Paris: Gabarit extérieur = Gabarit intérieur

Das ist ein kleines Gedankenspiel in fundamentaler Stadtästhetik. Dazu eignet sich die grosse Errungenschaft von Paris, der Höhenplafonds für Gebäude, genannt «le Gabarit», bestens. Wir sehen im Bild die immer noch grösste Ausstellungshalle der Welt, das Grand Palais, erbaut um 1900. Sie soll uns als Beispiel dienen.

Im hellen warmtönigen Steinmaterial von Paris geht es hinauf bis zum Gabarit. Das entspricht etwa 6 Etagen. Alles, was beim Grand Palais darüber hinaus geht, ist ein riesiges verglastes Stahlgewölbe. Manchmal glänzt es, manchmal ist es transparent; nachts leuchtet es wie ein Kristall. Stupend: die Grenze des Gabarit ist sowohl von innen wie auch von aussen erlebbar! Die Einordnung ins Stadtbild ist perfekt.

Diese Extravaganz ist in Paris nur darum erlaubt, weil das Grand Palais von allgemeinem Interesse ist. Diese Haltung darf man als Volonté Générale bezeichnen. Die selbe Ausnahme gilt auch für das kürzlich erwähnte Centre Pompidou, die neue Bibliothèque Nationale und selbstverständlich den Eiffelturm. Mit diesem klaren Grundsatz lässt sich erstens eine chaotische Stadt vermeiden. Im Weiteren bleibt die Stadt mit dem offenen Himmel überblickbar und für alle lesbar. Das Wichtige sticht heraus. Machenlassen oder Gestalten? – das ist die grosse Frage im Städtebau. Auch in Zürich?

Feldmoching

Das Zürcher Büro Ammann Albers gewinnt in München einen Architekturwettbewerb mit verdichtetem urbanem Flachbau: «Kern unseres Vorschlags ist das Ziel, das neue Quartier in den Kontext von Feldmoching einzubinden und die geforderte Dichte mit möglichst niedrigen Gebäuden zu erreichen». Die Dichte ist gross, ebenso die Sorgfalt. Hier kommt noch der Spruch von Jan Gehl, dem berühmten dänischen Städtebauexperten: «Hochhäuser sind des faulen Architekten Antwort auf die Frage der Dichte», und: «Dichte lässt sich auf intelligentere Weise schaffen als durch schlichtes Übereinanderstapeln von Etagen», und «In den ersten vier Stockwerken fühlen wir uns noch als Teil der Stadt».

Nimmt man die sich gerade jetzt ereignende Zeitenwende in Richtung Ökologie dazu, kommt nur niedrige und energiearme Bauweise infrage. Die hier schon oft beschriebene Synthese von Baum & Haus kann nur zustande kommen, wenn beide ähnliche Höhen erreichen. Ein solcher flacher Stadtkörper weist keine Stömungshindernisse auf, die sich gegen Winde und Luftaustausch stellen.

Bild links: Amman Albers Stadtwerke (Architekten)

Bild rechts: Jan Gehl / David Sim, aus dem Buch «Soft City»

Vektor in die Zukunft

«zuerivitruv» begrüsst den Gemeinderat in seiner neuen Legislatur mit den besten Wünschen für eine gute Zusammenarbeit. Wie schon zwischen 1860-1900 befindet sich unsere Stadt erneut in einer grossen Bauperiode. 

Das obere Bild steht für die Identität: Die Stadt liegt in einem offenen Gletschertal mit See und sanften Hügelketten. Die Biber und Mammut auf dem Lindenhof sind inzwischen verschwunden, doch die weissen Alpen in der Ferne lassen die Herkunft bis heute permanent aufscheinen. Das grosse Thema sind die «Silhouetten» und die gute Ausstattung von Geburt her verpflichtet im Umgang zu grosser Sorgfalt. 

Darunter geht es weiter mit einer künstlerischen Interpretation aus dem Jahr 1908. Adolphe Tièche, der das grossartige Fremdenverkehrsplakat geschaffen hat, zeigt den ansehnlichen Stand Ende der ersten grossen Bauperiode. Die Stadt hat bereits den See mit den prächtigen Quaianlagen umarmt und dank Ausbildungsmöglichkeit an der ETH die Zürcher Palastbautradition ermöglicht. Die Fraumünsterpost, das prächtige Metropol, die roten und weissen Schlösser und das Hotel Bellevue gehören dazu.

Weiter kann «zuerivitruv» nicht gehen, stehen wir doch noch mitten in dieser zweiten grossen Bauperiode. 

