Das „Placement“

Es ist Normalfall, wenn das Bauen der Anlage von Kapital dient. Solange es um das Bauen und eine angemessene Verzinsung geht, ist dieser «courant normal» völlig in Ordnung. So funktionierte die Schweiz über Jahrzehnte. Verselbständigt sich jedoch der Anlagezweck, können neue Formen ins Spiel kommen. Es wird zum Beispiel zum Schaden der ganzen Stadt und im Speziellen der Nachbarschaft in die Höhe gebaut, nur damit Aussicht verkauft werden kann. Hier sollte das Gemeinwesen ins Spiel kommen: Das Kapital muss zum Nutzen der Stadt gelenkt werden. Das ist in der Stadt Zürich seit längerem nicht mehr der Fall. Dass dies bei einem Bauvorstand der der SP angehört geschieht, ist zumindest eigenartig. Die Korrektur seitens seiner Partei lässt noch immer auf sich warten. Heutzutage kommt noch dazu, dass das Hochhaus die Leitsätze der Ökologie mehrfach verletzt. Solche rücksichtslose «Placements» sind aus der Zeit gefallen. Zürich braucht die Vorgabe einer neuen Baukultur für die Bevölkerung, die Anleger, Investoren und Genossenschaften – für alle zusammen.

Zürich – ein Fest, oder: Zürich – ein Moloch?

Noch einmal warten wir mit dem nächsten Turm – er kommt früh genug. Zuerst stellen wir die philosophische Frage: will die Stadt ein Fest sein, oder lässt sie sich zu einem Moloch machen? Ist die Stadt emanzipiert, oder lässt sie sich von alles verschlingenden Mächten in eine Opferrolle drängen? 

Die gute Stadt sorgt für bekömmlichen Lebensraum für alle. Zürich hat schon einmal eine Meisterleistung vollbracht. Mit seinen Quaianlagen gelang es der Stadt 1887 den See zu umarmen. Die Umarmung ist innig – wir flanieren darin und es käme uns nicht in den Sinn, mit dem Jardin des Tuileries von Paris zu tauschen. 

Das seit 2002 entstandene «Stoppelfeld» von wild gesäten Hochhäusern macht hingegen niemanden glücklich. Die nicht, die das Stadtbild geniessen möchten und vor allem die betroffenen Nachbarn nicht. Dass die selbe Stadtverwaltung, die diesen Schaden über Jahre gefördert hat, nun auch noch die am 2. Februar entlarvten Hochhausstudien über Jahre angestrengte, gibt zu denken. Die Hochhausgebiete sollen in alle Stadtteile ausgedehnt werden. Auch vor Ufern der Gewässer wird kein Halt gemacht. Es sind ausgedehnte Zonen mit Gebäudehöhen von ¼ Kilometern vorgeschlagen. An Stelle eines friedlich im Gletschertal liegenden Gebäudeteppichs würde die Albiskette, der Zürich- und den Käferberg attackiert.

Diese Vorschläge gehen auf Kosten von Stadt und Bevölkerung. Wollen wir lieber das Fest statt den Moloch, braucht unsere Stadtplanung dringend einen «Reset» – wenn nicht sogar den Wechsel der Planungsequipe.

Ostern

Bevor der nächste Turm kommt machen wir ein kleines Fest im Städtebau = «Urbanisme», denn im Bild ist Paris sofort erkennbar. Das rührt nicht nur vom überall verwendeten hellen Stein her. Es ist die unlimitierte Zahl von fassadenvariationen innerhalb der Regeln von Haussmann (1853 etabliert). In späteren Zeiten kommt der reiche Dekor, hier mit Karyatiden, die das Gebälk tragen. Damit wird der Ecksituation des Gebäudes Rechnung getragen.

Stolz wird das Werk mit 1882-85 und dem Namen des Architekten auf der Fassade «signiert». Das gilt für jedes «Haussmann-Haus», jede «haussmannienne», wie man sie in Paris nennt. 

Zur Erinnerung: Das haussmannsche Prinzip beinhaltet die Höhenteiligkeit der Fassade mit Erdgeschoss/Mezzanin, darüber 3 Wohngeschosse und zum oberen Abschluss eine zurückgesetzte Attika. Durchgehende Balkone gibt es nur im 2. Geschoss und vor der Attika.

Eine kleine Delikatesse zu Ostern: Die Klappläden sind in so schmale Segmente geteilt, dass sie zusammengefaltet in der Fensterlaibung verschwinden können.

next please!

