Die Illusion der Aussicht

Wenn wir schon bei den Hochhäusern sind: Manhattan brachte bereits Ende des 19. Jahrhunderts solche hervor. Prominent: Das Singer Building des gleichnamigen Nähmaschinenherstellers. Dann Woolworth (Warenhauskonzern) bis zum Empire State Building (Rockefeller). Alle waren Bürohochhäuser, denen das auf-den-Leib-Rücken des nächsten kaum etwas anhaben konnte. Am Bildbeispiel des Flatiron Building sehen wir, dass der nächste Kandidat das Ende der Aussicht bedeutet. Im Falle einer Wohnnutzung ist das fatal und für die getätigte Investition ein grosses Risiko. Die erfahrene Zürcher Kantonalbank hat das bereits erkannt und ist schon auf Projekten ausgestiegen.

Alles spricht heute gegen das Hochhaus: Energieverbrauch, Ökologie, hohe Miete, Soziologie des Wohnens und das Stadtbild. Es bleibt nur die gefährdete Aussicht als Risiko des Investors. 

Kommen ebensolche Nachbarn – das zürcher Amt für Städtebau spielt mit dem Gedanken von Hochhausballungen – ist die entscheidende Aussicht dahin. 

     Bilder: Links Flatiron Building heute, rechts 1902. 

Auch besten Köpfen ist Städtebau ein Fremdwort

«zuerivitruv» hat einen der härtesten Jobs und weiss es: «Städtebau» ist weitherum ein Fremdwort und wird an einschlägigen einheimischen Ausbildungsstätten kaum unterrichtet. Als «zuerivitruv» 2020 eine Architektursemester an der ETH besuchte, hatte jeder Student sein Hochhaus auf dem Pult.

Der Text im Bild ist einem Interview des Tages-Anzeigers aus Anlass der Pensionierung eines prominenten Bankiers entnommen. Da spricht Investorensicht, falsch verstandene Modernität und die Absenz von (europäischer) Baukultur. Auch in den besten Köpfen segelt der Städtebau nur auf ganz dünnem Eis.

Ist Zürich nur noch Dépôt für Immobilieninvestitionen? 

Oder will Zürich eine schöne Stadt zum Leben sein?

Die triste East Side von New York

Der Verein «Pro Limmatraum» gibt in seiner im vorgängigen Posting behandelten Medienmitteilung der Befürchtung Ausdruck, die Limmatufer könnten mit Hochhäusern verbaut werden. Das ist begreiflich, denn in städtebaulicher Hinsicht gibt es kaum eine grössere Sünde als die Sonnenseite eines Gewässers mit einer Hochhauswand zu verstellen. Wer New York kennt – und «zuerivitruv» tut es – weiss, dass es nichts Tristeres gibt, als die dem East River zugekehrte Seite von Manhattan. Die Hochhauswand taucht das Ufer in einen traurigen Schatten. Auf dem Wasser gibt es kein Glitzern. Nur der grelle Himmel darüber sagt, dass die Sonne scheint. 

In Zürich wird der beliebte Wipkingerpark mit seinen Sitzstufen am Wasser das erste Opfer sein. Grotesk ist der Umstand, dass im Programm des Architekturwettbewerbs Hochhäuser ausgeschlossen waren, der 1. Preis dann aber doch an ein Projekt mit zwei Hochhäusern ging. Die Häuser befinden sich im Bau. 

Guter Städtebau eines Gemeinwesens ist die Suche nach Glück und einem schönen Ambiente für die Bevölkerung. Die in Gang gesetzten Planungen zeigen, wie weit entfernt von Realität, menschlichem Empfinden und Lebenskunst die Planungen des Amtes für Städtebau und seiner von ihm ausgesuchten Auftragnehmer sind.

Departementswechsel

Die Hochhausbesessenheit des Hochbaudepartements im Spiegel der Bevölkerung: «Pro Limmatraum», ein neu gegründeter Verein wendet sich erneut mit einer Medienmitteilung an die Öffentlichkeit. «zuerivitruv» pflückt ein pikantes Detail: Pro Limmatraum fordert in Kenntnis der bisher geheim gehaltenen Hochhausplanungen «dass der Hochbauvorsteher sein Departement an ein anderes Mitglied des Stadtrats per sofort abgibt».

Kontakt:  

 info@pro-limmatraum.ch

Schlussbericht zur Aktualisierung der Hochhausrichtlinien auf:

www.pro-limmatraum.ch

Es gibt nichts tristeres, als Hochhäuser am Wasser. Das belebende Element glitzert nicht und die Ufer liegen im Schatten. «zuerivitruv» gibt zu bedenken, dass Pro-Limmatraum nur einen Teil von Zürich, etwa zwischen Migros-Hochhaus und Werdinsel beidseits der Limmat abdeckt. Die hier in 3 Beiträgen ab 27. Januar 2022 bereits veröffentliche Stellungnahme der «Allianz lebenswerte Stadtentwicklung» zeigt, dass sich Widerstand regt gegen die hinter den Kulissen vorbereitete «Wuhanisierung» unserer Stadt. 

Paradebeispiel für das Zürcher Stoppelfeld

Die drei schwarzen Vulcano-Türme in Altstetten sind 2019 in Betrieb genommen worden. Geplant und bewilligt mussten sie schon Jahre zuvor sein, obwohl sie im Nirgendwo stehen und jede städtebauliche Begründung fehlt. Im selben Jahr startete auch die Testplanung zur Revision der Hochhausrichtlinien. Und im Bild sehen Sie das Lob der Stadtbaumeisterin Katrin Gügler: «gute Einfügung in die Umgebung und gelungenes Gesamtkonzept». 

