Klimatisch gesehen sind wir auf dem Weg nach Neapel ja bereits in Mailand angekommen. Damit sei der Startschuss für die Erfindung unserer eigenen Versionen im klimagerechten und ökologischen Städtebau von Zürich abgefeuert. Eingeladen sind in erster Linie die Bauämter, Grün Zürich, aber auch die Architekten und Landschaftsarchitekten.

Grüne Kühle versus graue Hitze

Im rechten Bildteil ragt der Mobimo-Tower an der Turbinenstrasse in Zürich West in die Höhe. Hochhäuser, die ihre Grundstücke meist randvoll mit Tiefgaragen unterkellern (müssen) und Grossbäume ausschliessen, haben dadurch eine Zwei am Rücken. Eine zweite Zwei fangen sie ein, indem sie den Horizont von allenfalls doch vorhandenen Grossbäumen weit überragen und schutzlos in der Sonne gleissen. Werden sie zahlreicher, gebärden sie sich im Häusermeer der Stadt als herausstechende  Strömungshindernisse. Luftaustausch und kühlende Fallwinde kommen zum Erliegen. Das ganze Pavé der Stadt Zürich leidet und wird zur Hitzeinsel.

Im linken Bildteil sehen Sie die dicht bebaute Turnerstrasse im Kreis 6 in ihren Bäumen.  Wie im Posting vom 4. August gesagt, sind die Blätter von Natur aus so nett in der kalten Jahreszeit zu fallen und damit die Fassaden den Sonnenstrahlen zugänglich zu machen. Wie Sie sehen, lernen wir im ökologischen Städtebau laufend, die (gratis) existierenden Ressourcen zu entdecken und nutzbar zu machen.

Die Rolle des Baumes

Obwohl die seit 2001 in Zürich laufende Hochhaus-Übung ziemlich missraten ist und niemand am «Stoppelfeld» in Zürich West wirklich Freude hat, fahren Stadtrat und Ämter auf dieser Spur weiter. Doch mit den heissen Sommern werden in Europa schon lange  Gedanken des ökologischen Städtebaus angestellt. Die mitteleuropäische Stadt Graz hat bereits im Jahr 2000 Klimakarten erstellt.

Weil Umland nicht mehr grünes Umland ist, braucht es stark durchgrünte Quartiere in der Stadt. Ohne Baum, der das Haus ergänzt, geht es nicht mehr. Wir brauchen seinen Schatten, seine Kühlung durch Verdunstung von Feuchte aus tief reichenden Wurzeln. Das gibt ein Geflecht, ein Gewebe: Dabei ist der Bebauungsteppich so dick (=hoch), wie die grossen Bäume. Wenn ein grosser Baum 18 Meter erreicht, sind wir bei 6 Etagen. Gleichen wir mit der geltenden Bau- und Zonenordnung (BZO) ab, sehen wir, dass wir kaum etwas ändern müssen. Mit der projektierten Ergänzung der BZO durch Verdichtungsgebiete im Westen und Norden sind wir am Ziel. Die Hochhauszone und speziell die vorgeschlagene Dubai-Zone (250 Meter Bauhöhe) können wir beiseite lassen. Die Stadtverwaltung ist eingeladen zu sehen, dass Zürich, besonders im Westen und Norden, nicht zum heissen Zementhaufen degeneriert. 

Ein wenig zusammenfassen

Jan Gehl sagte uns im Juni: «Hochhäuser passen nicht zum Homo Sapiens». Im Folgenden sprachen wir vom Schaden für die europäischen Stadtbilder, auch von der Möglichkeit Bürotürme extern zu platzieren. Vom Stadtklima war zweifach die Rede: einmal vom Strömungshindernis der Türme und einmal von der Aufheizung von Baumasse oberhalb des Gebäude- und Baumhorizonts. Versteinerung von Stadtquartieren ist ungünstig, weil es 5-10°C höhere Umgebungstemperaturen schafft und dieses Überborden nachts in Form von Wärme an die Schlaf suchenden abgibt. 

Der bekannte italienische Städtebauer und Architekt V. M. Lampugnani forderte die dichte steinerne Stadt die flächenmässig begrenzt bleibt, damit das grosse Umgebungsgrün der Landschaft den Ausgleich bringt. Dieser Zug ist seit der Niederlegung der Stadtmauern von Zürich längst abgefahren. Wir müssen die klimatische Behaglichkeit im Stadtgewebe selbst «organisieren». Nichts in dieser Welt geht eingleisig – alles hängt zusammen. «zuerivitruv» bringt es so auf die Reihe: Verdichtung im Rahmen der bestehenden Bau- und Zonenordnung, plus die vorgesehenen Verdichtungsgebiete im Westen und Norden. Parallel dazu die starke Durchgrünung der Quartiere mit Grossbäumen – das wäre dann der Einbau der stadtweiten Klimaanlage. Dass das Hochhaus hier nur noch Spielverderber wäre, ergibt sich von selbst. In ähnlicher Höhendimension werden Haus und Grossbaum ein klimatisch günstiges Stadtgewebe bilden. 

«zuerivitruv» ist keine Planungsstelle. Doch im Einvernehmen zwischen Stadtverwaltung und Gemeinderat kann es gelingen, eine klimagerechte und ökologische Stadtphilosophie auf die Beine zu stellen.

Bilder: Haldenbachplatz und Hof des Palais Royal (Paris)

Boulevard des 21. Jahrhunderts

In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts tagte die Spezialkommission für die damals neue Bauordnung. Pikant: Die Teilnehmer erlebten sowohl Hugo Farner als auch Ursula Koch als PräsidentInnen. Die Tatsache, dass auch geeignete Persönlichkeiten von aussen eingeladen waren, führte zum freien Fantasieren über die Zukunft; weniger gehemmt in der Phase von Ursula Koch. Da passierte es als ein Teilnehmer sagte: «Die Pfingstweidstrasse ist der Boulevard des 21. Jahrhunderts!». «zuerivitruv» kommt damit auf das vorletzte Posting zurück, das etwas abrupt endete.

Die Champs Elysées schlugen seinerzeit ein neues Kapitel ausserhalb der angestammten Stadt auf. Nicht anders an der Pfingstweidstrasse in Zürich. Doch in Zürich blühte es nicht. Sowohl das eingeklemmte Tram unter der Hardbücke, als auch die offene Strecke an der Pfingstweidstrasse sind nicht geglückt: Sie machen keine Freude (das ist der Massstab im Städtebau!). Zürich verdient nach so vielen Jahrzehnten der kalten Erledigungen endlich visionären Städtebau. Chaotischer Hochhaus-Wildwuchs ist kein Städtebau. Von unseren Behörden erwarten wir im Stadtbild mehr als rein technische Lösungen.