Verdichten mit Mass und Würde, Nr. 2

So gemütlich, grün und ökologisch kann man es sich einrichten. Das Rennen unter den neuen Paradigmen Energie, Ökologie und Soziales ist offen. Hier wurde eine Wohnbau-Genossenschaft tätig: «Mehr als Wohnen» in Zürich Leutschenbach. 

In der Nachbarschaft enttäuscht ein Immobilienkonzern und will das leider schon übliche eiskalte «Placement» in Form eines Hochhauses auf der gegenüberliegenden Strassenseite erstellen. Die Ausnahmebewilligung kommt von unserem Bauamt. Sprechen Sie mit Stadtrat André Odermatt. 

Verdichtung mit Mass und Würde

Jetzt wird es konkret mit der erträglichen Verdichtung unter dem neuen Paradigma von ökologisch, energetisch und sozial. Es geht um Verdichtung mit Mass und Würde. Und es geht um Verdichtung unter den genannten zeitgemässen Kriterien.

Am Riehenring in Basel haben Jessenvollenweider Architekten für die Wohnstadt Bau- und Verwaltungsgenossenschaft 36 Wohnungen in den Innenhof einer Blockradbebauung eingefügt. Die bewegt polygonale Form und die isländischmoosgrüne Lasur der Holzfassade sorgen für unaufdringliche Beschwingtheit im streng definierten Hof.

Primitiv und ausserhalb der zeitgemässen Paradigmen wäre ein Hochhaus gewesen. Das Beispiel ist in dem Sinn wichtig, dass es sehr schön illustriert wie mit Weiterdenken statt einer Kurzschlusshandlung eine bessere Lösung resultiert.

Das Laissez-Faire beenden. Den Paradigmenwechsel gestalten.

Es gilt, eine neue Synthese zu finden. Die Entwicklung seit der Jahrhundertwende war leider ein Zuviel von Laissez-Faire zu lasten von Stadtbild, Stadtklima, Bevölkerung, Nachbarschaften und den Quartieren. Zu viel Stahl und Zement und zu viel Höhenstapelung von Familien in Wohnsilos, Auftürmung von Strömungshindernissen und Schaffung von Hitzeinseln. Die Zeit für die Ablösung dieser Leitsätze ist gekommen. Ein Paradigmenwechsel drängt sich auf.

Im Posting vom 5. Februar hat «zuerivitruv», zur Besinnung auf den Ursprung im Würm vor 20’000 Jahren, das «Glacier-Valley» eingeworfen, unser schönes Gletschertal. Wie wollen wir uns im menschengeformten Anthropozän ab jetzt einrichten?

Es braucht wohl eine neue Ästhetik, die Energie, Ökologie und Soziales zu einer Synthese bringt.

Das Laissez-Faire und sein Abbild

Dass man sich in einer anständigen europäischen Stadt einfach des Luftraums – für die Bürgerschaft ihr offener Himmel – bemächtigen kann, gehört auch zur Absenz des  städtebaulichen Gewissens in Zürich. Es mag ein Minderwertigkeitskomplex Ende der Ära von Ursula Koch gewesen sein, der ihren Nachfolger Elmar Ledergerber dazu bewogen hat, ein Hochhausnetz über Zürich West und Nord zu werfen. Ein Fanfarenstoss an Stelle von seriösem Städtebau. Genau so sieht jetzt unsere «Townscape» aus: zufällige Bauerei ohne Idee. Der Gedanke ans Resultat, wenn es so weitergeht, fehlt. Gouverner c’est prévoir. Besucher von Zürich könnten meinen, die Wucherung sei unser kollektiver Wille. Sind wir einverstanden, können wir uns identifizieren und stolz sein?

Starker Motor, doch niemand am Lenkrad

«zuerivitruv» nutzt die Herbstferien um philosophische Gedanken anzustellen und geht von der Karikatur der Zürcher Baupolitik im letzten Posting aus. Warum dieser Schaden? Es drängt sich folgende Frage auf: 

«Woher kommt die zunehmend manifest werdende Schwäche der Stadt Zürich im Städtebau?»