So funktioniert Schritt um Schritt das Wachstum des unerfreulichen zürcher «Stoppelfelds»: konzeptlos und getrieben durch Zufall und das OK der Behörden. Gebautes Bild und Vorgehen kommen zur fatalen Deckung. Noch fragwürdiger ist die Absicht mit einem neuen Hochhausleitbild die zweite Stufe auf dem falschen Weg zu zünden.

Städtebau hat gefehlt

Schon vor der Offenlegung der lange unter dem Deckel gehaltenen Hochhausplanung durch den Tages-Anzeiger vom 1. Februar 2022 versuchte «zuerivitruv» bereits den Grund für die seltsame Leerstelle in Zürichs Städtebau zu finden. Seine Vermutung fiel auf die weitgehende Absenz von Städtebau an den Hochschulen: Architektur auf hohem Niveau JA, Städtebau NEIN. 

Die nun offengelegte Irrfahrt bezüglich dem künftigen Hochhausleitbild scheint zu bestätigen, was bisher Theorie und Vermutung war. Zum Städtebau gehörte nämlich die Kenntnisnahme der neusten Entwicklungen: Unter anderem Verdichtungsmöglichkeiten im urbanen Flachbau und dessen ökologische, finanzielle und soziale Vorteile. Zur Erinnerung in diesem Zusammenhang: Paris hat ohne Hochhäuser die vierfache Einwohnerdichte Zürichs. Das Fuchteln mit Hochhäusern an Stelle von zeitgemässer  Stadtplanung fühlt sich deshalb etwas peinlich an. 

«zuerivitruv» hofft, dass die Debatte um die sich aufdrängende Bauwende jetzt endlich geführt wird. Sie hätten vor den Hochhausstudien geführt werden müssen. Die Zukunft des Städtebaus in Zürich kommt vor Einzelaspekten der Architektur. Auf den Gemeinderat wartet in diesem Jahr eine noble Aufgabe.

Anlauf in die falsche Richtung

Das aus Stadtrat André Odermatt und Stadtbaumeisterin Katrin Gügler bestehende Team hat die von Stadtrat Elmar Ledergerber 2002 ausgelegten Hochhausgebiete in den letzten Jahren ohne wesentliche städtebauliche Kontrolle extensiv bewirtschaftet. Das Resultat – das chaotische Stoppelfeld von Zürich West und Nord – würde eher nach einem Moratorium für Hochhäuser rufen, als nach einem Weitermachen. Die Beratungen für neue Hochhausrichtlinien hätten angesichts des Paradigmenwechsels im Bauwesen in Richtung Ökologie ausgesetzt werden müssen. Stattdessen sind die Resultate der Testplanung für Hochhausgebiete seit Ende 2020 über die Richtplanabstimmung vom letzten November hinaus unter dem Deckel gehalten worden. Das war auch für die gegenwärtigen Wahlen vorgesehen, ist aber dank einer «Leakage» nicht gelungen.

Nachdem der Tages-Anzeiger den Inhalt dieser Planungen letzte Woche offengelegt hat, kommt einem die lasche Bewilligungspraxis und das resultierende Stoppelfeld, wie ein Vorspiel vor. Da sind China-Massstäbe vorgesehen: bis ¼ Kilometer nur schon gewisse  Gebäudehöhen. Auch vor Uferzonen wird nicht Halt gemacht. Fragt sich nur, ob dabei auch von Akteuren, wie «Evergrande» ausgegangen wurde. Ein Investorenschlachtfeld auf Kosten der Bevölkerung?

Das ist in der gegenwärtig grossen Bauperiode nicht die kompetente und sorgfältige Lenkung, die wir in einer gewachsenen europäischen Stadt erwarten. Sollen Ökologie, bezahlbare Wohnungen und lebenswerte Stadtquartiere eine Chance haben, bedarf es eines Moratoriums in der Hochhausplanung und des Starts eines zeitgemässen Konzepts im Zürcher Städtebau. 

Wohin geht die Planungsenergie?

Es muss in einer prosperierenden Stadt wie Zürich eine Planung geben. Da sind einerseits die Baugesetze mit der grundlegenden und für alle gültigen Bau- und Zonenordnung (die Bezeichnung ist gut und spricht für sich selbst). Dann gibt es das Amt für Städtebau. Die Bewohnerschaft einer europäischen Stadt erwartet Stärke in der Disziplin Städtebau: Ob in Athen, Rom oder in der Grossstadt Paris – es braucht eine Idee, nicht für das Bauen, sondern für das Weiterbauen des gewachsenen Stadtkörpers. 

Seit 2019 werkelt die Stadt Zürich hinter verschlossenen Türen über die Revision ihres Hochhausleitbilds, statt – heutzutage – zu fragen, wie es überhaupt unter den neuen Paradigmen von Klima und Umweltschutz weitergehen soll: Hochhausplanung statt Studium des zeitgemässen Städtebaus. Der Dank, diese Hochhausplanung ans Tageslicht gebracht zu haben, geht an den Tages-Anzeiger. Das obsolet gewordene Hochhausthema wurde vom Amt für Städtebau herausgepickt und mit viel Aufwand «geboostert». Die Überlegungen für zeitgemässen Städtebau bleiben derweil auf der Strecke. Das Bauen geht aber weiter – die Lücke wird immer grösser und das gebaute Wachstum ohne Gestalt.