Städtebau am Pfauen?

«zuerivitruv» könnte diesen Fall als «Idee für Zürich Nr. 2» bringen, doch datiert er über zehn Jahre zurück. Eine nichtgenanntwerdenwollende Person sagte dazumal: «Zürich ist eine Bankenstadt – Chipperfield baut ihnen jetzt einen Tresor».

Da gab es, besonders aus heutiger Sicht, eine bessere Idee. Sie kam etwas spät, denn der Gestaltungsplan für den «Mocken» im Stadtbild lag bereits vor. Doch die Idee war mit ihrer ökologischen Sanftheit und der städtebaulichen Klugheit ihrer Zeit voraus. Lassen wir die Bilder sprechen: links der heute gebaute Stand, rechts die damals vorgeschlagene Alternative.

Zürich hätte in Europa mit einem Stadtpark inmitten eines Museumskomplexes punkten können. Ein elektronisches Sammelbillett hätte die drei thematisch verschiedenen Museen erschlossen. Anstelle eines Neubaus wäre das Gebäide der Alten Kantonsschule und das Schulhaus Wolfbach Museumserweiterung geworden. Die Park-Mitte mit einer Gastronomie- und einer Eventhalle wäre öffentlich und geräumig gewesen. Jetzt ist die Mitte durch den Klotz besetzt und sagt «weg mit Euch». Dem Pfauen ist die Seele verloren gegangen. Nicht nur das: auch eine innerstädtische Perspektive vom Kunsthaus hinauf bis zur Alten Kantonsschule. Das ist immerhin der stolze Prachtbau des Zürcher Frühliberalismus, Freitreppe eingeschlossen. Gute europäische Städte offerieren zur Verbesserung des räumlich-visuellen Klimas ab und zu eine innere Perspektive. Denken wir dabei an Wien mit der befreienden Sicht zur Gloriette hinauf, oder an Rom mit der spanischen Treppe.

Welche Verdichtung?

Europäische Städte sind im 19. Jahrhundert in hoher Dichte ausgebaut worden. Paris und Barcelona weisen die höchsten Werte auf. Gemessen wird Dichte mit der Ausnützungsziffer, die das Verhältnis der Geschossflächen zur Grundstücksfläche der Bauparzelle ausdrückt. Die Zürcher Wohnbebauung Selnau, die gefühlsmässig schon sehr dicht daherkommt, hat einen Wert von 1.7 und die neuere Bebauung «mehr als wohnen» in Leutschenbach 1.5 (oberes Bild). Das sind die Dichten, in denen es sich noch gut leben lässt. Leutschenbach weist mit seinen 13 Gebäuden einen Platz und eine Grünfläche auf – vorbildlich – das ist «mehr als wohnen». Die Beispiele zeigen, dass gegen 2.0 die Menschlichkeit langsam aufhört.

Das Leben muss der Massstab sein. Verdichtung ist in unserer Schweiz der Gegenwart wenig beliebt, aber als Notwendigkeit unbestritten. Was in menschlicher Hinsicht nicht akzeptabel ist, ist die Praxis der punktuellen Überverdichtung des Amtes für Städtebau. Zwei geplante Vorhaben – die beide noch verhindert werden könnten – sollen dies veranschaulichen. Das Projekt Ensemble (Hardturm) versteigt sich in seinem Wohnteil auf sagenhafte 5.9 und das Projekt Heinrichstrasse im Kreis 5 (unteres Bild) auf 4.5. Und das in einer Gegend, in der Dichten um 2.0 herrschen. Diese Praxis der punktuellen Überverdichtung schädigt das Umfeld durch «Overcrowding». Ohne Hochhäuser ist das nicht mehr möglich und führt zwangsläufig zu Batteriehaltung von Menschen; Familien eingeschlossen. Da die Standorte zufällig sind, fehlt jegliche städtebauliche Begründung. Das ist der Motor für die weitere Verbreitung des hässlichen Zürcher Stoppelfelds. Ein klassischer Fall von städtebaulichem Versagen seitens der Baubehörden.

Das Herausragen im Stadtbild

Ein europäisches Stadtbild geht ganz schnell kaputt. Das Herausragen macht es aus. 