Zu den Wurzeln: Städtebau kann in der Verbreitung nur von einer Hochschule kommen. Camillo Sitte untersuchte Städte um 1900 und gab eine Zeitschrift heraus. Ohne diese ist z.B. die Anlage der neuen Strassen in Zürich zu dieser Zeit und in dieser Qualität undenkbar. Es ist auffallend und bekannt, dass die ETH sich stets qualifiziert um die Architektur kümmerte und dies noch immer tut. Doch der Städtebau sitzt stets im Seitenwagen. Langjährig durften die bezüglich Städtebau selbst ertüchtigten Männer wie Carl Fingerhut in den zwei grossen Zeitungen publizieren. Auch Vittorio Magnago Lampugnani, der Mailänder und gegenwärtig Jürg Sulzer.  

Die geringe Bedeutung des Städtebaus am Lehrstuhl hat verbreitet Folgen für Zürich und die ganze Schweiz:

  • bei den Architekten
  • in den Bauämtern
  • in den Fachpublikationen
  • in der Presse
  • bei den Bauherren

Wenn man bedenkt, dass wir uns in der grösste Bauperiode seit derjenigen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befinden, müssen wir Angstzustände bekommen.

Das Zürcher Stoppelfeld: Abbild der amtlichen Baupolitik

Das ist die Karikatur der Zürcher Baupolitik seit Erlass der Hochhauszonen im Jahr 2002. Was herausragt, sind die wahllos erfolgten Sondergenehmigungen, die in der Regel an Immobilienkonzerne gingen. Wie sich über die Jahre zeigte, noch mit Ausnutzungsgeschenken, die den üblichen Bauherrschaften nicht zukommen. Dazu wird mit dem Mittel des «Gestaltungsplans» die Ausnutzungsziffer des Baugesetzes ausgehebelt, d.h. umgangen. Der Gestaltungsplan «Heinrichstrasse» kommt mit einer Verdoppelung der Ausnützung bald in den Gemeinderat. Diese «Geschenke» bilden sich fortlaufend und disruptiv in der Stadtsilhouette ab. 

Verdichtung Schritt für Schritt

An der Hochstrasse im Quartier Fluntern, einer historischen Strasse, die dem Gelände folgt erhob sich an dieser Kreuzung mit der Hinterbergstrasse für Jahrzehnte eine markante Scheune. Mit umlaufenden Balkonen hat die Architektin Gret Löwensberg hier noch vor der Jahrhundertwende einen freundlichen Akzent gesetzt. Die Verdichtung ist erheblich und mit grosszügiger Geste und einem sehr hohen Wohnwert verbunden. Durch solche Bauten gewinnt auch die Strasse und das Quartier.

Eberhard Gull, Sohn des Erbauers des Landesmuseums Gustav Gull, hat bereits um 1930 an der selben Einmündung drei Wohnbauten um einen grünen Hof gruppiert: Den Fehrenhof. Zu jeder Zeit kann Verdichtung mit Qualität verbunden sein und die Nachbarschaft aufwerten. 

Eigengoal an der Limmat

Die Tramdepothochhäuser wachsen jetzt gerade gegenüber dem Wipkingerpark auf dessen Nachmittagsseite in die Höhe. Sie stehen im Licht und rauben der Limmat den Glanz der Wellen. Der so begehrte und für das dicht bebaute Wipkingen so geschätzte wie notwendige Park erhält jetzt für alle Zeiten eine traurige Note. Im Gegenlicht wird sich eine schattige Drohkulisse erheben.

Nicht ohne Grund nennt man Hochhäuser in den europäischen Stadtbildern disruptiv. Dem Hochbaudepartement ist zugute zu halten, dass die Wettbewerbsbedingungen Hochhäuser ausgeschlossen haben. Doch die Jury setzte sich darüber hinweg und damit auch über die städtebauliche Gegebenheit des schon seit einigen Jahren bestehenden Parks am Wasser. «zuerivitruv» wird sich in nächster Zeit einmal mit der städtebaulichen Schwäche der Wettbewerbsjurys befassen müssen.