Nr. 7: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Zu diesem grünen Abschnitt von Jan Gehl passt die Story, dass Zürich vom wilden Wuchern der ersten Generation Hochhäuser schon in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts genug hatte. Der nächste bevorstehende Eingriff war damals das Hochhaus der Emserwerke – ohne ausgewiesenen Architekten im Werk konzipiert. Beides zusammen brachte 1984 das Fass zum überlaufen. Sie sehen das Inserat zur Abstimmung. Das Referendum wurde zum Erfolg und es resultierte ein Hochhaus-Ausschlussgebiet für die Innenstadt. See, Flüsse und Hügelzüge wurden nicht weiter optisch belastet. Auf englisch: «No more visual noise».

Bis zum Erlass der ledergerberschen Hochhauszonen im Jahr 2001 herrschte wieder der urbane Flachbau. Danach ist das von der Administration Martelli und heute Odermatt geförderte «Stoppelfeld» herangewachsen. Es bringt, wie im letzten Posting schon gesagt, sowohl die städtebauliche Symbolik als auch die Ästhetik in der schönen Stadt des offenen Gletschertals durcheinander. Kommt heute noch Energie und Ökologie ins Spiel, darf der Gebäudetypus des Hochhauses «alles in allem» nicht mehr weitergeführt werden. Stadtästhetik und Ökologie reichen sich die Hand!

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr. 6: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Architekt Oscar Niemeyer ist es gelungen, unter Zuhilfenahme des Hochhauses, eine rund um die Welt begeistert aufgenommene Ikone zu schaffen. Gemeint ist die Komposition von zwei Kugelsegmenten und Zwillingstürmen aus denen das «brasilianische Bundeshaus» in der Kapitale Brasilia besteht. Weil bedeutend, darf es das. Die städtebauliche Symbolik stimmt. Als Niemeyer hundert wurde, lief an der ETH in Zürich sein Film: Er machte eine Filzstiftskizze mit den Schwüngen und den Vertikalen der Ikone und jedes Kind hätte gewusst, wo sich das auf der Welt befindet. Da kann höchstens noch der Eiffelturm gleichziehen. 

Mit seinem dilettantischen «Stoppelfeld» macht Zürich sowohl die städtebauliche Symbolik als auch die Ästhetik des offenen Gletschertals kaputt.

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

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Nr. 5: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Anhand der Problematik der Reihe der 5 geplanten Hochhäuser «Thurgauerstrasse West» hat «zuerivitruv» diese Überlegung von der Bodenferne bereits einmal farblich dargestellt. Es verhält sich wie bei der Durchblutung einer in die Höhe gehaltenen Hand: je weiter weg vom Herz desto violetter. 

Im Sektor A arrangiert sich die Bewohnerschaft mit Bezug zur Umgebung. Im Sektor B handelt es sich zunehmend um einen Stapel-, Abfüll- oder Deponievorgang in die Höhe. In Hong Kong oder Chengdu mag das nötig und mit den Bewohnern möglich sein, bei uns eher nicht.

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

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Werkstattbericht Hochhausleitbild

«zuerivitruv» unterbricht die Reihe «Jan Gehl» für einmal um später wieder fortzufahren. 

Am 2. Februar wurde durch Indiskretion die Zürcher Hochhausplanung offengelegt und gestern kommunizierte das Amt für Städtebau einen Werkstattbericht, bevor die revidierten Hochhausrichtlinien im Herbst dem Stadt- und dann dem Gemeinderat vorgelegt werden. Es werde auch eine Form von öffentlicher Mitsprache geben. 

Die Öffentlichkeit war über QR-Code eingeladen und für Meinungsäusserungen gab es einen Stream in den Fragen/Bemerkungen eingetippt werden konnten. Die Veranstaltung:

Es kann sein, dass das Amt den Stream der über 50 Fragen und Bemerkungen später publiziert.

Zwei Auffälligkeiten möchte «zuerivitruv» erwähnen. Im offiziellen Teil fällt auf, wie die Hochhauszonen und speziell diejenigen mit 250 Metern Höhe verharmlost werden. Z.B. mit der Bemerkung, dass solche Höhen schon heute möglich seien. Das ist einerseits sehr beunruhigend und anderseits kommt sich das Publikum vor, wie es von im Hintergrund bleiben wollenden Mächten gestossen werde. Die zweite Auffälligkeit: Etwa 90% der Fragen/Bemerkungen standen der Hochhausplanung kritisch gegenüber!

Klartext: Die Revision der Richtlinien ist vor 2019 vorbereitet und 2019 mit einem eingeladenen Wettbewerb von Teams gestartet worden. In diesen Jahtren hat der grosse Paradigmenwechsel in Ökologie, Energie und Stadtklima weltweit stattgefunden. Diesen Frühling hat das Amt öffentlich mit dem Eingeständnis reagiert, dass nun bei der abschliessenden amtsinternen Bearbeitung Ökologie und auch Soziologie (des Wohnens) nachgeholt werden müssten. Wird beides ernst genommen, gibt es das Hochhaus als Bauform nicht mehr.

