Nr. 3: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Was Jan Gehl macht, ist tätige und konkrete Stadtforschung. Nicht vermeintlichen Sachzwängen erliegen, wie in Zürich mit sener Hochhaus-Besessenheit und dem diffusen Druck von einigen Architekten und Immobilienkonzernen. Wenn sich der Mensch selbst ins Forschungsfeld hineinbegibt, fördert er auch brauchbare Resultate zutage. Die menschliche Dimension ist bei der seit 2019 andauernden Testplanung für das Hochhausleitbild von Zürich gar nie ausgelotet worden. Darum auch das nervöse Geständnis nach der unverhofften Offenlegung der verfehlten Planung, dass jetzt noch mit Soziologie und Ökologie nachgelegt werden müsse. «zuerivitruv» und andere Gruppierungen fordern deshalb glaubwürdige und international anerkannte Experten. Das Amt für Städtebau will es jedoch intern «erledigen».

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

Artikel:  https://www.pszeitung.ch/hochhaeuser-passen-nicht-zum-homo-sapiens

Nr. 2: Jan Gehl / Hochhaus und Stadt

Kompatibel heisst übereinstimmen, verträglich, vereinbar und wenn man die Stimme in Betracht zieht: Hör- und Rufdistanz. Wir sind weder Vögel noch Würmer. Kindern will man rufen können. Besonders sie, aber auch Erwachsene möchten gerne ohne allzu grosse Mühe oder Komplikation spontan zwischen Innen und Aussen wechseln können. Geht das wegen zu grosser Höhendifferenz nicht, kommen Gefühle von Käfighaltung auf. Die vertikale Distanz braucht bald einmal Schächte, wo das Abgenabeltsein im anonymen Hochregal generiert wird. Im klassischen New York des 20. Jahrhunderts wurden für Büronutzung die Schächte zur Auftürmung von Geschossfläche hingenommen, führte aber oft zu einem Sandwich-Lunch und Eingeschlossensein für 8 lange Stunden. «zuerivitruv» hat das im damaligen World Trade Center im 64. Stock selbst zu ertragen gelernt. Daher auch der Spruch «Water Tight Closet».

In einer gewachsenen europäischen Stadt müsste anständigerweise noch das Stadtbild angefragt werden, denn Stadtbild ist Allgemeingut.

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

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Nr. 1: Jan Gehl / Hochhaus & Stadt

Wie im letzten Posting angekündigt, starten wir mit Abschnitten aus dem Interview, die hier als grün unterlegtes «Bild» erscheinen. Jan Gehl öffnet in diesem Abschnitt als Wissenschaftler im Stadtbauwesen seine Erkenntnis, dass das In-die-Höhestapeln von Menschen irgendwo eine Grenze des Guten überschreitet. Ein gewisses Stapeln ist notwendig um Dichte zu erzeugen. Geht es aber zu hoch, kommt es zur Entfremdung von der Bezugsebene der Stadt und es läuft den Instinkten des Menschen zuwider.

In Paris – und das sollten wir auch heute nicht vergessen – kam es bereits 1863 zu Regelungen, die genau diesen lebbaren Bereich optimal gestalten wollten. Das ist eine Zivilisationsstufe, die bei uns weitherum immer noch nicht errungen wurde. Sie funktioniert so: Erdgeschoss und Mezzanin bilden eine sehr durchlässige Sockelzone im Austausch mit der Strasse – dem urbanen Bewegungsraum. Pfeiler statt Mauern erlauben diesen Austausch. Darüber kommt das Wohnen mit konventionellen «Lochfassaden» (Fensteröffnungen). Und darüber gibt es noch ein zurückgesetztes Attika und die prägenden in Zink gedeckten Dächer. C’est tout! Alle Baustile seither haben dieses wertgebende Muster auf ihre Art interpretiert. Die Gebäude sind übrigens unten rechts mit Architekt und Baujahr bezeichnet.

Damit hat Paris mit Würde und Vielfalt vierfache Einwohnerdichte von Zürich erreicht. Warum meint Zürich mit seiner geringen Dichte in wild gestreuten Hochhäusern dilettieren zu müssen?