Wer darf? In Paris nur Bauten, die für die Öffentlichkeit von Bedeutung sind. Die Notre Dame, die Opéra, der Eiffelturm und der Grand Palais. Neueren Datums das Centre Pompidou und die Bibliothèque Nationale.

Die übrige Stadtsubstanz hält sich seit Haussmann an einen Höhenplafond – «le Gabarit». Das gibt der grossen Stadt Gelassenheit und macht sie für alle lesbar. Das ist ein humanistisches Konzept. Zürich ist diesbezüglich eine Stadt ohne Konzept. Im oberen Bild sehen Sie, was daraus entsteht: ein chaotischer Ausdruck, ein zufälliger Wildwuchs; wenn Sie wollen ein hässliches «Stoppelfeld».

Täuschen wir uns nicht, dieser «Tapis de Paris» ist (ohne das zufällige) Hochhaus von grösserer Dichte. Das beginnt schon bei der Höhenteiligkeit der Gebäude. 2 + 3 + 1 heisst die Regel: Erdgeschoss und Mezzanin haben Bezug zur Strasse, darüber kommen 3 Wohngeschosse und leicht zurückversetzt eine Attika. Daraus resultiert eine kompakte und flächige Grundsubstanz, die von «Bedeutungsbauten» überragt werden darf. Das grosse Prinzip überdauert die Epochen, die einzelnen Bausteine sind zeitgebunden.

Nach der Abstimmung über die Zürcher Richtpläne, welche für die Frage keine Regelung bringen, hilft uns vielleicht Ökologie und Klima. Beides bietet genügend Anlass, das Steuer herumzureissen und ab jetzt mit zeitgemässen Leitsätzen weiterzufahren. Das nennt man Paradigmenwechsel. Das in Beratung stehende Hochhausleitbild kann dann getrost in der Schublade verschwinden.

Ideen für Zürich Nr. 1a: „On Fait la Fête

Das 13ème Arrondissement von Paris macht es vor: Die Mairie organisierte am 19. Juni 2019 ein grosses Fest unter der Brücke der Métro Aérien. Wie Sie sehen, ist das Dach eine stolze Konstruktion aus Eisen, auf der die Züge der Métro zirkulieren. Baujahr um 1900.

In Zürich sind die beiden Ufer links und rechts der Hardbrücke schon heute viel bedürftiger. Und bald wird der Bahnhof Hardbrücke erneuert und vergrössert. 

Der ganze Bereich wird in der Stadt Zürich noch viel mehr Gewicht erhalten. 

Die künstlich getrennten Teile wollen kommunizieren und besser durchquerbar werden. Wird umgebaut, wie im letzten Posting vorgeschlagen, rauschen die Ufer zusammen!

Ideen für Zürich Nr.1: Herz der Artischocke

Verlassen wir die Thematik des nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit stehenden Richtplans, denn er wurde vom Volk angenommen und es geht ab jetzt, wie besprochen, um die Langfristige Umsetzung mit den heute angesagten Korrekturen.

Wenden wir uns, wie ein Arzt, dem Stadtgewebe zu; «urban fabric» auf Englisch. An einer Veranstaltung in Zürich West wurde kürzlich die Pflege der verschiedenen Wachstumszonen angemahnt. Da hinein passt das Umfeld der Hardbrücke – ein klassischer «Flyover» aus dem letzten Jahrhundert. Die vor wenigen Jahren erfolgte Revision der Brücke wurde von talentierten Architekten begleitet. Öffentlicher Verkehr und Velo kommen besser zum Zug. Haltestellen wurden auf Auskragungen der Brücke lokalisiert und erhielten sehr schön detaillierte Spiraltreppen mit Lifts. Der Zusammenhang zwischen der hochliegenden Verkehrsebene und dem Stadtleben auf der grundebene ist intimer geworden. Es gibt jetzt auf der Grundebene einige aus Gebäuden vorstossende Cafés mit weissen Sonnenschirmen. Der vielgeschmähte und ursprünglich als Notlösung gedachte Flyover ist auf dem Weg der Domestizierung. Der «böse» Verkehr gleitet je länger je mehr fast unbemerkt über die Szene, die noch nicht ganz zu einer solchen geworden ist. Doch bewegen wir uns durch den Umbau fast unbemerkt auf einen Kippeffekt ins Positive zu.