Nr. 4: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Da kommt der bekannte Kinderarzt Remo Largo mit seiner Bemerkung daher: «sagen sie mir, wie man im 24. Stock ein Kind aufziehen soll». Fazit: für die Familie kommt das Hochhaus nicht in Frage. Und für die andere Bewohnerschaft spielt die selbe «Mechanik», dass mit der zunehmenden Entfernung vom Boden die Lust abnimmt, zu kommunizieren. Die (fragile) Spontanität ins Quartier, die Umgebung oder die Stadt zu gehen, nimmt höhenbedingt ab. Einzig offen ist noch die Frage, in welcher mathematischen Kurve. Hat man sich einmal platziert, bleibt man.

Die «Garagierung» in der Höhe ist nicht natürlich. Die gute Stadt unternimmt alles, die Behausung im urbanen Flachbau (in Paris bis 6 Etagen) zu bewältigen. Denken wir dabei auch an die Engländer, die z.B. in London grosse Dichten mit dem Reihenhaus (mit Garten) erreicht haben. «zuerivitruv» hat das bereits ab 19. März 2021 in vier Beiträgen thematisiert – vom Stadtbild bis zur Soziologie des Wohnens. Die Stadtteile Kensington, Notting Hill und Chelsea werden herangezogen; auch deren städtebauliche Figuren: Groves, Mews und Crescents. Wenn es sein muss, lassen sich Reihenhäuser auch stapeln: «There is no excuse for a high rise!».

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

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Nr. 3: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Was Jan Gehl macht, ist tätige und konkrete Stadtforschung. Nicht vermeintlichen Sachzwängen erliegen, wie in Zürich mit sener Hochhaus-Besessenheit und dem diffusen Druck von einigen Architekten und Immobilienkonzernen. Wenn sich der Mensch selbst ins Forschungsfeld hineinbegibt, fördert er auch brauchbare Resultate zutage. Die menschliche Dimension ist bei der seit 2019 andauernden Testplanung für das Hochhausleitbild von Zürich gar nie ausgelotet worden. Darum auch das nervöse Geständnis nach der unverhofften Offenlegung der verfehlten Planung, dass jetzt noch mit Soziologie und Ökologie nachgelegt werden müsse. «zuerivitruv» und andere Gruppierungen fordern deshalb glaubwürdige und international anerkannte Experten. Das Amt für Städtebau will es jedoch intern «erledigen».

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

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Nr. 2: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Kompatibel heisst übereinstimmen, verträglich, vereinbar und wenn man die Stimme in Betracht zieht: Hör- und Rufdistanz. Wir sind weder Vögel noch Würmer. Kindern will man rufen können. Besonders sie, aber auch Erwachsene möchten gerne ohne allzu grosse Mühe oder Komplikation spontan zwischen Innen und Aussen wechseln können. Geht das wegen zu grosser Höhendifferenz nicht, kommen Gefühle von Käfighaltung auf. Die vertikale Distanz braucht bald einmal Schächte, wo das Abgenabeltsein im anonymen Hochregal generiert wird. Im klassischen New York des 20. Jahrhunderts wurden für Büronutzung die Schächte zur Auftürmung von Geschossfläche hingenommen, führte aber oft zu einem Sandwich-Lunch und Eingeschlossensein für 8 lange Stunden. «zuerivitruv» hat das im damaligen World Trade Center im 64. Stock selbst zu ertragen gelernt. Daher auch der Spruch «Water Tight Closet».

In einer gewachsenen europäischen Stadt müsste anständigerweise noch das Stadtbild angefragt werden, denn Stadtbild ist Allgemeingut.

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

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Nr. 1: Jan Gehl / Hochhaus & Stadt

Wie im letzten Posting angekündigt, starten wir mit Abschnitten aus dem Interview, die hier als grün unterlegtes «Bild» erscheinen. Jan Gehl öffnet in diesem Abschnitt als Wissenschaftler im Stadtbauwesen seine Erkenntnis, dass das In-die-Höhestapeln von Menschen irgendwo eine Grenze des Guten überschreitet. Ein gewisses Stapeln ist notwendig um Dichte zu erzeugen. Geht es aber zu hoch, kommt es zur Entfremdung von der Bezugsebene der Stadt und es läuft den Instinkten des Menschen zuwider.

In Paris – und das sollten wir auch heute nicht vergessen – kam es bereits 1863 zu Regelungen, die genau diesen lebbaren Bereich optimal gestalten wollten. Das ist eine Zivilisationsstufe, die bei uns weitherum immer noch nicht errungen wurde. Sie funktioniert so: Erdgeschoss und Mezzanin bilden eine sehr durchlässige Sockelzone im Austausch mit der Strasse – dem urbanen Bewegungsraum. Pfeiler statt Mauern erlauben diesen Austausch. Darüber kommt das Wohnen mit konventionellen «Lochfassaden» (Fensteröffnungen). Und darüber gibt es noch ein zurückgesetztes Attika und die prägenden in Zink gedeckten Dächer. C’est tout! Alle Baustile seither haben dieses wertgebende Muster auf ihre Art interpretiert. Die Gebäude sind übrigens unten rechts mit Architekt und Baujahr bezeichnet.

Damit hat Paris mit Würde und Vielfalt vierfache Einwohnerdichte von Zürich erreicht. Warum meint Zürich mit seiner geringen Dichte in wild gestreuten Hochhäusern dilettieren zu müssen?

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

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