P.S., die linke Zürcher Zeitung, Nr. 22/22, 3. Juni 2022, Seite 12 www.pszeitung.ch

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Endlich klarer Wein über Hochhaus und Stadt

Am 2. Februar erfolgte, wie der Leserschaft von «zuerivitruv» bekannt, dank Indiskretion die Offenlegung der lange geheim gehaltenen Studien für die Revision der Hochhausrichtlinien. Das hätte hoffnungsvoll als berechtigtes Zögern angesichts der ökologischen Wende gedeutet werden können. Das ans Tageslicht gekommene Resultat zeugte mit dem Vorschlag von u.a. Hochhauszonen bis 250 Meter Höhe und der Ausdehnung von Hochhausgebieten über fast die ganze Stadt leider vom Gegenteil. 

Der Tages-Anzeiger wurde dazumal schon auf der Titelseite graphisch sehr deutlich. Die NZZ berichtete wenig sagend. In den grossen Blättern kam keine weitere Debatte mehr zustande. Diese Leere füllte am 3. Juni die Zürcher Wochenzeitung P.S. durch ein Interview mit dem auf dem ganzen Globus bekannten und tätigen dänischen Stadtplaner und Architekten Jan Gehl. Zürich braucht in diesem Jahr dringend Kriterien für die Diskussion der Hochhausfrage als Teilaspekt des Städtebaus.

«zuerivitruv» unternimmt es deshalb, in einer Folge von Postings seine Erkenntnisse über Stadt und Hochhaus uns allen zugänglich zu machen. Als Grundlage dazu dienen diverse Abschnitte des Interviews das die Redaktorin Nicole Soland mit Jan Gehl geführt hat. 

Das Original:

P.S. Nr. 22/22 vom 3. Juni 2022, Seiten 12-14

P.S.-Verlag Hohlstrasse 216, 8004 Zürich, Tel. 044 241 07 60

Hinter den Kulissen: das Baukollegium

Die Mitglieder des Baukollegiums – einer Beratungsinstanz der Stadt Zürich – werden vom Amt für Städtebau ausgewählt. Das Amt für Städtebau betreibt seit 2002 die unglückliche Hochhauspolitik, die das hässliche «Stoppelfeld» in Zürich West und Nord hervorgebracht hat.

Hat eine Grossimmobilienfirma ein Grundstück erworben, hat sich in diesen Kreisen herumgesprochen, dass auf dem Verhandlungsweg erstens ein Hochhaus erreicht werden kann und zweitens die zu dessen Realisierung notwendigen Ausnützungsgeschenke, die zum Teil weit über den geltenden Ansatz hinausgehen. Dazu muss der Gestaltungsplan herhalten, der zur Umgehung der in der Bau- und Zonenordnung festgeschriebenen und für alle geltenden Ausnützungsziffern missbraucht wird. Die Zustimmung des Baukollegiums ergibt sich dann aus der hochhausfreundlichen Auswahl der Teilnehmer durch das Amt für Städtebau.

Aktuelles Beispiel: Das Heinrichareal der Investitionsforma TELLCO. Lage: im Winkel zwischen den Gleisbögen und Limmatstrasse. Sie Ausnutzungsziffer beträgt in diesem Gebiet hohe 230%. Die TELLCO erhielt 450% zugesprochen. Diese Hong-Kong-artige Dichte ist nur mit einem Hochhaus erreichbar und wurde durch Abnicken des Baukollegiums möglich. Wie Sie im rechten Bildteil sehen, kragt das Hochhaus sogar über den öffentlichen Raum entlang den Gleisbögen aus. Der Fall kommt in diesem Jahr in die gemeinderätliche Kommission und dann in den Rat.

Ist Zürich investorenhörig?

Investitionsobjekte können – wenn eine Stadt nicht aufpasst – zum Problem werden. Die Grossinvestoren sind gezwungen gegenüber ihren Shareholdern Profit zu liefern. Das was Gebäude den Bewohnern und der Stadt oder dem Quartier bringen sollen, liegt nicht in ihrem natürlichen Interesse. Die Stadt muss ihnen deshalb sagen, was sie von ihnen erwartet. Der Anlagedruck ist gegenwärtig so gross, dass gute Städte, die von Investoren gesucht werden – und Zürich gehört dazu – den Anlagedruck mit Leichtigkeit zum Nutzen der Stadt kanalisieren können. Obwohl von Grossinvestoren gesucht, ist Zürich – aus welchem Grund auch immer – ihnen nicht gewachsen. Gefördert werden in dieser Stadt teure Neubauten in Form von Hochhäusern. Im Stadtbild tritt das als «Stoppelfeld» in Erscheinung. Teuer und nicht zu bezahlbaren Wohnungen führend ist zuerst einmal der Bautypus des Hochhauses. Die Kosten liegen zwischen 20 und 40% höher als für ein Gebäude im urbanen Flachbau. Dieser entspricht den Regeln der für alle gültigen Bau- und Zonenordnung: im Zentrum bis zu 7 Geschosse, gegen den Rand abnehmend.

