HHLB 14: Es gibt Städte, die bedauern

Die Tour Montparnasse wird noch heute mehrheitlich bedauert. Es war im Jahr 1973 ein Kraftakt, der zeigen sollte, dass Frankreich auch in der Lage war, «Manhattan» zu spielen. Das ist zwar mit 210 Metern Höhe gelungen, doch wird die Tour Montparnasse bis zum heutigen Tag nicht geliebt. Wie der Mount Fuji in den dutzenden von Ansichten von Hokusai ist er von überall her präsent – jedoch im negativen Sinn. Das ist (fast von überall her) Schädigung des Stadtbilds einer der schönsten Metropolen der Welt.

Fünfzig Jahre später kommt das kleine Zürich und will seine bereits 20 Jahre alten Hochhauszonen mit einem revidierten Hochhausleitbild um weitere Jahrzehnte verlängern. Das bisher entstandene «Stoppelfeld» hat die Stadt an den Rand der Hässlichkeit gebracht – dorthin, wo London bereits angelangt ist. Der Gemeinderat hat es in der Hand, die Fortsetzung in die falsche Richtung zu verhindern und stattdessen für Zürich den Beginn des ökologisch/ökonomischen Städtebaus zu fordern.

HHLB 13: ein bisschen Ästhetik in Zürich

Vor Ihnen liegt das Titelblatt der Dokumentation für die Revision des Hochhausleitbilds. Das Foto ist im neuen Opferquartier Altstetten aufgenommen. Eine starke Reaktion kam aus der Nachbarschaft des neuen Basilisk-Turms, aus der bemerkenswerten Siedlung «Kappeli» – einem guten Beispiel für verdichteten urbanen Flachbau – von Architekt Theo Hotz (vgl. Posting vom 6. Oktober). «Havoc im Stadtbild» und «Stoppelfeld», das sind die passenden Ausdrücke.

«zuerivitruv» hatte kürzlich politischen Besuch und präsentierte die oben abgebildete Titelseite. Abruptes Gelächter – das ist die primäre ästhetische Reaktion eines gesund empfindenden Menschen. Ist Ästhetik in Zürich aus dem Repertoire gefallen? Soll die Stadt den europäischen Habitus über Bord werfen und sich an Wuhan, Chengdu oder anderen Schnellaufbaustädten dieser Welt orientieren? Ist Zürich seit dem Erlass der Hochhauszonen im Jahr 2001 in einer Zwangsmechanik gefangen, die das gesunde Empfinden ausschliesst? Als gut gewachsene europäische Stadt gelang es Zürich immer wieder, die Vorgeschichte zu integrieren und an ihr weiterzubauen. Aus unbrauchbaren Sumpfufern entstanden z. B. die prächtigen Quainanlagen, aus Rebhängen schöne Wohnquartiere. Wenn diese gut europäische Tradition fortgesetzt werden soll, gilt es zu verhindern, dass der Vorschlag zur Revision des Hochhausleitbilds Gesetzeskraft erlangt. 

Zürich als gute europäische Stadt

Nach den dunklen Erfahrungen in der 40 Meter-Hochhauszone an der Birmensdorferstrasse braucht es eine Pause für die Seele. In den über viele Epochen gewachsenen europäischen Städten «muss» man gewärtigen, dass einem auf Schritt und Tritt Schönes oder Interessantes begegnet.

Hier ein paar Eindrücke von einem kurzen Abstecher in die Altstadt – «was einem vor die Nase kommt». Übrigens bei leichtem Schneetreiben. Wir streifen mehrere Bauepochen. Der 1. Preis geht wohl an die noble Kantonsschule aus dem Jahr 1844. Doch auch das Zahnärztliche Institut, das die alte Zeder leben liess, macht Freude. Das Konservatorium, wo ein Vater sein Kind zum Geigenunterricht bringt und ein Steinwurf davon entfernt der Rechbergpark – beide tragen auf ihre Weise zum Leben der europäischen Stadt Zürich bei. Ein Geflecht von so hoher urbaner Qualität ist eine Frage der Gesinnung der Bevölkerung über Generationen – in Zürich macht die kollektive Gesinnung seit ein paar Jahren Pause.

HHLB 12: Man fürchtet die Folgen von weiteren 20 Jahren

Der dunkle Zahnstocher im Stadtgewebe beschäftigt «zuerivitruv» weiter, weil er in die Zukunft unserer Stadt extrapoliert. In den fünf Postings zwischen 23. September und 10. Oktober wird auf das erstaunlich grosse Tempo der auf Hochtouren laufenden Hochhausproduktion hingewiesen. 

Beim Hochhausleitbild (HHLB) geht es nicht nur um Details des jetzt gerade vorgeschlagenen Inhalts, wie zum Beispiel die «Dubai-Zone» ohne Höhenlimite, sondern um die Folgen der Dynamik, wenn den bisherigen 20 Jahren dieses Regimes weitere 20 folgen sollten. Alle paar hundert Meter wäre ein Turm zu ertragen. Das Stadtbild in den Hochhauszonen würde zur grossen Chaoszone im einst schönen Gletschertal und die Stadt Zürich hätte den Anschluss an den ökologischen Städtebau verpasst. 