Einerseits ist der schwebende Körper der Hardbrücke, besonders nachts, zum stärksten ordnenden Element im chaotischen Zürich West geworden. Die geniale Perimeterbeleuchtung macht es aus. Anderseits fehlt der Grundebene die «Seele». Wie konnte man nur Tramwagen, die über ein eigenes Dach verfügen, unter diesem teuren Dach zirkulieren lassen? Damit wurde das Herz der Grundebene unnötigerweise zerstört. Die beiden Seiten können nicht kommunizieren und der zentral liegende Tramkanal ist von grosser Unwirtlichkeit. Das ist eine rein technokratische Lösung ohne einen einzigen Gedanken an den Städtebau.

«zuerivitruv» schlägt deshalb vor, das grosszügige Dach zur frei begehbaren Mitte zu machen und der interessanten Betonstruktur ein helles Futter zu geben. Die ganze Umgebung der Hardbrücke wird immer zentraler und bedeutender, leidet aber seit Jahren unter dem Mangel an Aufenthaltsqualität. Wohin mit dem Tram? Wohin es gehört: auf die Strasse.  Der dortige Autoverkehr ist derart gering, dass die Integration des Trams problemlos ist. Im stark zementierten Zürich West müsste niemand mehr Schatten suchen und niemand mehr den Schutz vor den Regentropfen. Hier kann die Keimzelle für ganz viel Entfaltung geschaffen werden. Im delikaten Herz der Artischocke!

Richtplan 1 Schritt hintendrein?

Vitruv, der 24 vor Christus seine 10 Bücher über Architektur für Kaiser Augustus verfasste, begann im ersten Kapitel mit dem Städtebau. Er liess auch baupraktische Aspekte nicht aus. Wenn «zuerivitruv» jetzt gerade Umschau hält, muss er sich bombardiert vorkommen. In der Ausgabe vom letzten Samstag der NZZ wird auf ganzen 4 Seiten erklärt, wie der Weltkonzern Nestlé klimaneutral werden will. Ja, der Wille geht bis zu den Zulieferern, unseren Schweizer Kühen. Und heute liegt der Architekturzeitschrift werk/bauen und wohnen eine Beilage über Kreislaufwirtschaft im Bauwesen bei.

Im Vergleich zu dieser Lawine von höchster globaler und lokaler Aktualität zugleich, müssen wir uns mit unserer Zürcher Praxis der Hochhausförderung im letzten Jahrhundert wähnen. Dabei kommen Ökologie, Graue Energie und auch der soziale Aspekt des Bauens zu kurz. Die oben genannten Zeitzeichen gehen bereits einen Schritt über den geistig im Richtplan Siedlung noch nicht bewältigten Schritt der Stadt Zürich hinaus: Es wird von Kreislaufwirtschaft gesprochen und damit umweltmässig von A bis Z gedacht. 

Das ist echtes zivilisatorisches Engagement! Schauen wir doch, dass wir unser Bauen wenigstens energetisch, ökologisch und klimatisch in den Begriff bekommen. Beginnen wir doch damit, mit sanften Materialien im urbanen Flachbau – das heisst ohne Hochhäuser – innerhalb der geltenden Bau- und Zonenordnung qualitativ hochstehende  Siedlungen zu realisieren. Dann stimmt auch eher die Soziologie im Haus, in der Nachbarschaft und im Quartier. Sie ahnen es: Es kommt dann wie von selbst alles zu stimmen – auch unser Stadtbild. Mehr getraut sich «zuerivitruv» für heute nicht in die Zukunft hinauszulehnen.

leicht verführbar?

Hier kommt noch eine Überlegung zum Resultat der Richtplanabstimmung: Das Bild links zeigt über 70% Zustimmung zum «Richtplan Siedlung» in den Stadtteilen, die von der Hochhauswelle am meisten getroffen werden können: mit künftig unbeschränkten Gebäudehöhen und dazu noch der Möglichkeit von Hochhausballungen. Ist man in Zürich so leicht zu solchem Pseudo-Fortschritt verführbar?