Für ein Hochhaus braucht es eine spezielle Genehmigung. Eine grössere Ausnützung des Grundstücks gegenüber der Regelbauweise ist dabei nicht erlaubt. Diesen Grundsatz umgeht die Stadt Zürich laufend, indem sie den «Gestaltungsplan» für Ausnützungsgeschenke an Grossimmos nutzt. Damit werden diese marktbeherrschend und engagierte Private sowie Genossenschaften haben auf dem Grundstückmarkt das Nachsehen. Im Bild die Vulcano-Türme, Zürich Altstetten.

Überholt uns das Ausland im Urbanen Flachbau?

Wir haben es in Münchens Feldmoching gesehen (Posting vom 11. Mai 2022): Hohe Dichte lässt im urbanen Flachbau höhere Qualität für die Bewohnerinnen und Bewohner zu als in Wohnsilos. Die grünen Höfe und der zentrale Grünzug sind für Erwachsene und Kinder jederzeit erreichbar. Das von «zuerivitruv» favorisierte Konzept, dass Bauten und Bäume ähnliche Höhen aufweisen, ist realisierbar. Das gilt auch für die im Bild sichtbare «Parkstadt Süd» von Köln. Im Bild oben der Kölner Dom, unten die Parkstadt. Hier ist es nicht ein Schweizer, sondern das lokale Büro: O & O Architekten Köln, das auf Stadtgewebe an Stelle von Türmen setzt. Das ist für Architekten anspruchsvoller, in der Erstellung aber wesentlich günstiger als lapidare Hochhäuser. 

Der Ansatz eines Stadtgewebes im urbanen Flachbau bringt für jede Wohnung die Nähe zum grünen Umfeld. Die Kammerung durch Höfe bringt Nachbarschaft und Überblickbarkeit – alles Eigenschaften, die ein glückliches Einnisten der Bewohnerschaft begünstigen. Die kalte Anonymität der Wohnsilos wird auf sympathische Art ausgeschaltet. Hier wird pars pro toto klar, dass «jemand» die Weiche stellen muss. Die Rolle fällt in der Regel dem Gemeinwesen zu. Es kann aber auch der Bauherr aus kluger vorausschauender Einsicht sein. So geschehen mit der Basler Siedlung am Schaffhauserrheinweg der Stiftung Sarasin für nachhaltige Immobilien Schweiz (Posting vom 27. Januar 2021).

Solche Siedlungen, deren Konzept Haus und Freiraum zusammensieht, werden als Wohnorte geliebt. Hochhäuser werden benutzt, bis sie – auch aus energetischen Gründen – obsolet werden.

Manhattan aus energetischer Hinsicht

Bewundern und erleiden von Manhattan: Eine «Stachelstadt» verbraucht mehr Energie als eine Stadt im verdichteten urbanen Flachbau. Ursprünglich nährten thermische Kraftwerke im Winter ein Dampfnetz in den Streets und Avenues von Manhattan. Bis in hohe Stockwerke hinauf wurden Heizkörper versorgt und Überschuss entwich Ventilen in Strassenmitte. Für Fremde eine gespenstige Atmosphäre: Weisser Dampf inmitten von rauchgeschwärzten Türmen. Im Sommer blies der Westwind gelbe Luft von den Thermischen Kraftwerken der Con Edison aus New Jersey nach Manhattan herüber. Je heisser desto schneller drehten die Räder der horizontalen Grossventilatoren der Klimaanlagen auf den flachen Dächern der neueren Wolkenkratzer. Beispiel: Chase Manhattan Bank in Downtown (Bild). Diese Abwärme wurde der allgemeinen Atemluft mit noch mehr °C zur Verfügung gestellt. Die begehrte Weltberühmtheit und Grossartigkeit von New York verlangte täglich ihren Preis. Das eine Defizit fütterte das andere und zusammen schaukelten sie sich hoch.

Was lässt sich daraus lernen?: Wir müssen in der Schweiz damit beginnen, im Massstab der ganzen Stadt zu denken. Alles ist ökologisch und energetisch neu zu überdenken.  «Stachelstädte» haben von vornherein eine Zwei am Rücken. Die ehemals geheim gehaltenen odermattschen Wolkenkratzerpläne für Zürich können getrost wieder in der Schublade verschwinden.