HHLB 11: Hotz & Hoch3

Der lange und elegant gegliederte Bau im Vordergrund stammt von Architekt Theo Hotz. Er beherbergt den Wiediker Markt, Büros und Attikawohnungen. Jede dieser drei Nutzungen ist (sichtbar!) optimiert. Das macht das Gebäude zum interessanten Beitrag an die Birmensdorferstrasse. Gemäss den neuen Hochhausrichtlinien erhofft man sich von der Kategorie der 40-Meter-Hochhäuser Akzentuierung – es ist hier aber ein Befremden in der der hell verputzten Abfolge der Häuser. Der dunkle «Akzent» ist dumpf geraten; die Ecke wäre glücklicher mit einem weiteren Bau von Theo Hotz. Jede aufragende Bausünde war damals ein «Akzent», als wir aus einem verständlichen Minderwertigkeitskomplex heraus noch alles kritiklos aus Amerika importierten.

Das Hoch3-Hochhaus ist wie in den fünfziger Jahren ein «Akzent». In Oftringen erhob sich damals ein Hochhaus mitten aus dem Dorf. Es ist heute noch von der Autobahn aus zu sehen. Hoch3 ist ein Immobilien-Placement, wie sie heute Typisch sind. Das Hochhausleitbild aus dem Hochbaudepartement will solche Bautypen fördern. Doch sind sie nicht viel eher «Warzen» im Stadtbild?

HHLB 10: Beispiel aus der 40 Meter-Zone

«Hoch3» heisst die Bebauung an der Kreuzung von Gut- und Birmensdorferstrasse. Sie ist als gutes Beispiel in der Dokumentation über die Revision des Hochhausleitbilds erwähnt.  

Sie sehen im Bild, was das Gebäude für unsere Stadt bedeutet. Der dickliche schwarzgrüne Turmstrunk passt in keiner Weise in die Umgebung der hellen verputzten Bauten des Quartiers. Dadurch, dass er aus dem Häusermeer aufragt, sind ganze Stadtteile, wie Ober- oder Unterstrass nicht mehr sichtbar. Die Kirche Fluntern und die Universität sind gerade noch davongekommen. «zuerivitruv» verwendet für die Häufung solcher urbanistischer Regelverstösse bekanntlich seit längerem den Ausdruck «Stoppelfeld». Mit der Ablehnung des neuen Hochhausleitbilds kann der Gemeinderat die Fortschreibung der Fehlentwicklung im Stadtbild von Zürich verhindern.

9 HHLB: Uferschutz

Der Plan links oben zeigt die im gegenwärtig vorliegenden Entwurf für die Revision des Zürcher Hochhausleitbilds vorgesehenen Hochhauszonen: Blau bedeutet 80 Meter Bauhöhe, Braun 60 und die schwarzen Streifen im Blau unbegrenzte Höhe. Die laufende Unterschriftensammlung für die Volksinitiative zum Schutz der Ufer ist berechtigt – hier der Text und die Möglichkeit zu unterschreiben:

www.uferschutz.ch  oder über:  https://collect.campax.org (uferschutz)

Oben rechts sehen sie eine Situation in Toulouse – einer anderen guten europäischen Stadt. Wir haben nicht gerade Wettbewerb, doch ist es eine verbreitete Eigenschaft in Europa, stets für schöne und lebenswerte Städte zu sorgen. Im weltweiten Paradigmenwechsel hin zu klimatisch-ökologischen Zielen gewinnen die Zonen entlang der Binnengewässer an Bedeutung. Hier erhält die Stadt Zürich durch die Volksinitiative die Chance, das Steuer herumzuwerfen und der vorliegenden Fehlplanung im Hochhausleitbild wirkungsvoll zu begegnen. 

Eine Stadt im Wachstum braucht gleichzeitig mit Hochbauten die vorausschauende Planung ihrer Grünanlagen. Die europäische Stadt hat sich stets als Gesamtkunstwerk verstanden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist das Leben – unter der Führung von Paris – überall in den öffentlichen Raum getreten. Wir wünschen dem Zürcher Amt für Städtebau, dass das auch in der gegenwärtigen zweiten grossen Bauperiode gelinge. In der ersten war dies der Fall: Denken Sie ans Bellevue und die grossartigen Quaianlagen von 1887.

8 HHLB: Andere Stimmen zu Zürich

Dies ist die 8. Folge der Kommentare über das noch im Dezember vorgestellte revidierte Hochhausleitbild (HHLB) für Zürich. Lehnen wir zurück und lassen wir einmal andere sprechen. Da ist der langjährige ehemalige Architekturkritiker der NZZ, Roman Hollenstein, der uns vor ein paar Jahren folgende letzte Worte bezüglich Bauten des linken Ufers der Zürcher Bucht widmete (Auszug): 

«…. dass dies weder der Stadtrat noch die Denkmalpflegekommission erkennen wollten, zeigt, wie unsensibel man im boomenden Zürich geworden ist, wo die Interessen der Hausbesitzer höher gewichtet werden als das einzigartige Stadtbild. Da fragt man sich, ob es überhaupt noch ein Baukollegium gibt, das über die architektonische Qualität geplanter Neubauten wacht.»

Ein Zürcher Kunsthistoriker, der in Rom lebt: 

«In Zürich haben allem Anschein nach alle, sogar Baugenossenschaften, eine infantile und unbedarfte Freude an Hochhäusern. Sind hier Personen am Werk, die zu jung sind, um sich an die enttäuschten Hoffnungen zu erinnern, die in den 1960er und 70er Jahren gebaute Hochhäuser zurückliessen? Der Verdichtungswahn führt allem Anschein nach auch zu Realitätsverlust.»

«zuerivitruv» meint, dass sich Zürich die Hochhausfrage im Sinne von «überhaupt» stellen muss, denn Paris kommt bei 4-facher Einwohnerdichte ohne Hochhäuser aus. Es gibt also Alternativen zum fragwürdigen Hochhauspfad. Sie sollten geprüft werden, bevor nochmals 20 Jahre auf fragwürdig gewordenem Pfad weitergefahren wird.