Manhattan von der Seite

«zuerivitruv» weilte 2 Jahre seines Lebens in Manhattan. Bewundern und erleiden – beides war in jungen Jahren ein Erlebnis. Nur wusste er damals nicht, dass er energetisch gesehen in einer «Stachelstadt» wohnte. Doch in seiner Erinnerung hat sich der Eindruck Manhattans von der Seite – im Helikopter über dem East River fliegend – eingegraben. Die von uns allen aus Fussgängerperspektive erlebten fetten Wolkenkratzer mutieren in der kollektiven Seitensicht zu dünnen Bleistiften. Sehen sie im Bild, was das Dia des Helikopterflugs heute noch hergibt.

Die Begeisterung hat seither mutiert – in Richtung Besorgnis. Stacheln sind wegen ihrer Dünnheit schwer zu beheizen und zu kühlen. Wenn wir heutige Massstäbe an Energie und Ökologie anlegen, wird der Albtraum noch grösser. Eine solche Stadtstruktur war damals schon unsinnig, aber mit viel Energie und Luftverschmutzung noch zu bewältigen. Heute ist sie endgültig aus der Zeit gefallen. 

Doktor Odermatt will Zürich die Stachelstadt verschreiben

«Stoppelfeld» ist in der Veranstaltung KOSMOS vom 28. März zum Begriff geworden. Gemeint ist damit der unorganisierte Wildwuchs von Hochhäusern in Zürich. Gleich drei Votantinnen haben ihn in dieser kritischen Absicht verwendet. Das Stoppelfeld ist durch den Erlass der Hochhauszonen vor 20 Jahren entstanden. Dass das Stadtbild auf diese Art chaotisch wächst ist aber erst heute zum Begriff geworden.

Kaum ist dieser Bewusstseinsprozess erfolgt, zündet das Hochbaudepartement die nächste Stufe der Rakete: Die am 2. Februar durch den Tages-Anzeiger enthüllte Testplanung für die Revision der Hochhausrichtlinien. Wie wir bereits wissen, sollen Höhen von bis zu 250 Meter erklommen und auch vor Ufern an See und Limmat kein Halt gemacht werden. 

“zuerivitruv” sieht sich verpflichtet, in die Zukunft zu extrapolieren, damit wir nicht ein weiteres Mal übertölpelt werden. Da inzwischen Energiefragen und Ökologie in den Vordergrund gerückt sind, wird die herrschende kommerzielle Einäugigkeit verdrängt werden. Es gilt eine neue Balance zu finden. Erstmals kommt dabei in energetischer und ökologischer Hinsicht der Stadtkörper als Ganzes ins Visier. Tut man dies, sind die «Visionen» des Hochbaudepartements von vornherein als unbrauchbar entlarvt, denn die Addition von in den Himmel ragenden Stacheln führt im Ganzen zu einer «Stachelstadt». Eine solche Stachelstruktur ist im Winter wegen ihrer grossen Oberfläche schwer zu heizen und im Sommer schwer zu kühlen. Wir würden auf hunderten von Energieschleudern sitzen. Grund genug, dieser verfehlten Planung den Stecker zu ziehen. 

Die «Stachelstadt» ist die energetisch unsinnigste aller urbanen Formen. Die odermattsche «Stachelstadt» ist die falsche Medizin für Zürich!

Paris sucht den Weg

«Paris Haussmann» mit seinem Höhenplafonds haben wir kennengelernt. Um 1900 malte Camille Pissarro diese Sicht über Paris. Nur bedeutende Bauten erheben sich aus dem Häusermeer. Wie geht es weiter? Im unteren Bild sehen Sie bleich im Hintergrund den Tour Montparnasse, die Verfehlung aus dem Jahr 1973 und im Vordergrund ein Projekt, das die Zukunft einläutet. Das Baumaterial ist Holz. Damit ist die graue Energie im Zaun gehalten. Und endlich kommt eine Lösung für das Flachdach, das – entgegen der Vorstellungen von Le Corbusier vor 100 Jahren – auch in der Schweiz kaum je belebt, geschweige denn begrünt wurde: flimmernde und Hitze erzeugenden Kieswüsten. Diese Dachwüsten haben sich auf der ganzen Welt in die Städte hineingefressen.

Die Energie- und Ökologiefrage kann, wenn sie ernst genommen wird, sogar aufgestaute Probleme endlich einer Lösung zuführen. Es entsteht eine Dynamik, die Freude macht. Es geht in Richtung einer neuen Stadtästhetik im urbanen Flachbau. Die disruptiven und Engergie verschwendenden Hochhäuser sind abgetischt. Wir machen uns auf den Weg zur ökologischen Stadt.