Für spannende Debatten ist gesorgt, denn inmitten der Bauperiode müssen veraltete Muster über Bord geworfen und durch neue ersetzt werden. Neue Erkenntnisse und Anforderungen des Klimas und der Ökologie verlangen es. Aus dieser Störung ergibt sich aber auch die grosse Chance, aus den verschiedenen politischen Positionen einen Vektor zu formen, der in eine erspriessliche Zukunft weist. Gelingt es im gleichen Zug noch alles zusammen mit einer erfreuliche Stadtgestalt in Einklang zu bringen, könnten wir uns auf die Schulter klopfen. Benutzen Sie «zuerivitruv» zur gelegentlichen Reflexion über die herausfordernden Themen.

Jubiläumsveranstaltung der Zeitschrift Archithese

Die Moderne altert: Nicht nur die Bausubstanz selbst, auch einzelne Konzepte haben sich überlebt. Archithese brachte kürzlich den Überblick über die 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts. Was da alles passierte: Raus aus den Kernstädten und Schaffung von Banlieue. Noch schlimmer in den USA: mit dem Auto raus aus der Stadt und Zerfall der Innenstädte. ICOMOS (internationaler Rat für historische Stätten mit Sitz in Paris) musste gegründet werden um den Umgang mit der bestehenden Stadt einzufordern. Man begann die Stadt als ein Ganzes aus Alt & Neu zu sehen. Man begann Banlieuebauten zu sprengen. Links im Bild Pruitt Igoe, St. Louis 1972.

Der gewaltige Überblick von Archithese kann uns heute auf die Beine helfen. Fehler dürfen sich nicht widerholen. Z.B. die unbegründete Hochhausbesessenheit in Zürich; der respektlose Umgang mit der schön und topographisch interessant gelegenen Stadt. Eine europäische Stadt zu sein ist vergessen gegangen. Dazu kommt – ohne ans Ganze zu denken – die eindimensionale Zurverfügungstellung des Stadtraums als Investitionsareal. Der Zürcher Architekt Rolf Keller hat 1973 in seinem viel beachteten Buch «Bauen als Umweltzerstörung» Alarm geschlagen. Wir brauchen ihn heute wieder.

Rettung bietet sich jetzt (elegant!) von aussen an: Die Energiefrage verlangt «Low Tech», d.h. einfache Bauweise mit minimalem Technikanteil; Ökologie verlangt energiearme Baumaterialien und Kreisläufe; Stadtklima verlangt unbehinderten Luftaustausch. Damit fallen wohl als erstes die Hochhäuser vom Tisch. 

  • Brechen Sie einmal ein Hochhaus ab.
  • Sanieren Sie einmal die Fassaden eines Hochhauses (40 Mio für Hardautürme).
  • Ziehen Sie einmal ein Kind im 24. Stock auf.

Die Antwort ist der verdichtete urbane Flachbau in einem stark durchgrünten Stadtgewebe. Das macht glücklich und ist bezahlbar (Bild rechts)

Zürich, ein Möchtegern?

Die offengelegten Studien zur Revision des Hochhausleitbilds haben entlarvt, was in den Köpfen des Amtes für Städtebau vorgeht. Nicht nur wurden extreme Höhen gezüchtet, es wurde auch aus einer Reihe von Wettbewerbsbeiträgen das Konzept mit den grössten Höhen (bis 250m) ausgewählt. 

«zuerivitruv» möchte nach den ab 2. Februar publizierten Darstellungen im Stadtbild jetzt die Höhen auch spürbar machen – was es für jede einzelne Person ausmacht. Es geht um das ertragen der grosse Zahl und die damit verbundene Anonymität. Hier ein Versuch:

   « you count it – you never reach it »:

Die abgebildete Hochhaus-Wand in Hong Kong hält zum Zählen an. Man will im unendlich scheinenden Raster irgendwo Halt gewinnen. Rechts kommt man auf 29 Etagen und etwa 90 Meter Höhe. Also weit gefehlt bezüglich der Zielvorstellungen des Amtes für Städtebau und seinen Planungsgehilfen. Gehen wir nach fast ganz links, zählen wir 73 Etagen, was 220 Meter macht. Wieder gefehlt – für Zürich sollen es gemäss den ausgewählten Studien 250 Meter sein. 

Der Höhenplafond und die Ausnahme davon

Wir sprachen im vorletzten Posting von der Wichtigkeit, die Nahtstelle zwischen Gebäude und dem Strassenraum publikumswirksam zu gestalten. Wir turnen jetzt höher und begutachten den Stadthorizont. Paris hat – obwohl es die vierfache Einwohnerdichte von Zürich aufweist – den Horizont im Griff. Das ist der «Gabarit» – der Höhenplafond. 