Will ein Bauherr einen Turm bauen und dazu noch Ausnützungsgeschenke über den Rahmen der Bauordnung hinaus erhalten, muss er ein gewisses Verfahren durchstehen können. Dazu braucht es den Hintergrund eines Grossinvestors. Und damit ist meist der Faden zu einem bekömmlichen Baubeitrag für unsere Stadt gerissen. Es geht oft um ein reines «Placement» von Anlagekapital. Alles andere tritt in den Hintergrund. Auf der Bautafel steht: «ab dem 7. Obergeschoss freie Sicht». 

Hier kommt das Gemeinwesen in die Pflicht, weil da eine Partei auf Kosten der umliegenden Nachbarschaft profitiert. Kommt für die ganze Stadt noch dazu, dass mit dieser Baupolitik am berüchtigten Zürcher «Stoppelfeld» weitergestrickt wird. Der Ausdruck «Stoppelfeld» wurde übrigens in der Veranstaltung im KOSMOS vom 28. März dreimal von verschiedener Seite im abschätzigen Sinn gebraucht. Damit ist er öffentlich und zum Begriff geworden!  

Bild: Vorne die qualitativ hochstehende Siedlung «Kappeli» von Architekt Theo Hotz, hinten der Turm «Basilisk» der Swiss Life.

Schwarzer Turm

Wir wollen Teil der Stadt sein – wer nicht? Es gibt uns ein gutes Lebensgefühl, unseren schönen Lebensraum täglich überblicken zu können. Das garantiert Zürich seit der Ära Emil Klöti der Zwanziger- und Dreissigerjahre mit seiner Bau- und Zonenordnung. Mehr Etagen in der Mitte, weniger am Rand. Das garantiert – wie in Paris – den freien Blick und den offenen Himmel. Zusammen mit den Hügelketten entsteht, was Zürich prägt: die Stadt im offenen Gletschertal. Das macht die Freude, in einer guten europäischen Stadt zu leben.

Im Bild befinden wir uns unterhalb des Triemlispitals und versuchen gegen den Zürichberg, die Gegenseite der Stadt zu schauen. Der schwarze Neubau «H3» der Coop-Pensionskasse stellt sich in den Weg. Zusammen mit dem ehemaligen UBS-Hochhaus «Werd» bleibt ein Sehschlitz, in dem Kenner den Turm der Universität ausmachen können. Es ist wie in einem Festungsturm. Nur was die Sehschlitze übriglassen, ist noch erlebbare Gegenwart. Der grosse Rest der Stadt wird ausgeblendet und geht für uns verloren. 

Das Team Odermatt/Gügler (Stadtrat und Stadtbaumeisterin) erteilt alle paar Monate ganz technokratisch einem weiteren Hochhaus die Ausnahmebewilligung. Ursprünglich war daran ein städtebaulicher Gewinn geknüpft. Das wurde offenbar zu kompliziert und ist schon lange fallen gelassen worden. Das erklärt die zufälligen Standorte und die rasante Geschwindigkeit mit der jetzt Zürich verstellt wird. Der freie Blick und die schönen Horizonte gehen verloren. Das neue Leben soll sich offenbar in Engnis zwischen Türmen und Wänden abspielen. Wollen wir das?

Bild: hellozurich

La tour noire

Jedermann kennt den Schandfleck von Paris: die in der De Gaulle-Zeit errichtete Tour Montparnasse. Da wurde falscher Fortschritt gefeiert und die europäische Bildung durch New York-Fieber beiseite gewischt. Und das in der schönsten Hauptstadt Europas. Die Bürgerschaft bedauert die Tour bis heute. Die Daten: 209 Meter hoch, 59 Etagen, 25 Lifte, style international.

Wir erhalten jetzt gerade eine Mini- Variante davon an der Kreuzung Gut- /Birmensdorferstrasse. Ebenfalls schwarz. Darüber wird nächstens berichtet.

Zurück zu den 209 Metern: Die mit dem 1. Preis versehene Studie der unter dem Deckel gehaltenen und durch Inndiskretion offengelegte Testplanung sieht in Zürich zwischen dem Gleisfeld und der Limmat eine 250 Meter-Zone vor. Wurde je studiert, ob das in unser offenes Gletschertal passt? Sind wir je gefragt worden, ob wir das wollen? Sucht man Volkswillen in dieser Hinsicht, findet man im Jahr 1983 die erfolgreiche Volksabstimmung für ein Hochhaus-Ausschlussgebiet in der Zürcher Innenstadt.