Wann springt das Zürcher Hochbaudepartement, die Investoren und die Genossenschaften auf den Zug auf? Das neu gewählte Parlament wird den Ausschlag geben. 

Paris: Gabarit extérieur = Gabarit intérieur

Das ist ein kleines Gedankenspiel in fundamentaler Stadtästhetik. Dazu eignet sich die grosse Errungenschaft von Paris, der Höhenplafonds für Gebäude, genannt «le Gabarit», bestens. Wir sehen im Bild die immer noch grösste Ausstellungshalle der Welt, das Grand Palais, erbaut um 1900. Sie soll uns als Beispiel dienen.

Im hellen warmtönigen Steinmaterial von Paris geht es hinauf bis zum Gabarit. Das entspricht etwa 6 Etagen. Alles, was beim Grand Palais darüber hinaus geht, ist ein riesiges verglastes Stahlgewölbe. Manchmal glänzt es, manchmal ist es transparent; nachts leuchtet es wie ein Kristall. Stupend: die Grenze des Gabarit ist sowohl von innen wie auch von aussen erlebbar! Die Einordnung ins Stadtbild ist perfekt.

Diese Extravaganz ist in Paris nur darum erlaubt, weil das Grand Palais von allgemeinem Interesse ist. Diese Haltung darf man als Volonté Générale bezeichnen. Die selbe Ausnahme gilt auch für das kürzlich erwähnte Centre Pompidou, die neue Bibliothèque Nationale und selbstverständlich den Eiffelturm. Mit diesem klaren Grundsatz lässt sich erstens eine chaotische Stadt vermeiden. Im Weiteren bleibt die Stadt mit dem offenen Himmel überblickbar und für alle lesbar. Das Wichtige sticht heraus. Machenlassen oder Gestalten? – das ist die grosse Frage im Städtebau. Auch in Zürich?

Feldmoching

Das Zürcher Büro Ammann Albers gewinnt in München einen Architekturwettbewerb mit verdichtetem urbanem Flachbau: «Kern unseres Vorschlags ist das Ziel, das neue Quartier in den Kontext von Feldmoching einzubinden und die geforderte Dichte mit möglichst niedrigen Gebäuden zu erreichen». Die Dichte ist gross, ebenso die Sorgfalt. Hier kommt noch der Spruch von Jan Gehl, dem berühmten dänischen Städtebauexperten: «Hochhäuser sind des faulen Architekten Antwort auf die Frage der Dichte», und: «Dichte lässt sich auf intelligentere Weise schaffen als durch schlichtes Übereinanderstapeln von Etagen», und «In den ersten vier Stockwerken fühlen wir uns noch als Teil der Stadt».

Nimmt man die sich gerade jetzt ereignende Zeitenwende in Richtung Ökologie dazu, kommt nur niedrige und energiearme Bauweise infrage. Die hier schon oft beschriebene Synthese von Baum & Haus kann nur zustande kommen, wenn beide ähnliche Höhen erreichen. Ein solcher flacher Stadtkörper weist keine Stömungshindernisse auf, die sich gegen Winde und Luftaustausch stellen.

Bild links: Amman Albers Stadtwerke (Architekten)

Bild rechts: Jan Gehl / David Sim, aus dem Buch «Soft City»

Vektor in die Zukunft

«zuerivitruv» begrüsst den Gemeinderat in seiner neuen Legislatur mit den besten Wünschen für eine gute Zusammenarbeit. Wie schon zwischen 1860-1900 befindet sich unsere Stadt erneut in einer grossen Bauperiode. 

Das obere Bild steht für die Identität: Die Stadt liegt in einem offenen Gletschertal mit See und sanften Hügelketten. Die Biber und Mammut auf dem Lindenhof sind inzwischen verschwunden, doch die weissen Alpen in der Ferne lassen die Herkunft bis heute permanent aufscheinen. Das grosse Thema sind die «Silhouetten» und die gute Ausstattung von Geburt her verpflichtet im Umgang zu grosser Sorgfalt. 

Darunter geht es weiter mit einer künstlerischen Interpretation aus dem Jahr 1908. Adolphe Tièche, der das grossartige Fremdenverkehrsplakat geschaffen hat, zeigt den ansehnlichen Stand Ende der ersten grossen Bauperiode. Die Stadt hat bereits den See mit den prächtigen Quaianlagen umarmt und dank Ausbildungsmöglichkeit an der ETH die Zürcher Palastbautradition ermöglicht. Die Fraumünsterpost, das prächtige Metropol, die roten und weissen Schlösser und das Hotel Bellevue gehören dazu.