Was darüber hinausschaut, muss einen Grund haben – es muss im öffentlichen Interesse sein. Das ist beim Centre Pompidou natürlich der Fall. Es wird aber auch da, wie Sie sehen, nicht übertrieben. Es geht um 1-2 Stockwerke und die berühmte Kaskaden-Rolltreppe bringt schon den Überblick.

Drängt jeder darüber hinaus und wird das jedem erlaubt, ist die Stadt bald verdorben. Das macht jetzt gerade Zürich indem der Hochbauvorsteher André Odermatt und seine Stadtbaumeisterin Katrin Gügler die Zügel schiessen lassen. Vermutlich kann einzig ein Moratorium für Hochhäuser ihnen das Handwerk legen. Sympathischer wäre es, sie hätten angesichts der Klima- und Energiefragen das Einsehen.

Stadt & Stadtseele

Dieser Kommentar zum Posting «La Tour noire» vom 13. April erreichte «zuerivitruv» per Instagram aus Südamerika: «Das schöne Paris vergewaltigt!» Mit der Übersetzung aus dem Englischen kommt die deutliche Aussage etwas anständiger daher. Eine Stadt kann einem also leid tun; sogar eine Grossstadt. Paris hat sich über Jahrhunderte Mühe gegeben, auch nach den Königen und Kaisern, denn schon 150 Jahre ist sie ununterbrochen Hauptstadt einer Republik. Schönheit und Stolz sind so gross, dass sie dem meist ungehobelten Anlagedruck auf Immobilien dieser Weltstadt standhalten. Seit dem 19. Jahrhundert wird dem Druck eine Form gegeben.

Kann einem Zürich wegen seinem im Westen und Norden wachsenden «Stoppelfeld»  leid tun? Was täte einem in Zürich leid? «zuerivitruv» denkt: Es sind die einerseits brutalen, anderseits wahllosen und ungeordneten Eingriffe durch Hochhäuser die die Stadtsilhouette aufbrechen. Weh tun kann auch die Schädigung der Quartiere im Nahbereich: Schatten, Anonymität, brutale Grösse. Im Stadtbild als Ganzem ist es schlichtweg eine Art von gebauter «Beleidigung».

Paris zeigt nach dem weitherum und immer noch bedauerten Betriebsunfall der Tour Montparnasse (1973), dass Investitionsdruck gelenkt werden kann und dass sich neue Bauten ins Stadtbild einfügen. Das kleine Zürich sollte ebenfalls fähig dazu sein. Es braucht dazu das Abtischen sowohl des bisherigen, als auch des sich im Delirium befindenden neuen Hochhausleitbilds. 

Urbanität oder Unwirtlichkeit

Urbanität beginnt im Gebäudesockel. Hier «spricht» das Gebäude mit der lokalen Welt auf dem Trottoir, der Strasse, dem Platz. Es geht um die gekonnte Behausung dieses Lebens an der Nahtstelle. Italien brachte schon vor Jahrhunderten die Arkade, Paris führte per Dekret 1863 das Mezzaningeschoss ein. Das ist eine Erweiterung des Erdgeschosses nach oben. Heinrich Ernst realisierte sein Mezzanin bereits 1892 in seinem prächtigen «Metropol», zwischen Stadthausquai und Fraumünsterstrasse gelegen. Für Kenner eines der besten Gebäude unserer Stadt. Schauen Sie, wie gekonnt der Architekt die Fassade von Erd- und Mezzaningeschoss in einer graugrün gestrichenen Eisenkonstruktion zusammengefasst hat! 

Der Prime Tower kann keinen Preis in Urbanität gewinnen: 

  • keine Arkade
  • kein Mezzaningeschoss
  • nicht einmal ein Erdgeschoss

Der Prime Tower verweigert das Gespräch, obwohl er im Zentrum eines neuen Stadtteils steht. Bald wird hier ein wesentlich grösserer Bahnhof gebaut; der Architekturwettbewerb ist längst ausgelobt. Es geht natürlich nicht, dass eine Glasfassade aus 126 Metern Höhe einfach in den Asphalt knallt und dahinter die ersten Arbeitsplätze mit ihren Computerbildschirmen hervorschauen.

Zürich hat ein Baukultur-Problem. Nicht nur im Stadtbild, auch im Detail. Eigentlich wäre für beides ein Stadtbaumeister zuständig. Der Gemeinderat und die Presse könnten sich der Frage annehmen. «zuerivitruv» will mit diesen Posting ein Zeichen gegeben haben.