Die Tour Montparnasse ist durch seine Omnipräsenz eine tägliche Belastung. Plötzlich steht er in einer Strassenachse, dann taucht unter den eisernen Bögen des Eiffelturms auf. Er passt nicht in diese europäische Stadt, die sich so Mühe gegeben hat und immer noch gibt, den Höhenplafonds von 1853 (Haussmann) einzuhalten. Die daraus resultierende Grösse, Weite und der offenen Himmel machen im Wesentlichen den Charakter von Paris aus.

Die Schallplatte von 2002 endlich wechseln

Wie wenn 20 Jahre nichts geschehen wäre, läuft immer noch die Schallplatte von 2002, als die Hochhauszonen als Gegenreaktion auf die Ära Koch von Stadtrat Ledergerber über Teile von Zürich geworfen wurden. Wie wir alle wissen, sind «Reaktionen» oft nicht von Dauer. Zweitens können sich Paradigmen – die Leitsätze – ändern. Energie, graue Energie und Ökologie sind erst seit 5-10 Jahren ernsthaft zu Leitkriterien aufgestiegen. Deshalb wird hier niemand angeklagt, alles hatte zu ihrer Zeit seine Gründe.

Fragwürdig ist jedoch, wenn das Hochbaudepartement mit seinem Amt für Städtebau heute noch Hochhausstudien macht um damit diese Zonen von 2002 erstens auszuweiten (auch entlang Gewässern!) und zweitens die Gebäudehöhen bis 250 Meter explodieren zu lassen. «Wuhanisierung» von Zürich ist da das richtige Bild. An Stelle von Würde im europäischen Kontext schiebt sich das rücksichtslose Interesse der anonymen Grossinvestoren viel zu stark in unsere lokale Bauszene. Es sei hier angemerkt, dass Blackrock bereits im Besitz von 12% des Aktienkapitals von Swiss Prime Site ist. Nimmt man die schweizerischen Grossimmos zusammen, sind es bereits 6%. Harmlos? Leider nein, denn dieser Einstieg zeigt, dass jetzt auch die kleine Schweiz für die globale Szene interessant geworden ist. Das heisst «Monetarisierung des Liegenschaftenbesitzes». Wohnsubstanz wird zur handelbaren Ware – weltweit. «Why don’t you take some Switzerland into your portfolio?»

In diesem energetisch/ökologisch und neuerdings auch monetär veränderten Feld ist es angezeigt, unserer Stadt statt Hochhausstudien, einen Reset im Städtebau zu verordnen. Was macht mehr Freude: fatale Trends erleiden oder die Baukultur aktiv, zeitgemäss und ökologisch zu gestalten? 

KOSMOS 3

Es kommt zu einem KOSMOS 3, denn 2 war optimistisch und eröffnete die schöne Perspektive, dass Ökologie und Soziales vielleicht bereits im Amt das Überschiessen mit den an die Öffentlichkeit gebrachten eher peinlichen Hochhausstudien erledigen würde. Das wäre für die Stadt Zürich im offenen Gletschertal das Richtige und Wünschbare. Alle wären zufrieden, ausser vielleicht einzelne Grossinvestoren.

Was aber auch von Amtsseite gesagt wurde und deshalb nicht untergehen darf: Infolge des Verdichtungs- und Höhendrangs sei die Bau- und Zonenordnung – das ist der bauliche Grundkonsens, der für alle gilt und deshalb unkompliziert für Gerechtigkeit sorgt – oft ein Hindernis. Man könne ja nicht für jeden Fall einen aufwendigen Gestaltungsplan ausarbeiten. Deshalb könne das künftige Hochhausleitbild einen neuen Rahmen darstellen. Damit würde aber, das sagt jetzt «zuerivitruv», endgültig ein Weg zur Umgehung der Bau- und Zonenordnung institutionalisiert. «Endgültig», weil bereits in der bisherigen Praxis die BZO oft ausgehebelt worden ist. Das nächste prominente Beispiel ist das Projekt Heinrichstrasse der TELLCO, wie im Posting vom 20. Januar beschrieben. Es wird bald in eine gemeinderätliche Kommission gehen und dann im Gemeinderat selbst zur Abstimmung gebracht.  Zur Erinnerung: Das Planungsmittel «Gestaltungsplan» würde dazu missbraucht, die geltende, bereits hohe Ausnutzungsziffer von 230 im Kreis 5 auf Hong Kong-artige 450% zu erhöhen. Ein nicht gangbarer Weg, weil dann aus Gerechtigkeitsgründen der nächste Nachbar das selbe beanspruchen könnte – ein KO für die BZO und ein KO für unsere Stadt.