Weiter kann «zuerivitruv» nicht gehen, stehen wir doch noch mitten in dieser zweiten grossen Bauperiode. 

Für spannende Debatten ist gesorgt, denn inmitten der Bauperiode müssen veraltete Muster über Bord geworfen und durch neue ersetzt werden. Neue Erkenntnisse und Anforderungen des Klimas und der Ökologie verlangen es. Aus dieser Störung ergibt sich aber auch die grosse Chance, aus den verschiedenen politischen Positionen einen Vektor zu formen, der in eine erspriessliche Zukunft weist. Gelingt es im gleichen Zug noch alles zusammen mit einer erfreuliche Stadtgestalt in Einklang zu bringen, könnten wir uns auf die Schulter klopfen. Benutzen Sie «zuerivitruv» zur gelegentlichen Reflexion über die herausfordernden Themen.

Jubiläumsveranstaltung der Zeitschrift Archithese

Die Moderne altert: Nicht nur die Bausubstanz selbst, auch einzelne Konzepte haben sich überlebt. Archithese brachte kürzlich den Überblick über die 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts. Was da alles passierte: Raus aus den Kernstädten und Schaffung von Banlieue. Noch schlimmer in den USA: mit dem Auto raus aus der Stadt und Zerfall der Innenstädte. ICOMOS (internationaler Rat für historische Stätten mit Sitz in Paris) musste gegründet werden um den Umgang mit der bestehenden Stadt einzufordern. Man begann die Stadt als ein Ganzes aus Alt & Neu zu sehen. Man begann Banlieuebauten zu sprengen. Links im Bild Pruitt Igoe, St. Louis 1972.

Der gewaltige Überblick von Archithese kann uns heute auf die Beine helfen. Fehler dürfen sich nicht widerholen. Z.B. die unbegründete Hochhausbesessenheit in Zürich; der respektlose Umgang mit der schön und topographisch interessant gelegenen Stadt. Eine europäische Stadt zu sein ist vergessen gegangen. Dazu kommt – ohne ans Ganze zu denken – die eindimensionale Zurverfügungstellung des Stadtraums als Investitionsareal. Der Zürcher Architekt Rolf Keller hat 1973 in seinem viel beachteten Buch «Bauen als Umweltzerstörung» Alarm geschlagen. Wir brauchen ihn heute wieder.

Rettung bietet sich jetzt (elegant!) von aussen an: Die Energiefrage verlangt «Low Tech», d.h. einfache Bauweise mit minimalem Technikanteil; Ökologie verlangt energiearme Baumaterialien und Kreisläufe; Stadtklima verlangt unbehinderten Luftaustausch. Damit fallen wohl als erstes die Hochhäuser vom Tisch. 

  • Brechen Sie einmal ein Hochhaus ab.
  • Sanieren Sie einmal die Fassaden eines Hochhauses (40 Mio für Hardautürme).
  • Ziehen Sie einmal ein Kind im 24. Stock auf.

Die Antwort ist der verdichtete urbane Flachbau in einem stark durchgrünten Stadtgewebe. Das macht glücklich und ist bezahlbar (Bild rechts)

Zürich, ein Möchtegern?

Die offengelegten Studien zur Revision des Hochhausleitbilds haben entlarvt, was in den Köpfen des Amtes für Städtebau vorgeht. Nicht nur wurden extreme Höhen gezüchtet, es wurde auch aus einer Reihe von Wettbewerbsbeiträgen das Konzept mit den grössten Höhen (bis 250m) ausgewählt. 

«zuerivitruv» möchte nach den ab 2. Februar publizierten Darstellungen im Stadtbild jetzt die Höhen auch spürbar machen – was es für jede einzelne Person ausmacht. Es geht um das ertragen der grosse Zahl und die damit verbundene Anonymität. Hier ein Versuch:

   « you count it – you never reach it »:

Die abgebildete Hochhaus-Wand in Hong Kong hält zum Zählen an. Man will im unendlich scheinenden Raster irgendwo Halt gewinnen. Rechts kommt man auf 29 Etagen und etwa 90 Meter Höhe. Also weit gefehlt bezüglich der Zielvorstellungen des Amtes für Städtebau und seinen Planungsgehilfen. Gehen wir nach fast ganz links, zählen wir 73 Etagen, was 220 Meter macht. Wieder gefehlt – für Zürich sollen es gemäss den ausgewählten Studien 250 Meter sein.