Nein – die Stimmbürgerschaft konnte es nicht wissen, denn diese beiden Hochhausfreigaben sind im Abstimmungsbüchlein unterschlagen worden. Auch die Presse hat nicht genügend aufgeklärt. Die NZZ nur ganz schüchtern betreffend die Höhen. Der Tages-Anzeiger überhaupt nicht.

Gibt es einen Trost, oder müssen die Bewohner der Kreise 3, 4, 5, und 11 ab jetzt jederzeit einen Gulliver in der Nachbarschaft gewärtigen? So, wie es gerade der sorgfältig geplanten Siedlung «Mehr als Wohnen» in Leutschenbach geschieht? Der dicke Turm, ein «Placement» der Swiss Life, ist ausgesteckt, die Visiere stehen. Im Bild rechts sehen Sie eine unschöne Konfrontation in Altstetten.

«zuerivitruv» sieht die Zukunft wie folgt: Es ist zu erwarten, dass die bisherige Hochhausbesessenheit des Bauamtes ungebrochen weitergeht. Die unlimitierten Gebäudehöhen und die Möglichkeit von Ballungen müssen jedoch zuerst vom Richtplan in die Gesetzgebung einfliessen. Da der Richtplan bezüglich Ökologie und Klima nicht auf der Höhe der Zeit ist, ist denkbar, dass weitere politische Parteien zur Vernunft umschwenken und sich für eine Verdichtung im Rahmen des zonengemässen urbanen Flachbaus stark machen. Sollten politische Parteien das Thema in den kommenden Wahlen thematisieren, könnten sie punkten, denn niemand wünscht sich den Wohnsilo eines Immobilienkonzerns als Nachbarn.

Kein Wuhan bitte!

Kein Silodasein im Hochhaus! Das ist weder schweizerisch noch europäisch. Diese Erfindung der vergangenen «Moderne» ist längst soziologisch und ökonomisch infrage gestellt. Wohnblöcke in Marzahn (ehem. Ostberlin) und in Paris die Siedlung «Cité des 4000» sind abgebrochen. Doch immer flackert die Hochhausidee wieder auf. Es muss psychologisch sein. Handelt es sich um Fussball, endet es mit 1 : x; beim Hochhaus jedoch immer im Beton und dies für alle Ewigkeit. Ökologie, Stadtdurchlüftung, Soziologie, Stadtbild, alles spricht dagegen. Statt schädlicher Kraftakte, ist heutzutage die Schonung des Planeten angesagt. Mildere Baumethoden bringen auch friedlichere Bebauungsformen: Haus, Strasse und Quartier durchgrünt und im Gleichgewicht; das Haus und seine Umgebung im Zusammenhang.

Wer will denn noch das Hochhaus? Es ist einzig der Investor. Er ist am «Placement» seines Kapitals interessiert. Der der Stadt geschuldeten Baubeitrag interesseiert ihn weniger. Tun dass die meisten Investoren, geht die Baukultur auf Talfahrt. In Zürich resultiert das formlose «Stoppelfeld» der neuen Hochhäuser. Das ist die unwillkommene Art von Unternehmertum. Die Stadt muss – wie beim Judo – den Angriff parieren und lenken. Eine gute europäische Stadt kann das. Kann es Zürich? 

Im Bild ist festgehalten, um was es einzig geht: Mehr Miete für den Immobilienkonzern ab dem 7. Stock. Und damit verbunden: über uns hinwegschauen. Die Nachteile mit der verstellten Nachbarschaft tragen dann wir alle. Das ist unsere ungefragte Opferrolle, wenn künftig nicht eine gewisse Ordnung das Bauen der Stadt regelt. Die ist mit der Bau- und Zonenordnung zwar längst gegeben, wird aber zugunsten dieser schädlichen Eingriffe umgangen. Das missbrauchte Instrument dafür ist der sogenannte Gestaltungsplan. Der Pförtner ist immer wieder das Amt für Städtebau, eine Abteilung des Hochbaudepartements unter Leitung von Stadtrat André Odermatt.